Interview: Kevin Devine

von am 6. Februar 2014 in Featured, Interview

Interview: Kevin Devine
@Jacqueline DiMilia

Kevin Devine ist aktuell auf Europa-Tournee unterwegs – zwar ohne seine Goddamn Band, dafür aber mit Songs seines Studiodoppelschlags ‚Bubblegum‚ und ‚Bulldozer‚. Vor seinem Auftritt im Wiener B72 sprach der New Yorker über seine Erfahrungen mit Crowdfunding, Zukunftspläne und die Musikindustrie im Allgemeinen.

Heavypop: Hey, wie geht‘s dir?
Kevin Devine: Mir geht‘s gut, danke!

Du kommst viel herum, wie oft warst du schon in Wien oder in Österreich generell?
Ich glaube, dass ich seit 2003 fast jedes Jahr einmal hier war. Es waren an die 9 Mal bislang, meistens in Wien. Ich war auch schon in Innsbruck, Hollabrunn und St. Pölten, aber meistens in Wien.

Deine nächsten Shows auf deiner Tour sind in Graz und in Innsbruck.
Ja, stimmt. Eigentlich wäre danach noch Salzburg geplant gewesen, aber als klar war, dass ich diese Tour alleine spielen würde mussten wir das ändern und deshalb spiele ich an dem Tag in Italien.

Wie kommt es eigentlich dazu, dass du die Europa/UK Tour ohne deine Goddamn Band spielst?
Dummerweise aus Geldgründen. Wir haben es uns durchgerechnet – es ist langweilig, und es ist keine Punkrock- oder Rock’n’Roll-Antwort, aber wir wollten mit der ganzen Band kommen, haben bemerkt, dass wir damit viel Geld verlieren würden und wenn ich alleine komme, ist es finanztechnisch fast das Gegenteil. Es wäre toll gewesen, wenn ich mit der Band hätte kommen können, aber ich kann keine Entscheidungen nach meinen Präferenzen treffen, wenn wir dieses Projekt noch für die nachsten 2 Jahre selber finanzieren wollen. Eins muss ins Nächste führen, und das wäre einfach nicht passiert, wenn wir es auf die Art gemacht hätten. Zum Glück waren die meisten Promoter sehr verständnisvoll und auch das Publikum ist klasse, bislang hat sich niemand beschwert.

Wie wird das dein Set für heute abend beeinflussen?
Nun, ich spiele einfach die Songs und versuche herauszufinden, wie sie am besten funktionieren. In Köln habe ich sogar ‚Fiscal Cliff‚ akustisch gespielt und den Leuten scheint es gefallen zu haben. Es ist ja so, dass Songs wenn man sie schreibt noch quasi nackt sind, dann kleidet man sie ein wie es einem gefällt um sie aufzunehmen und wenn man vor Publikum spielt, und speziell dann, wenn man akustisch spielt, nimmt man die Kleider wieder ab und sieht, wie sie aussehen. Die Sachen von ‚Bubblegum‚ machen besonders Spaß, es ist eine Herausforderung – wie werden die Songs ohne dieses Chaos um sie herum funktionieren? Ich werde etwa 4 oder 5 Songs von den beiden neuen Alben und dann 1 oder 2 von allen anderen spielen, es ist ziemlich viel.

