Kaatayra – Caminhos de Água
Nach fünf Alben, die er zwischen 2019 und 2021 als Kaatayra – beziehungsweise mittlerweile ja: Kaátaìra – veröffentlichte, hat sich Caio Lemos (abseits einer mit Archivmaterial gespeisten Split mit Pessimista) auf andere Projekte konzentriert und für Caminhos de água fast ein halbes Jahrzehnt Zeit gelassen.
Nun ist es so, als würde der Brasilianer nach Streifzügen durch all seine sonstigen Spielwiesen (Born to Freedom, Extinction Remains, Rasha, Vauruvã, Bakt, Bríi, Kaatayra, Serafim, Vestígio) in ein Habitat zurückkehren, dass seit Inpariquipê – auch ohne, dass sich damals überhaupt Abnutzungserscheinungen jedweder Art breit gemacht hätten – Zeit hatte, neu aufzublühen.
Der immer schon so dominante naturalistische Aspekt von Kaatayra im lateinamerikanischen Kolorit einer charakteristischen kulturellen Prägung erlebt quasi eine Frischzellenkur, lebt nun mit einer nocheinmal ein klein wenig intensivierten luftig-leichten Selbstverständlichkeit, oder kann zumindest aufs Neue darüber staunen, wie Lemos melodischen Gesang (von den Gästen Flávio Dourado bzw. Pedrito Hildebrando) tanzbare Rhythmen, das Flimmern von warmen und klaren Acoustic-Gitarren samt einer pulsierenden Percussion zu seinem Trademark-Sound assimiliert, der den Black Metal nur noch als vage Rahmenhandlung für ein eigentlich komplett abseits der Genre-Tropen stattfindenden Grundstimmung nutzt.
Oder: Was früher Bilder einer Forschungs-Odyssee durch von der Natur zurückeroberte Städte evozierte, ist nun komplett hinaus in die Freiheit von Flora und Fauna marschiert, um Frieden in endlosen Wäldern und einer sonnigen Wärme zu finden, während Caminhos de água entlang lebensspendendet Wasserwegen zu einer utopischen Ausstrahlung wandert.
Rio Preto startet an einem plätschernden Bächlein und hört die Ansprache der müden Dona Maria zur Melodika als Ouvertüre, die mit beschwörenden Stimmen so zurückhaltend und sanft Spannung als Ritual aufbaut. Löst sich diese in Rio sem Nome, tut sie dies über Blastbeats, die keine Brachialität pflegen, sondern in einen ausgewogenen Mix und Sound einen sorgsamen, organischen Umgang aller Instrumente und Facetten gewährleisten – und gemeinsam mit dem nahtlosen Songwriting einen beeindruckend runden Fluss erzeugen. Harsch gekeifte Schreie schmiegen sich an Klargesang a la Alcest, ein garstiger Trieb und harmonische Wogen gehen Hand in Hand, sprießen wie im Rausch. In Caminhos de Água wird später ein Kinderchor das Gefüge nicht begleiten oder ausschmücken, sondern es gemeinsam mit dem restlichen Spektrum prägen, derweil Streicher flötieren, die Saiten sich vor dem Schlagzeug umgarnen, und der schunkelnde Singsang Blastbeats streichelt.
Dass Lemos die Kompositionen nicht streng auf den Punkt finden, sondern sie wandern und forschten lässt, sie ungebunden treibend den Eindrücken der Klangwelt aussetzt, düngt die Synergie aller Elemente.
Águas Passadas bimmelt mystisch vertraut. diskrete Streicher gesellen sich erhaben und einladend zum Geschehen. Man kann die Welt von Caminhos de água fasziniert betrachten und sich gleichzeitig heimelig in ihr fühlen. Das unaufgeregte Schwelgen im behaglichen Tempo macht den Metal zum schamanistischen Subtext, zur Andeutung, selbst wenn die Nummer am Ende tackert – weil sie dabei auch bald in den Samba tänzelt.
Das Wechselspiel aus „richtigen“ Songs und relativen Interludes ist wie alles auf Caminhos de água unforciert ineinander übergehend und Teil eines größeren Ganzen. Der meditative Field Recording-Ambient von Rio Jovem mutiert Sinzig nervöser werdenden Interlude-Kompagnon Ritmo Corredeiro, der seine Rhythmik mit Drum’n’Bass-Charakter in den Club verschiebt.
Dass der Abschluss der Platte in Form von Remanso de Maria durch einen ätherisch aus den Tasten wehender, kammermusikalisch-balladesker Klavier-Tagtraum gestellt wird, ohne, dass dieser Umstand auch nur ansatzweise aus dem Rahmen fiele, spricht für sich. Und das (vielleicht in Summe fast eine Nuance zu reibungslose) Wesen von Caminhos de água im Ganzen, bevor Lemos im Dialog mit Dona Maria den konzeptuellen Kreis über die Vergänglichkeit sinnierend in runder Einigkeit schließt.


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