Idles – Ultra Mono

von am 2. Oktober 2020 in Album

Idles – Ultra Mono

How d’you like them clichés?“ fragt Joe Talbot und übersieht dabei möglicherweise, dass seine Band selbst zu einem geworden ist: Idles spielen auf Ultra Mono simplen, oft eindimensionalen (Post) Punk mit eingängigen Refrains und bisweilen unpackbar prätentiösen Texten.

Auf dem Papier klingt die Entwicklung des Quintetts zu ihrem Drittwerk ja absolut perfekt: Idles verkneifen sich diesmal derart penetrant mit dem Vorschlaghammer gezimmerte Mitgröhl-Smasher wie Danny Nedelko diesmal, behalten die Eingängigkeit von Joy as an Act of Resistance aber weitestgehend bei, obgleich die Band ihre Gangart dabei rauer und dringlicher zum Debüt Brutalism zu bürsten versucht, den Sound dreckiger gestaltet und die Zügel wieder enger sitzen sollen – quasi (mit Ausnahme des bedächtig entschleunigten Highlights A Hymn, das atmosphärischer bis in den Postrock schielt) durchaus eine umgekehrt proportionaler Weg, den Fontaines D.C. jüngst mit A Hero’s Death eingeschlagen haben.
Einzig: In der Praxis knickt das aufgefahrene Material qualitativ schnell ein. Instrumental gelingen der Band nach einer durchaus ambitionierten Eröffnungsphase kaum nachhaltige Szenen, das Songwriting ist betont simpel und direkt. Ab der Vorabsingle Mr. Motivator – die bereits relativ uninspiriert um die üblichen popkulturellen Referenzen poltert („Like Conor McGregor with a samurai sword on rollerblades/ Like Vasyl Lomachenko after four pints of Gatorade/ Like Kathleen Hanna with bear claws grabbing Trump by the pussy/ Like Delia Smith after ten chardonnays making me a nice cookie„), bevor sich die Band zu einem banal gesungenen Refrain zwingt, der die Partystimmung etwas zu bemüht und aufgesetzt an Bord holen will – wirken die nachfolgenden Nummern gar gleichförmig aus dem Baukasten gezogen und nur vage variiert, tatsächlich inspirierte Motive, Riffs oder Figuren sucht man vor ein paar noisiger aufgeriebenen Facetten und einem kraftvollen Auftreten samt energischen Spielweise umsonst, bevor es sich die schmissig agierenden Refrains meist zu einfach im Momentum machen.

War beginnt also aufgeregt, geht mit dissonanter Kante simpel peitschend nach vorne. Die Band brüllt stumpf eine Titelerklärung, bevor als Klimax noch eine gute Melodie ausgepackt wird und Grounds ist als zweites aus dem restlichen Rahmen fallendes Stück zwar einen Unfall aus Industrial- und Hip Hop-Versatzstücken darstellt, einen stampfenden Stackser, abwartend groovend und stichelnd, mechanisch aufgerieben, zumal als einzige Nummer die Beteiligung von Kenny Beats zumindest erahnbar machend. Zwar repetiert die Gruppe die grundlegende Idee nur monoton, das auftauchende Saxofon von Colin Webster ist wie in allen anderen Nummern frustrierend ineffektiv verschenkt, und die Auflösung als Druck auf den Verstärker samt „Unify!„-Forderung ist so sehr nach Formelkatalog montiert wie möglich – doch die zumindest ansatzweise aus der Komfortzone ausbrechende Ästhetik macht Ultra Mono hier ausnahmsweise spannend und interessant, zeigt den Horizont der Band im Gegensatz zu weiten Strecken der Platte nicht zu beschränkt.
Da brechen selbst illustre Beiträge den MO nicht auf: Kill Them With Kindness täuscht etwa vor seinem Zug zur stampfend-catchy Hook und metallischer mahlendem Ohrwurmkurz die klimpernde Klavier-Ballade an, doch ist dies eine reine Alibihandlung: Jamie Cullum hätte hier als Tastenmann übrigens ebenso beliebig durch einen weniger prominenten Namen getauscht werden können, so wenig individuell ist sein Beitrag – ähnlich verhält es sich übrigens auch mit Warren Ellis oder David Yow auf der Gästeliste. Ne Touche Pas Moi agiert so lange packend, bis Jehnny Beth als Retourkutsche für To Love is to Live neben der feinen Dirty Dancing-Referenz skandierend die nervige Einzeiler-Parole auspacken darf – man hängt zur Sicherheit trotzdem noch ein paar „Consent!“-Forderungen an.