Ziemlich genau vor einem Jahr hast du etwas zögerlich eine unglaublich erfolgreiche Kickstarter-Kampagne gestartet, um deine letzten beiden Alben und die darauffolgende Tour zu finanzieren – was hat dich dazu gebracht die Musikindustrie hinter dir zu lassen und die Dinge in die eigene Hand zu nehmen?
Ja, ich habe sowas gesagt und ich versuche aufzupassen – aber ich schätze ich habe die Musikindustrie nicht wirklich verlassen. Ich habe immer noch einen Booker, ich habe immer noch einen Pressesprecher und ich spiele immer noch Auftritte für die ich bezahlt werde, also bin ich technisch gesehen noch in der Musikindustrie. Was Plattenverkäufe betrifft, für jemanden in meiner Position, auf einem Label zu sein… ich würde immer noch mit Merge Records in Amerika arbeiten, wenn die mich morgen anrufen und sagen würden „Hey, wir wollen deine Platten veröffentlichen“ würde ich sagen „Ok, cool„.
Weißt du, es gibt sehr wenige, mit denen ich sowas machen würde, Subpop wäre auch noch so ein Label, aber ich schätze die sind nicht besonders interessiert. Also, auf einem Punkrock-Label, auf einem Major-Label, oder auch auf irgendwas dazwischen zu sein – wie etwa Razor and Tie, worauf ich ‚Between the Concrete and Clouds‚ in Amerika veröffentlicht habe – es war einfach nicht… es funktioniert einfach nicht mehr für jemanden wie mich.
Vielleicht ist die beste Art es zu sagen so: Wenn ich zu irgendeinem Label gegangen wäre, die, mit denen ich tatsächlich was machen würde, inkludiert, und sagen würde „Ich brauche $ 115.000,- um zwei Alben aufzunehmen, genau so wie ich es will, davon ein Jahr zu leben während ich sie mache, währenddessen die Band bezahle und ihr habt keinen Einfluss auf irgendwas.“ dann würden sie einfach sagen „Nein, definitiv nicht.
Ich möchte etwas anderes versuchen, weil ich mit den Ergebnissen die ich bislang bekommen habe nicht zufrieden war. Und ich möchte klarstellen, dass das genauso sehr an mir liegt wie an den Labels. Ich möchte ein Leben in der Musik und ich denke ich bin auf dem besten Weg dorthin. Ich habe auch eine wirklich treue und leidenschaftliche Fanbase, aber ich bin nicht jemand, der einem Label viel Geld einbringt. Ich verkaufe wahrscheinlich zwischen 6- und 10.000 Tonträger, und in einer Industrie, in der 95% der Musik die veröffentlicht wird keine 1.000 Tonträger verkauft ist das sicherlich beachtlich, aber es ist weit weg von Jay-Z oder Beyonce, es ist auch nicht wie Vampire Weekend oder Arcade Fire, es ist eigentlich nicht mal wie Ben Gibbard und Conor Oberst, weißt du? Es ist eine sehr merkwürdige Industrie, in der man immer sagen kann „Wenn man es so sieht, war das ein Erfolg, aber wenn man es so sieht, hast du versagt“. Ich wollte versuchen die Dinge diesmal etwas anders anzugehen, weil ich mir nicht immer Gedanken über sowas machen wollte. Ich will einfach Sachen für die Leute machen, die ja im Endeffekt der Grund sind, warum ich dort bin wo ich bin. Ich war auch ein wenig nervös deswegen – es scheint als ob schon so viele Leute es versucht und es nicht richtig gemacht hätten, etwa wenn jemand den Leuten ihre Sachen nicht schnell genug zuschickt oder ganz einfach mit dem Geld verschwindet. Mir war klar, dass selbst wenn man alles richtig macht es einfach funktionieren muss. Und das alles direkt für meine Fans ohne diesen Mittelsmann zu tun hat einfach mehr Sinn für mich gemacht.

Man konnte dich unter anderem auch für Haus-Shows buchen…!
Ja, das hat wirklich Spaß gemacht. Ich habe erst eine Haus-Show au§erhalb von Dallas gespielt, kurz bevor ich auf diese Tour gegangen bin, das war wirklich klasse. Ich glaube, die Leute waren ein wenig nervös, dass ich vielleicht unbeholfen wäre und die ganze Sache peinlich werden könnte, und ich selber war auch ein wenig nervös, weil da eben diese Party war und ich konnte gar nicht richtig glauben, dass diese Leute soviel Geld ausgegeben haben, damit ich vorbeikomme und für sie spiele. Da fühlt man sich fast ein wenig schuldig – weißt du, was ich meine? Aber sie waren so glücklich, ich habe sie die Setlist aussuchen lassen und habe 2 Stunden für sie gespielt, es war wirklich cool. Ich habe auch schon einen Song mit jemandem geschrieben und aufgenommen, der ist echt gut geworden. Dieser Typ hatte einen guten Song und ich habe zwei Leute aus der Band ins Boot geholt um uns damit zu helfen. Ich habe noch einmal so ein Songwriting und ein paar 5-Song-Drop-In Shows vor mir, wo ich etwa 25 Minuten im Haus von jemanden spiele, und dann ist glaube ich alles erledigt.

