Ja, Panik – Libertatia

von am 25. Januar 2014 in Album

Ja, Panik – Libertatia

Du siehst, im Großen und Ganzen ist alles beim Alten/ Nur dass ich finde, es wird Zeit, einmal aufzuhören“ hieß es am Ende des titelgebenden Monolithen ‚DMD KIU LIDT“, der keinen Stein auf dem anderen ließ – nach dem praktisch nichts mehr kommen konnte, der für die Gruppe Ja, Panik auch gut das Ende bedeuten hätte können, sogar beinahe tatsächlich bedeutet hätte. Knapp drei Jahre später und zum Trio geschrumpft finden die verbliebenen Exilberliner ausgerechnet an diesem Abgrund eine neue Leichtigkeit des Seins.

Nichts Alles bleibt beim Alten: für das fünfte Studioalbum respektive ihr zweites Debütalbum mussten die Burgenländer die Zeiger zurück auf Los stellen („Ich wünsch mich dahin zurück, wo’s nach vorne geht/ ich hab auf back to the future die Uhr gedreht„). Christian Treppo und Thomas Schleicher haben Berlin und Ja, Panik verlassen, die verbliebenen Mitglieder Stefan Pabst, Sebastian Janata und Andreas Spechtl verschoben daraufhin zangsläufig die Perspektiven. Auf die Zeit der Umbrüche und des zentnerschweren Kellerkabinetts ‚DMD KIU LIDT‚ folgt mit ‚Libertatia‚ die bisher ausgeglichenste, luftigste und umgänglichste Platte der Band. Der Zynismus und die juvenile Wut schlägt nicht mehr elaboriert und exaltiert auf den Tisch, sondern wirft sich zwischen den Zeilen in eleganten Zwirn: „Nie wieder so jung trinken/ Nie wieder solche Galgenvögel sein/ An den Orten, die sterben wie Menschen/ auch wenn sie fortzuleben scheinen„.

Es stimmt schon, was überall zu lesen ist: ‚Libertatia‚ zeigt  Ja, Panik in ihrer bisher klarsten Ausleuchtung als Popband. Man denkt an den späteren Bryan Ferry und Roxy Music, an eine kosmopolite, im besten Fall gar zeitlose Stilsicherheit („Die records drehen sich endlich stumm/ Wir haben zur Panik keinen Grund/ Wir stehen im Sound für alle Zeit/der Song ist aus, die music bleibt“). Uns begegnen soulig glitzernde 80s-Synthies, gar nicht mehr so missmutige aber dafür shakende Klavierlinien, geradezu unverschämt sexy gurgelnde Bassläufe (‚Dance The ECB‚) und smarte Funklicks für wippende Hüften (‚Chain Gang‚), Gitarren die wie unaufgeblähte U2-Verneigungen klingen (‚Au Revoir‚), heimliche Bläser und ein verführerisches Saxofonsolo. Spechtls Stimme ist sanfter geworden, sie wird bisweilen von anschmiegsamen Gesangsharmonien umrandet, das Pendeln zwischen Deutsch und Englisch klang vielleicht noch nie derart unangestrengt und selbstverständlich: alles klingt ein klein bisschen weiser, die Band spielt dazu weicher und geschmeidiger, ja, regelrecht unaufdringlich.

Der vorauseilende Titeltrackhit ist da im restlichen Umfeld neben dem flotten Falco-meets-Indiepop-Ohrwurm ‚Radio Libertatia‚  beinahe schon ein Dampfhammer, danach wird ‚Libertatia‚ (mit Ausnahme des im Refrain ein klein wenig zu beliebig am Halbschlaf perlenden ‚ACAB‚ als relative Schwachstelle – da hilft auch die Pointe wenig) eigentlich sogar permanent nur noch besser, verwebt seine Zutaten sorgsam und behände: soviel angenehme Unaufgeregtheit und Bekömmlichkeit geht runter wie Öl, mag das Überragende, Monumentale und Explodierende der vorangegangenen Platten auch ein wenig fehlen.
Das ständig wachsende ‚Libertatia‚ ruht sich jedoch nicht in der reinen Versöhnlichkeit aus, zeigt seine Zähne trotzig in den geschliffenen Texten („Irgendein zugedröhnter Depp/ Spricht irgendwas vom working man, dessen life und dessen death/ ich denke mir, schau dass du abhaust/ denn mein Argument wär jetzt eigentlich nur noch die Faust), in der politischen Schelte („Dance the ECB/ Swing die Staatsfinanzen/ Sing ihnen ihre Melodien/ Zwing sie zum Tanzen„).

Der Reboot ist also geglückt, auch in abgespeckter Form sind Ja, Panik immer noch auf dem richtigen Weg – warum diesen also nicht unaufgeregter beschreiten? Da kann man es sich durchaus auch erlauben die besten Songs bis fürs Finale in der Hinterhand zu behalten: ‚Eigentlich Wissen Es Alle‚ rudert über sechseinhalb Minuten mit aller Zeit der Welt in meditativer Gelassenheit durch ein Meer aus stiller Melancholie und bedächtigem Pulsieren, hin zum Triumph, hin zur großen Kunst und stellt die Frage: hätten so The Notwist auf ‚Neon Golden‚ ohne Console geklungen?
Mindestens ebenso brillant auch das abschließende Sehnsuchtsstück ‚Antananarivo‚, das sein Klavier rückwärts spult und in versöhnlicher Nostalgie rund um die Welt reist, während Spechtl mit viel Gefühl durch die Melodien swingt : „In einer anderen Stadt, für ein anderes Leben/Werden wir uns wieder und wieder begegnen„. Da sind Ja, Panik nicht nur schlaue Kerle, sondern zünden auch auf der Gefühlsebene. Alles ist entspannt, alles bleibt spannend. Und die Zukunft nach dem vermeintlichen Ende scheint optimistischer denn je. Beinahe möchte man sogar orakeln: „Da kommen noch ein paar Strophen/ An denen mir mehr als an allen anderen liegt„.

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1 Trackback

  • Sleep - Sleep - HeavyPop.at - […] noch zu auf eine elegische Melodieklarheit zu, die man so wohl auch auf den Ausläufern von ‚Libertatia‚ finden hätte…

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