Interview: Joe Volk

von am 11. Dezember 2012 in Featured, Interview

Interview: Joe Volk
© Sadie Blackman

Spätestens seit seinem Debütalbum als Solomusiker zählt Joe Volk zu einem festen Bestandteil der Invada-Szene rund um die Portishead-Musiker Geoff Barrow und Adrian Utley. Mit Gonga zelebrierte er davor bereits zwei Alben lang wuchtigen Stoner-Rock, bei der prolongierten Supergroup Crippled Black Phoenix stand der Mann mit der leisen Stimme danach bis zum diesjährigen ‚Mankind: The Crafty Ape‚ vor dem Mikrofon.

Weswegen Volk unmittelbar nach den Aufnahmen zum offiziell dritten Crippled Black Phoenix-Album ausstieg und auf der aktuellen ‚No Sadness or Farewell‚- EP bereits durch John E. Vistic ersetzt wurde, darüber will der Urenkel von Magnus Volk kein Wort verlieren („darüber werde ich auch nie sprechen, nur glaub mir, ich hatte verdammt gute Gründe die Band zu verlassen!„). Es gibt allerdings ohnedies genug andere Dinge zu besprechen. Wo der schon so lange angekündigte Nachfolger zu Derwent Waters Saint bleibt etwa, oder noch aktueller: Volk’s unlängst auf Invada erschienene Split-Single mit den japanischen Alleskönnern von Boris.

Heavypop: Wo, wann und mit wem hast du deine Songs denn aufgenommen?
Joe Volk: „Ich habe sie im Februar 2012 in meinem eigenen Studio aufgenommen, das liegt in Easton, Bristol und gehört einigen Künstlern, Mivart Street heißt es. Ich habe mit meinen Raum von Jim Barr, dem Portishead-Bassisten gemietet, mein Studio ist also ein Raum in seinem Studio-Komplex. Die EP wurde dann bei State of Art gemixt und bei Optimum gemastert. Zur Besetzung: Nadine Gingell hat die Backing-Vocals beigesteuert, Guy Metcalf von Though Forms spielte Schlagzeug und Charlotte Nichos Cello. Alle haben ihre eigenen Parts geschrieben. Die Cello- und Drumparts habe ich dann zerstückelt, wieder zusammengeklebt oder aufeinandergeschichtet. Generell habe ich alles selbst aufgenommen,  überwacht und produziert.

Inwiefern waren Boris in den Entstehungsprozess eingebunden?
Was die Musik an sich angeht, gab es keinerlei Interaktion. Sie haben in Tokyo gearbeitet. Ich in Bristol. Sobald wir unser Material fertig hatten, haben wir es und gegenseitig zugeschickt. Wir waren aber von Anfang an zuversichtlich, dass wir die Songs des jeweils anderen sicher mögen würden, anders wäre die ganze Sache grundsätzlich nicht zustande gekommen. Wir sind ja Fans voneinander. Der ganze Prozess war also eine reine Freude. Ihre Tracks sind zudem auf Augenhöhe mit ihren besten Arbeiten. [~Meine Tracks sind halt was sie sind und das waren sie schon immer, sind es jetzt und werden das auch bleiben.]

Im Pressetext zur EP heißt es: „Dieses Split-Album ist eine Zusammenführung verschiedener Stile aus dem selben Gedankengut. Eine Geschichte, erzählt auf zwei Arten.“ – was genau ist damit bitte gemeint?
Das habe ich nicht geschrieben. Ich denke aber das bedeutet, dass Boris und ich in gewisser Weise polare Enden eines musikalischen Spektrums sind, die sich dennoch berühren. Wie ein Venn-Diagramm. Alle Genres berühren sich in gewisser Weise. Wir sind alle Nick Drake Fans. Vielleicht kannst du also Nick Drake in den Bereich schreiben, wo sich unsere beiden Kreise auf so einem Venn-Diagramm überschneiden. Das würde die Frage wohl beantworten.

Der Gedanke einer Kooperation zwischen euch geht ja zurück bis ins Jahr 2007: hast du seit damals permanent in Kontakt mit Boris gestanden?
Atsuo und ich standen in Kontakt. Er war mein erster Kontakt  mit der Band. Er zeigte beginnendes Interesse an meiner Arbeit und mir gefiel was Boris machten. Wir trafen uns also am ATP, das Posrtishead kuratiert hatten, tauschten E-Mail Adressen und standen so seit 2007 in Kontakt miteinander. Boris haben mich dann 2008 eingeladen, sie in London im Cargo zu supporten. Ein oder zweimal haben sie mich dann noch einmal eingeladen, aber da war ich eben immer auf Tour mit Crippled Black Phoenix. Boris sind demütige und höfliche Menschen und es war eine reine Freude mit ihnen zu touren.

Hast du ein Lieblings-Boris Werk unter all den Veröffentlichungen ihrer riesigen Discographie?
‚Rainbow‘.“

Kommen wir zu deinem zweiten Studioalbum, wie läuft es denn da?
Es läuft gut. Es lässt aber ohnedies schon lange auf sich warten. Viele Songs wurden geschrieben und wieder verworfen, die nun niemals das Licht der Welt erblicken werden. Aber es ist beinahe fertig.