Ich habe mir deine beiden neuen Alben angehört und es klingt irgendwie als wäre ‚Bulldozer‚ ein passenderer Titel für ‚Bubblegum‚ und umgekehrt.
Ja, sowas habe ich schon gehört. Es war nicht wirklich Absicht, aber es ist eigentlich ziemlich cool, ein glücklicher Zufall. ‚Bulldozer‚ heißt so, weil der Song ‚Little Bulldozer‚ einfach so schnell passiert ist. Er funktioniert auch als Titel, weil wir das ganze Album innerhalb so kurzer Zeit gemacht haben. Ich habe einen Monat in Kalifornien gelebt, wir haben fünf Tage die Woche gearbeitet, am ersten Tag habe ich Rob [Schnapf, Produzent] alle Nummern vorgespielt und dann haben wir begonnen. Er hat gemeint „Ich denke die beiden hier sollten Bass und Schlagzeug spielen“ und hat 2 Leute von der Band Everest ins Studio gebracht, die ich davor gar nicht kannte. Es war wirklich cool und eine ganz andere Herangehensweise als sonst. Ich habe mir im Vorfeld nicht viele Gedanken gemacht wie das Album zum Schluss klingen sollte, es hat sich einfach im Studio ergeben. Und ein ‚Bulldozer‚ der alles nieder räumt schien dazu ziemlich passend. ‚Bubblegum‚ war einfach pervers. Die Musik darauf ist ziemlich laut und schneidend, obwohl es auch Popmusik ist, aber eben laut. Vorallem das Bild von George Washington auf dem Cover, der ultimative amerikanische Mythos, die Legende, die Ikone, und ich lasse sein Gesicht schmelzen und nenne es ‚Bubblegum‚. Es ist einfach pervers.

Bubblegum‚ hat mir wirklich gut gefallen, manchmal hat es mich sogar an Future of the Left erinnert.
Cool, das ist klasse, sie sind eine fantastische Band. Er [Andrew Falkous] ist wirklich total durchgeknallt, seine alte Band McLusky genauso. Mit meiner alten Band Miracle of 86 haben wir 2003 mal 2 Shows mit ihnen zusammen gespielt, sie waren echt verdammt gut. Er selber ist echt clever, er benutzt Ärger, Intelligenz und Humor auf eine sehr coole Art und Weise in seiner Musik. Und ich weiß was du meinst, vielleicht klingt dieser ‚Fiscal Cliff‚-Song ein bisschen danach. Darüber habe ich noch eigentlich noch nie nachgedacht, cool!

Vielleicht klingt ‚Bubblegum‚ auch so wie es klingt weil du mit Jesse Lacey von Brand New zusammengearbeitet hast – wie war das und wie ist es zustande gekommen?
Das ist ganz sicher ein Grund warum es klingt wie es klingt. Wir wollten schon lange bevor Jesse involviert war ein Punkrock-Album machen. Jesse und ich haben sicher 10 Jahre darüber geredet ein Album mit meiner Musik zu machen, er sagte immer „Ich will eins deiner Alben produzieren, ich habe all diese Ideen!“ und nun war einfach die richtige Zeit dafür. Es hat sicher nicht geschadet, dass Jesse selbst so ein brillanter, lauter Rock-Songwriter ist, und ihn mit all seinen Ideen dabei zu haben war einfach großartig. Ich denke das Album profitiert ganz offensichtlich von seinem Mitwirken.

Wirst du auch in Zukunft wieder etwas mit ihm machen?
Absolut. Es gibt zwar keinen Plan, aber ich würde sofort, ja. Wir sind Freunde, also würde das wirklich spontan funktionieren, allerdings glaube ich, dass er momentan vorhat, wieder mehr mit Brand New zu machen. Ich bin mir aber sicher, dass wir irgendwann wieder etwas machen werden.

Wie kommt es, dass der Song ‚She Can See Me‚ auf beiden Alben vertreten ist?
Nun, als ich den Song geschrieben habe war er wirklich sehr ruhig, er hat ein wenig nach Belle & Sebastian oder vielleicht The Vaselines geklungen. Aber ich wusste, dass er genauso nach Nirvana klingen könnte, wenn ich ihn lauter mache. All diese Nirvana Nummern – es sind eigentlich Popsongs, bloß wirklich laut gesungen und gespielt, vor allem auf ‚Nevermind‘. Auf ‚Bubblegum‚ haben wir uns ziemlich an Nirvana, The Pixies, The Breeders und den ersten beiden Weezer Alben orientiert und ich dachte, es wäre doch ein perfektes Beispiel um aufzuzeigen, worum es bei diesem Projekt geht – wir packen die Belle & Sebastian-Version auf ‚Bulldozer‚ und die Nirvana-Version auf ‚Bubblegum‚. Die auf ‚Bulldozer‚ ist ein bisschen fröhlicher und tighter als ich ursprünglich angenommen hatte, wie ein Powerpop Song. Wohingegen die auf ‚Bubblegum‚ noisig ist und dieses komische Black Sabbath Intro und Ende hat. Es gibt auch viele subtile Unterschiede, wie die Harmonien… wir könnten uns die Songs anhören und ich könnte dir zeigen was es für Unterschiede gibt, es sind eigentlich wirklich viele. Ich dachte einfach der Song ist stark und es wäre cool ihn auf beiden Alben zu haben.