Und freilich sind das alles Attacken, die die eingefleischte Basis zufrieden stellen dürften, live (gerade zwischen älteren Stücken eingestreut…sofern es irgendwann wieder Konzerte geben wird zumindest) sicher auch wieder noch besser funktionieren werden, als auf Platte. Am Stück konsumiert wirken Idles diesmal aber durchaus ermüdender als bisher.  Im wenig originell anziehenden Anxiety agiert die Band mit dem äquivalenten Tiefgang von Anti-Flag, alle dürfen „Anxiety!“ brüllen, weil kein Song ohne Schlachtruf auskommen muß. Auch Model Village will im Chorus süffige Kehlen hören und davor den Rock’n’Roll sehen, doch selbst alte Ausschussware hat da früher mehr gezeigt. Das Schlußdrittel ist hingegen die stärkste Phase der Platte, ungeachtet bleibender Schönheitsfehler: Das lauernde Carcinogenic ist schmissig und zeigt Drive, das einnehmende Reigns lässt dystopischer schattiert mit den Ansätzen jazziger Bläser so viel Potential liegen, weil hier keine daraus resultierende Radikalität, keine Entwicklung auszumachen ist, das düstere The Lover trotz seiner eruptiven Griffigkeit sogar noch eklatanter vorführt, wieviel nachhaltiger die nicht minder sozialpolitischen Algiers auftreten, bevor Danke genauso klar die Limitierungen der Band wie ihre kanalisierte Energie vorführt.

Dennoch ist das größte (und in der Bewertung einen Punkt kostende) Manko von Ultra Mono ein anderes. Weiterhin sorgt Talbot an vorderster Front für die Hooks, freilich auch wieder über eine herrlich prollig-packende Performance. Der vermittelte Inhalt wirkt dafür im dritten Anlauf, eventuell ja vom allgemein euphorisch rezeptierten Senkrechtstarter Joy as an Act of Resistence sowie der eigenen Positionierungssucht berauscht und übersteuert, in den schlimmsten Fällen hingegen gar wie eine auf den Grundlagen des Vorgängeralbums erstellte Persiflage, ein Sammelsurium aus politisch korrekten Slogans Schlagworten.
Das ist gerade deswegen so anstrengend, weil Talbot dabei durchaus stets authentisch wirkt, die Einstellung der Band ja auch eine gute ist – das macht nur banale Zeilen wie „You only die once, you never come back, you’re gone when you’re gone, so love what you can.“ nicht weniger cheesy, penetrant und hipster-brachial prätentiös. Was durchaus wie eine Intensivierung der Konsequenz auftreten hätte können, wirkt viel mehr wie eine aus den Fugen geratene Selbstinszenierung, weswegen sich die Band so mit vollem Anlauf in Klischees und Tropen an ihren mindestens soliden Genre-Nummern scheitert. „Wa-ching!/ That’s the sound of the sword going in/ Clack-clack, clack-a-clang clang!/ That’s the sound of the gun going bang-bang/ Tukka-tuk, tuk, tuk, tuk-tukka/ That’s the sound of the drone button pusher/ Shh, shhh, shhh!/ That’s the sound of the children tooker/ Ahhh! (ahhh!)/ …/ This means war!/ Anti-war!/ WAR!„. Oder : „“Ar! Ar! Ar! Ar! Ar!“, said the puppy to the snake/ Don’t you mind people grinning in your face/ Ding-ding-ding-ding-ding, said the champ to the chase/ Woo„. Oder „„Wa-wa-wa, woo-woo-woo“ said the flower to the sun„/ …/ „Gna na na na na gnaw“, said the beaver to the dam„/…/ „Woo!/ Ay ya ya ya ya ya ya ya there ain’t no doormats here.“ Oder „I want to cater for the haters/ Eat shit„. Die Liste der spontan entstandenen Fehlzündungen ließe sich (auch im jeweiligen vollständigen Kontext belassen) leider schier endlos fortsetzen, ist dann aber doch auch Teil eines positiven Aspektes: Man muß Idles im positiven wie eben negativen einfach anrechnen, dass sie dem Hörer nicht egal sein können.

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