Toby Driver – Madonnawhore

von am 7. Mai 2017 in Album, Heavy Rotation

Toby Driver – Madonnawhore

Toby Driver hört nach den retrofuturistisch in die Umlaufbahn geschossenen jüngsten Übungen in Sachen Elektronik und Darkwave seiner Stammband Kayo Dot nun kontemplativ auf sein Innerstes und reflektiert ein melancholisches Gefühlsleben: Madonnawahore entschlackt die Avantgarde des Wahl-New Yorkers und öffnet weite Räume in balladeske Ausläufer des Art Rock.

Wobei kategorische Verortungen und genrespezifische Zuweisungen ohnedies etwas sind, gegen das sich die Werke Drivers (seine Arbeiten mit den beiden Flagschiffen Kayo Dot und maudlin of the Well, seine unzähligen anderen Projekte sowie die bisherigen – je nach Zählweise – drei Soloalben) immer schon so eigenwillig gestreubt haben: Die Bandbreite Metal und Jazz kann und muss für den Multiinstrumentalisten anstandslos nebeneinander existieren, der 38 Jährige Amerikaner bleibt stets unberechenbar und fordernd.
Fest steht da momentan nur, was spätestens durch die beiden jüngsten Kayo Dot-Großtaten Coffins on Io (2014) und Plastic House on Base of Sky (2016) klar war: Toby Driver befindet sich in einer Phase seiner Karriere, in der sein über Jahre geschliffenes Verständnis von fordernde Avantgarde, anspruchsvolle Experimenten und unkonventionelle Strukturen eine relative Eingängigkeit nicht mehr ausschließen müssen.

Wofür Driver sicherlich auf die Sperrigkeit zurückgeschraubt, vor allem jedoch die Ästhetik und Perspektive auf sein Songwriting geändert hat – da ist im Rahmen von Madonnawhore seitens des Flenser-Waschzettels sogar die Rede von einem traditionelleren Zugang zu diesem. Zumindest geht Driver nun tatsächlich noch einen Schritt weiter, als er es bereits auf Coffins on Io und Plastic House on Base of Sky tat (alleine dadurch erscheint eine Veröffentlichung außerhalb des Bandkontextes übrigens rundum schlüssig) und reduziert den Grad der progressiven Anstrengung : 44 geduldige, im Sog allerdings erstaunlich kurzweilige Minuten lang träumt sich Madonnawhore in eine instrumental vergleichsweise minimalistische Annäherung an ambiente Slowcore-Elegien, inszeniert vage bleibende Melodien und sparsame Rhythmen andersweltartig entrückt, ätherisch und kaum greifbar. Landschaften, die kaum in erlösenden Höhepunkten, kulminieren, oft mehr Fragen stellen, als Antworten zu liefern.
Wo Kayo Dot oft primär Kopfsache sind, funktioniert Madonnawhore allerdings dennoch (und gerade deswegen) als traumwandelnde Bauch-Platte, sickert leise und subtil auf emotionaler Ebene in das Unterbewusstsein und entwickelt sich zu einem transzententalen, vielleicht sogar leicht sedativen Rausch, der im stets so getragenen Tempo weniger auf abstrakte Texturen, als auf seine einnehmende Atmosphäre und Stimmung verweist.

Die sechs sinnsuchenden, (allesamt um den titelgebenden Komplex schwelgenden, ohne sich deswegen zu einem Konzeptalbum zu vereinenden) Songs der Platte bewegen sich freigeistig irgendwo zwischen dem Slo-Mo-Jazz von Bands wie The Kilimanjaro Darkjazz Esemble und den so intimen Halluzinationen von Peter Silbermans jüngstem Juwel Impermanence, borgen sich Nuancen von Sigur Ròs’schen Postrock und Ambient, ohne sich wirklich in diesen Gefilden zu bewegen.
Das eröffnende The Scarlet Whore – Her Dealing weist mit seinem spärlichen Besenschlagzeug, zärtlichem Gesang und gemächlich tröpfelnden Gitarren hallverwaschen den Weg, der sich eher in eine Odyssee fallen lässt, als klare Ziele zu verfolgen. Die Melancholie treibt deswegen mit geschlossenen Augen bis zur subtilen Orgelgrundierung im Finale. Da ist eine unterschwellig fließende Sehnsucht und Romantik, ein wärmendes Gefühl der Geborgenheit, seltsam unergründlich und gleichermaßen distanziert schwebend, wie gespenstisch umspülend. Die überragende Vorabsingle verdient ihre  Stellung als Herold im Kontext absolut, wie da eine körperlose Percussion so unheimlich sanft über im Hintergrund wehende Synthieflächen pulsiert. Vor unscharfen Konturen ist das eine einsame, verführerische Ballade mit Gothic-Tendenzen. Der in seiner aufgelösten Beschaffenheit etwas abgründiges und erhebendes in sich vereinende Chorus (oher eher: ein wiederkehrendes Motiv) zeigt jedoch, was Driver aus den relativen Pop-Annäherungen mit Kayo Dot gelernt hat.

Das folgende The Deepest Hole wirkt dagegen fast schon wie eine mäandernd-schimmernde Klanginstallation, die sich über disharmonisches Geplänkel in die Privatsphäre der Produktion schmiegt, und damit nahbarer wirkt, als man das von Kayo Dot gewohnt ist, seine Verwandschaft zu den nachdenklichsten Szenen von etwa Gamma Ray oder Coyote nicht verbirgt. Siebeneinhalb Minuten zieht der Song durch seine schummrige (produktionstechnische) Ausleuchtung so hypnotisch und wohlig in seinen Bann, das man schlichtweg vergisst, wie verquer und gegen den Strich gebürstet Driver hier in seiner ureigenen Interpretation von Schönheit eigentlich schwelgt – eine gewisse Leichtigkeit ist in direkter relation zu Kayo Dot allgegenwärtig.
Eine stilistische Umgeung, die Madonnawhore zudem in weiterer Folge gedankenverloren erkundet und immer weiter verdichtet: Parsifal suggeriert eine straightere Gangart, während das fast zehnminütige Craven’s Dawn über seinem finster flatternden Bass eine verletzliche Hoffnung in die Düsternis gleiten lässt. Die Umlaufbahn des dunkel funkelnden Coffins on Io ist hier gefühltermaßen nicht weit, auch wenn Driver hier weniger nach den Sternen greift, als in seine persönliche Unterwelt sinkt.
Eine Reise, die in der beschwörenden Zeitlupe von Boys on the Hill mündet: eine majestätische auftauchende Hook thront hier über einem Konglomerat der lose ineinander übergreifenden Fäden, lässt gar weit entfernt an Mark Hollis und Talk Talk denken. Beinahe croont Driver, „I can see the fire from my window, I can see it with my eyes closed„, und öffnet dem Kopfkino mystische Welten.
She drew herself up like cigarette smoke“ und „Time heals all / but what is time?“ sing Driver irgendwann auch in diesem zeitauflösenden Delirium, und zeichnet damit ein paar der nachhaltigsten Bilder unter dem immaginativ-nebulösen Schleier. Wahrscheinlich hat er darum herum das bisher anmutigste und friedlichste Album seiner ausufernden Karriere geschrieben; vielleicht sogar jenes, dass den rastlosen Getiebenen trotz der unstillbaren Sehnsucht des astral verzaubernden Madonnawhore erstmals mit sich selbst im Reinen erscheinen lässt.

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