Hast du schon irgendwelche Details wie Namen, Credits oder Vergleiche zu ‚Derwent Waters Saint‚?
„Das neue Album wird weitaus mehr Instrumentation beinhalten als das letzte. Es wird auch nicht so düster wie ‚Derwent Waters Saint‚. Dessen Songs wurden alle um die Zeit herum geschrieben, als mein Vater starb. Viele davon sogar direkt als ich Zuhause war und meiner Mutter half meinen Vater zu pflegen, kurz bevor er starb. Das sind also verdammt traurige Songs für mich.
Ich habe die Arbeit am neuen Album wieder mit Hilfe von Adrian Utley begonnen, wir nahmen die Gitarre und Vocals für ungefähr acht Songs auf. Drei dieser Songs werden mittlerweile von Bristol Ensemble Orchestra unterstützt. Die Orchestration wurde von meinem Freund Ben Salisbury geschrieben. Er hat übrigens Anfang des Jahres ein Album mit Geoff (Barrow) als Drokk veröffentlicht. Ich hab dann sporadisch ein paar Monate mit Ben damit verbracht, kleine Puzzleteile zu den Songs hinzuzufügen, die mit Adrian entstanden waren. Im vorletzten Sommer habe ich damit begonnen wieder neue Songs zu schreiben, diesmal mit gemeinsamer Unterstützung von sowohl Adrian als auch Ben.
Das alles dauert aber natürlich, denn die letzten 5 Jahre war ich ziemlich beschäftigt mit
Crippled Black Phoenix. All die Leute, mit denen ich zusammenarbeite waren mindestens genauso eingespannt bei anderen Projekten, es ist also schwer, da immer gleich Zeit zu finden.“

Werden ‚Call to Sun‚ und ‚Finnland‚ auf dem Album zu finden sein?
Nein. Die wurden speziell für die Split-Ep mit Boris geschrieben und werden auf keinem anderen Release erscheinen.

Wann wird das Album fertig sein?
Das wird 2013 sein.

Wie wichtig ist eigentlich der Einsatz von Stille in deinem Songwriting?
So wichtig wie der Einsatz von Musik.

Und wie schreibst du deine Songs im allgemeinen?
Die Musik entsteht zuerst. Zuerst schreibe ich etwas auf der Gitarre, was dann erst einmal als Instrumental-Nummer im Raum stehen bleibt. Das spiele ich dann immer und immer wieder, bis sich allmählich eine Gesangsmelodie zu formen beginnt. Bei den Worten tue ich mir immer schwer, dieser Prozess verschlingt eine Menge Zeit. Der Text braucht deswegen auch am längsten und entsteht ganz am Ende. Harmonien und andere Instrumente füge ich erst während des Aufnahmeprozesses hinzu.
Seit dem Sommer komponiere ich aber übrigens auf eine vollends andere Art: ich schreibe eine Basis-Gitarren-Linie und nehme sie auf. Darüber improvisiere ich dann Gesang und nehme davon bis zu sechs verschiedenen Versionen auf. Die höre ich mir dann an und schneide sie alle, sehr herb und schnell, ohne zuviel darüber nachzudenken. Dann bastle ich all die Stücke wieder zusammen bis ich einen Song habe. Wenn er mir gefällt, lerne ich ihn zu spielen. So schreibe ich also momentan meine Songs.

Wo wir schon beim Moment sind: hat sich dein Leben stark verändert, seit du Crippled Black Phoenix verlassen hast?
Ich habe jetzt mehr Kontrolle darüber was ich tue, wo ich meine Energien hinlenke. Ich vermisse es aber, derart exzessiv zu touren, wie wir es getan haben und ich vermisse die Energie, die es mit sich bringt, in einer großen Gruppe wie Crippled Black Phoenix zu spielen – auf die selbe Art, wie ich die intensive Energie vermisse, die mit Gonga entstand. Ich vermisse meine Freunde in der Band. Ich vermisse es, mit anderen gemeinsam Musik zu schreiben.

Wenn man sich die Nominierten der Mercury-Liste ansieht – dieses Jahr oder die davor – scheint es, als wäre deine Musik ziemlich weit weg von all jenen Künstlern. Ist es ein erklärtes Ziel von dir Musik zu kreieren, die auf ihre Art zeitlos ist, so ganz ohne Hipster– oder Zeitgeist-Anleihen.
Nein, nicht wirklich. Würde ich versuchen etwas zu kreieren, das explizit nicht „hipster“ ist, wäre das doch nur genauso lahm wie zu versuchen, etwas zu schreiben, DAS „hipster“ ist. Musik ist schlicht, was aus dir entspringt. Ich denke, Menschen, die Musik gezielt in ein gewisses Genre hineinpferchen, nur weil es gerade Mode oder sonstwas ist, sind irgendwie bescheuert. Aber das ist nur meine Sichtweise auf deren Musik und ihre Gründe diese zu kreieren – wenn diese Leute aber glücklich damit sind, dann ist das nur recht und gut. Ich mache Musik, weil ich das schon immer tat und ich den Drang dazu verspüre. Es ist absolut natürlich für mich.

Ganz allgemein: warum machst du professionell Musik und wann hast du dich dazu entschieden?
Ich habe mich dazu entschieden mich der Musik unbeugsam zu widmen, nachdem mein Vater starb. Ich mache es, weil ich es liebe, es ist eine gute Sache um meine Zeit zu verbringen, ich sehe viel von der Welt und lerne viele Menschen kennen – manche interessanter als andere.

Kannst du von deiner Musik leben?
Ich arbeite als Musiker und ich arbeite auch für einen Dummkopf namens Jonathan Kay. Das reicht zum überleben. Ich kann meistens tun was ich will und ich bin glücklich. Jeder der das hier liest sollte übrigens einen Jonathan Kay-Workshop buchen.

Gibt es zurzeit noch igendwelche anderen Projekte, an denen du gerade arbeitest?
Ein paar Fuckstep-Projekte mit dem Mental Rides Collective, genauso wie ein paar Projekte mit Ben Salisbury in Aussicht sind.

Wie steht’s mit einer Europa-Tour?
Ich toure ab 14. Dezember mit Boris.

Danke für das Interview!
Bye Bye!

Hier findet sich das Interview im englischen Originalton.

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