Kayo Dot – Coffins on Io

von am 5. November 2014 in Album, Heavy Rotation

Kayo Dot – Coffins on Io

Toby Driver hat im Vorfeld der sechsten Studioplatte von Kayo Dot die Geister von The Sisters of MercyScritti Politti, Peter Gabriel und Genesis als aktuelle Leitfiguren seiner so gerne überfordernden Experimental-Avantgarde-Großmacht beschworen. 50 Minuten später machen die zuerst irritierenden Referenzen durchaus Sinn: ‚Coffins on Io‚ ist das mit Abstand zugänglichste Werk der Band bisher geworden, eine verträumt-eingängige Prog-Pop-Skizze für den Weltraum der 1980er.

Mit dem erschlagenden Metal-Brocken Hubardo‚ aus dem letzten Jahr scheint sich Driver vorerst Luft gemacht zu haben. Denn nur für eine vergleichsweise kurze Passage verdichtet er das Geschehen auf ‚Coffins on Io‚ in drückendere Bahnen: wenn ‚Library Subterranean‘ vom vertrackten Fusionsrock nach und nach in einen wilden Jam ausbricht, der eine ungefähre Vision davon hat, wie Mastodons ‚Capillarian Crest‚  geklungen hätte, wenn Rush den Song gemeinsam mit einer fiebrigen Jazz-Kombo für den Captain Future-Soundtrack neu eingespielt hätten, und das darauf folgende ‚The Assassination of Adam‚ erst disharmonisch das Gaspedal durchdrückt, bevor sich Kayo Dot in ein kakophonisches Brennesselnest setzen. Driver umgeht dabei jegliches Metal-affine Gebrüll, auch wenn er ihm hier näher kommt als irgendwo sonst auf ‚Coffins on Io‚, was die schiefe Stimmung nur noch beängstigender verätzt.
Es ist der kurze, chaotische, die Dynamik der Platte kurzzeitig verändernde Tanz am Höllenschlund einer Band, die im Jahr 2014 über weite Strecken ihren Frieden mit der Eingängigkeit gemacht zu haben scheint; in einer entrückten, seltsam vertraut und doch niemals fassbar werdenden, ätherischen Zwielicht-Stimmung auf anschmiegsame Weise in sich selbst ruht; von „80s Future Noir“ spricht und entlang von dunkel schillerden Dark Wave-Motiven ruhigen Melodien mehr Raum als je zuvor zugesteht, um sich entfalten zu können und Ideen wachsen lässt, ohne hinter jeder Ecke eine Falltür zu platzieren.

Das Ergebnis ist eine eigenwillige Reise, die Kayo Dot in einem abgründigen, melancholisch-romantisch brütenden Licht ausleuchtet, wie keine ihrer Veröffentlichungen zuvor. Auf der psychedelische Synthesizer vor jeder Gitarre stehen und Driver dazu stets elegant im schwelgenden Falsett schwadroniert. Eine Platte, die ihre atmosphärische, regelrecht mediative Tiefenwirkung auf originäre Weise aufspannt und gleichzeitig ihre Prägungen offen auf den Tisch legt.
Longtime Disturbance on the Miracle Mile‚ etwa betrachtet ‚Passing the River‚ durch die Augen von And also the Trees‚ ‚Domed‚, während Driver den Song immer weiter hinein in ein lebendig-verspieltes, wummerndes Blade Runner-Szenario gleiten lässt. ‚Offramp Cycle, Pattern 22‚ verschwimmt dagegen zuerst mit seinen rollenden Drums hypnotisch und Kayo Dot kommen King Crimson vielleicht näher als Opeth es auf ‚Heritage‚ waren, nur um sich in seiner zweiten Hälfte in spooky Geister-Umlaufbahnen zu beamen und eine Bewerbung als Credit-Score für britische Mystery-Serien abzugeben. ‚Spirit Photography‚ hat seine Hausaufgaben dagegen bei den letzten Arbeiten von Scott Walker gemacht, wirkt als ambientes Treiben durch nebulöse Saxoxonschwaden theatralisch und kunstvoll, wie Bohren’s Doomjazz an der Grenze zum Dreampop für Fortgeschrittene.

Und dann ist da auch noch das überragende ‚The Mortality of Doves‚, das ‚Coffins on Io‚ über 12 Minuten auf faszinierende Weise eröffnet: unterschwellig pulsiert der Song perkussiv und entspannt, langsam breitet sich der immanente Hall der schwerelos-schimmernden Produktion aus – besser kann man es nicht sagen, deswegen sollte man es zitieren: „If Mr. Mister’s atmospheric 1985 ballad „Broken Wings“ had been written for a proggy space opera„. Zwei catchy-trippige Melodielinien übertrumpfen sich gegenseitig, am Ende steigert sich das Szenario in einen flüchtig bleibenden Rausch, ein Gitarrensolo schält sich aus dem Mix: „My cries/are the echoes/ of a long-lost suicide“ croont Driver mit weit geöffneten Armen, und lässt Kayo Dot anmutiger, wohlwollender, vertrauter und hartnäckiger in Sachen Ohrwurmqualität auftrumpfen, als man das je für möglich gehalten hätte.
Dass ‚Coffins on Io‚ diesem voranschreitenden Monolithen in weiterer Folge nicht mehr zu jedem Zeitpunkt das Wasser reichen kann und dem installierten roten Faden phasenweise nur lose folgt, spricht eher für ‚The Mortality of Doves‚ als gegen ein Album – das sich anfühlt wie das verwundernde Wiedersehen eines alten Science-Fiction Films aus der Kindheit; der wie ein Fenster in eine bekannte, futuristische Vergangenheit anmutet, die es so niemals gegeben hat. Weil Raum und Zeit sich auf ‚Coffins on Io‚ in einer unwirklichen Nebensächlichkeit auflösen. Eine einzigartigere Annäherung an das Grundprinzip Popmusik wird es dieses Jahr nicht mehr geben.

08

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