Hast du den Song ‚I Don’t Care About Your Band‚ auf ‚Bubblegum‚ für eine bestimmte Person oder Band geschrieben?
Den Song habe ich über das SXSW Musikfestival geschrieben. Ich will keine anderen Musiker schlechtreden, denn ich bin ja selber einer. Es gibt tausende Bands und Songwriter, es ist ein endloser Strom und das Internet wirft dir konstant mehr und mehr entgegen. Es ist wirklich komisch: man macht ein Album, und 4 Monate später fragen einen die Leute „Wann machst du dein neues Album?“ und ich denke mir bloß: „Irgendwann in 2 Jahren, ich habe gerade erst 2 Alben veröffentlicht!“ Das ist einfach verrückt.
In unserer Kultur gibt es immer ein paar Bands, die gerade besonders präsent sind und über die jeder spricht und plötzlich sind sie wieder weg. Der Song ist über diese Verlagerung unserer Kultur auf eine persönliche Art und Weise. Weißt du, ich habe schon viel Musik gehört. Ich mag gute Musik und werde sie immer mögen. Aber ich werde nicht vor dem Altar einer supercoolen Person knien, die 3 Akkorde auf ihrer Gitarre spielt. Im Moment interessiert mich viel mehr, wie eine Person tatsächlich ist. Es gibt viele Bands die ich liebe, in denen Leute spielen, die ich überhaupt nicht mag und es gibt auch viele Bands die mir nicht gefallen, die aber wundervolle Leute darin haben, und ich würde lieber Zeit mit diesen Leuten verbringen, auch wenn ich die Musik der anderen lieber höre. Und der letzte Vers dreht das Ganze dann wieder auf mich um, ich versuche, ein besserer Kerl zu sein.
Der Song trifft auch ziemlich diesen nicht enden wollenden Strom von neu/klasse/neu/klasse/neu/klasse/das faszinierendste Dinge überhaupt/das beste Ding überhaupt/die neuen Nirvana/die neuen Pearl Jam/die neuen Pavement/die neuen Beatles und dann 6 Monate später – die neuen Beatles/die Pavement, du wei§t, was ich meine. In der Musikindustrie gibt es so viele Dinge die es mir so vorkommen lassen, als wäre ich auf einer medizinischen Messe und überall laufen Doktoren herum, die in einem Krankenhaus arbeiten, und ich bin dieser Typ, der irgendwo weit draußen seine Hütte hat und den Leuten mit seinem kleinen Medizinkoffer hilft. Wir tun dasselbe, aber auf eine ganz andere Art. Man fängt an Musik zu machen, weil man Musik liebt und dann fängt man an vor Leuten zu spielen, weil man möchte, dass sie einen mögen, aber an einem bestimmten Punkt muss es auch um etwas anderes gehen wenn es längerfristig funktionieren soll, zumindest für mich. Es kann nicht bloß um diese Jagd nach Coolness oder der ewigen Jugend oder was auch immer gehen, es muss mehr sein. Darum geht’s in dem Song.

Wirst du dich in Zukunft wieder auf Crowdfunding verlassen?
Ein Teil von mir denkt, ich müsste verrückt sein es nicht zu tun, weil es offensichtlich ja so gut funktioniert hat, aber andererseits glaube ich fast, dass man sich schon wirklich glücklich schätzen kann, wenn es einmal so gut funktioniert hat. Ich versuche gerade herauszufinden, ob es mehr als einmal möglich wäre. Ich denke, wenn man in meiner Position ist – und ich bin keine Berühmtheit oder sowas ähnliches, aber ich habe eine sehr engagierte Zuhörerschaft – dann kann man sowas mehr als einmal, oder vielleicht sogar kontinuierlich machen. So eine Kickstarter-Kampagne ist fast wie eine Vorbestellung auf dein Album, nur dass die Leute schon bezahlen bevor du es gemacht hast anstatt erst dann, wenn das Album im Laden steht. Sie wetten quasi darauf, dass sie deine neuen Sachen mögen werden, weil es bei den Alten auch so war.
Das nächste was ich aufnahmetechnisch angehen werde ist wahrscheinlich ein neues Bad Books Album, wo ich mit Manchester Orchestra zusammenarbeite, aber das wird dieses Jahr wohl auch nicht mehr passieren. Ich wäre wirklich äberrascht wenn ich noch ein Kevin Devine Album vor frühestens Mitte 2015 aufnehmen würde, aber man wird sehen. Und wenn ich das mache bin ich vielleicht auf Merge, und wenn nicht wäre es sicher cool es nochmal mit dem Fundraiser zu versuchen.

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