Jesse Draxler – Reigning Cement

von am 12. September 2020 in Compilation

Jesse Draxler – Reigning Cement

Eine Industrial-Collage – mal mehr, mal weniger charakteristisch geprägt: Beinahe zwei Dutzend an namhaften Szene-Musikern retournieren ihre Version eines Klangbastelkastens, den L.A.-Künstler Jesse Draxler für die musikalische Seite seines audiovisuellen Projektes Reigning Cement parat gestellt hat.

The concept behind the audio portion of Reigning Cement was inspired by an experiment that Draxler participated in a few years ago, in which a group of collage artists were each given the exact same packet of visual assets with which to create a piece. Similarly, Draxler provided each musician on Reigning Cement with the same 34 sonic elements—all recorded in the noisy industrial environment just outside his studio on the edge of Los Angeles.“ erklärt der Pressetext.
Draxler selbst führt aus: “I grew up in rural Wisconsin, so when I moved here I noticed all the textures and noises that are such a big part of this environment—the construction sounds, garbage trucks, jackhammers, alarms. Stuff that you would just consider noise. It’s so densely industrial over here that it became something that grated on my nerves but at the same time was super inspiring.
Alleine aus diesem Pool aus Elementen konnten sich die beteiligten Musiker also letztendlich einen Song kreieren, wahlweise war extern nur das Hinzufügen von Vocals erlaubt.

The music ranges from polished experimental pop to sheer noise. That’s what I wanted, and I think that’s the coolest thing about it.“ zeigt sich Draxler selbst von den Ergebnissen des Projektes begeistert und hebt vor allem die Variabilität der einzelnen Songs hervor – was man so nur teilweise unterschreiben kann: Reining Cement ist wechselt seine Auslagen keineswegs radikal, sondern ist eine weitestgehend homogen im Post-Industrial, Noise und Ethereal Wave gebaute Collage mit oftmals klar wiederkehrenden Bausteinen, die ihre mosaikartigen Passagen nicht immer durch eine klare individuelle Handschrift definiert, abseits der interessanten Grundidee aber in Summe durchaus mit charakteristischen Nuancen und Facetten zu überzeugen weiß.
Chelsea Wolfe und Ben Chisholm installieren in Valerian die exemplarische Stimmung und Atmosphäre der Platte über ein skizzenhaftes elektronisches Gerüst, eine strukturoffene Klanginstallation am Ambient, die mystisch rauscht und zischt. Hier ist es der entrückte Gesang, unschuldig im Goth-Hall gehaucht, der für eine klare Handschrift sorgt, selbst wenn am Ende Presslufthämmer die Apokalypse androhen, bleibt es bei schemenhaften Konturen. Time Reign Cement starrt als harscher Noise Terror in eine eitrig-röchelnde Trance aus minimalistischen Soundscape, würgt auf ersaufende Weise katatonisch, dreht danach das malträtierende Zwangsverhalten hinten raus wieder rauf – und bewegt sich von Dylan Walker gesteuert durchaus in der Nähe des Fahrwassers der Non-Grind-Wege von Full of Hell und Sightless Pit. Womit der MO von Reining Cement längst determiniert ist.

Das maschinelle Instrumental Rubble (Ghostemane) legt abgehakt den Fokus auf ein Stakkato aus peitschend-stampfendem Rhythmus und repetitiven E-Gitarrenlioops, Exploited Body lässt die ratternden Zahnräder von Your Stoic Gaze Changes States of Matter subkutan wummern. 4 könnte eine leidende Black Metal-Erinnerung von Gendo Ikari sein, ist dann aber doch lieber eine formlose Elektronik-Maß, die im androiden Techno zerfließt.
Greg Puciato deformiert seine in Schüben kommenden Vocals in Everyone Dies and Nothing Goes On vollkommen entfremdet, bevor der verträumte Ambient aus dem Nichts kommt und The Knife’eske Stimmeneffekt die zutiefst typische Melodie zum melancholischen Pop lenkt – durchaus symptomatisch übrigens für das kommenden Soloalbum des variablen Brüllwürfels. Cordite (Intensive Care) agiert dagegen archaisch und brutal, forciert eine rohe Aggression samt auf Metalfässern stacksender Baustellen-Percussion, bevor I Saw You Digging wirkt, als würden skelettierte Damphämmer aus Lego gurgeln, während Jaye Jayle zu diesem interessanten Spektrum melancholisch aus dem entrückten Hall einer diffusen Acapella-Raum-Zeit-Öffnung singend ein Highlight liefert. Weniger explizit nachhaltig gerät das ruhig atmende Beschwören von Jezero: Cycle 5 (Lisa Mungo), bevor Plastic Fruit zwischen vollkommener Entschleunigung und eiliger Tanzbarkeit wattierend eine Melange aus Ioanna Gika und Beth Gibbons mit latenter Eingängigkeit bietet, von O Future auch zu einem schmissigen Hit gemacht hätte werden können – doch die Konturen bleiben aufgelöst.

Das enttäuschend generische Intimate Terrorism hat einen operativen Groove, der erst auf die letzten Meter überhaupt das Werken der Justin Pearson-Gang Planet B erahnen lässt, und auch das scheppernd-geloopte Omnicide (Portrayal of Guilt abseits ihrer Herrschaftszone) bleibt ebenso austauschbar wie das cinematographische Auf- und Abblenden der Roboterhypnose Unrelenting Reign (Surachai). Der treibende Noir-Techno von Impossible Cycle (Reeko) hämmert in dunklen Neonfarben schimmernd und Shifted manövriert Almanac Shimmer hin zum Trip Hop, a la krautige Beak>. Nicht alle Gehversuche überzeugen derart, doch gerade hinten hinaus erzeugt Reining Cement einen sich verselbstständigenden Sog.
Key Fob entwickelt eine mitreißende intensive Unbedingtheit voller subversiv-verzweifelter Leidenschaft, was zeigt, dass ein Experte wie Street Sects derartige Experimente effektiver in substanzielle Songs umwandeln kann. Siehe auch Asfalt, das von Trentemøller durch ein sediertes Inferno aus somnambulen Feueralarm-Abgründen geschleust wird, um sich durch den Bürgersteig in eine menschenleere Welt nahtlos auf die murmelnde Tanzfläche von Dissolved (TR/ST) zu fräsen – ein starkes Duo!
Das zischende Catholic Town (Uniform) hämmert gemein am Lofi und Metal Violets (Thirst Church) ist ein diffuser Drone mit atonal-verzogen rezitierenden Stimmspuren. Life Removed (Virgin Mother) marschiert im Delirium der Seance zum dämonischen Apparat-Fauchen, hinter dem Vowws wie ein aus dem Laptop rasselnder Chain Gang Blues von Them mit souligen Depeche Mode flirten lässt – und damit für ein geradezu versöhnliches Ende sorgt.

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