Kurzkritiken

von am 16. April 2014 in Kurzreviews

Kurzkritiken

3×3 Reviews im Kompaktformat: All diese Gewalt! – ‚Kein Punkt wird mehr fixiert‚ | The Afghan Whigs – ‚Do to the Beast‚ | Amen Dunes – ‚Love‚ | The Body – ‚I Shall Die Here‚ | The Hold SteadyTeeth Dreams | Koen Holtkamp – ‚Motion‚ | Mauracher – ‚Let’s Communicate‚ |Linda Perhacs – ‚The Soul of All Natural Things‚ | St. Vincent – ‚St. Vincent‚ | 

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All diese Gewalt! - Kein Punkt wird mehr fixiert  All diese Gewalt! – ‚Kein Punkt wird mehr fixiert

Ob Max Rieger überhaupt jemals schläft? Gemessen an seinem enormen musikalischen Output darf man jedenfalls getrost mutmaßen dass dem nicht so ist. Was einem nur Recht sein kann, werkelt der Stuttgarter doch nicht nur an diversen Labels und Bands bzw. hat sich auch am Produzentenstuhl sitzend bereits einen Namen gemacht, sondern ist spätestens mit den Debütalbum seines Soloprojekts All diese Gewalt! auch drauf und dran endgültig einer dieser getriebenen Vielveröffentlicher zu werden, bei dessen Output man von vornherein blind zugreifen kann.
Kein Punkt wird mehr fixiert‚ nimmt den Faden nach einer vielversprechenden EP und auftrumpfenden Remixarbeiten dort auf, wo Rieger erst vor wenigen Monaten ‚Fun‚ von seiner Stammband Die Nerven mit ‚Girlanden‚ hat ausklingen lassen, bleibt der selben düsteren und gedankenschweren Grundstimmung treu, öffnet allerdings Türen zu einem weitläufigen Spielplatz der Möglichkeiten: ‚Endloses Band‚ stellt sich anhand unruhiger Einstürzende Neubauten-Percussion vor und kontrastiert mit verspielter Melodie die unheilschwangere Atmosphäre, verneigt sich auf seinem intensiv souligen Höhepunkt aber doch lieber vor Greg Dulli und kippt letztendlich in ein Ringelspiel aus überlegt arrangierten Industrial, Elektronik und Noise. Um die Intensität des rein instrumentalen Tremolomelancholiehauchs ‚Good Night Wild Child‚ kreieren zu können würden viele Postrockbands morden, während ‚Das Hier Ist Einfach‚ eine innerlich unruhige, verstörende Versöhnlichkeit in seinem beinahe mediativen Fluss verströmt. Dass der Closer ‚Illusionen‚ mit einem zur Kakofonie neigenden Groove nicht für einen runden Abschluss sorgen kann und ein oder zwei Songs mehr der 28 Minuten kurzen Platte durchaus nicht geschadet hätten bleibt ein zu verschmerzender Schönheitsfehler auf einem enorm vielversprechenden Startpunkt.
Kein Punkt wird mehr fixiert‚ bleibt auf seinem Weg Richtung Pop in all seinen Schattierungen stets so einnehmend wie trügerisch und ungemütlich. „Das hier ist einfach nicht mehr das / Was es noch nie gewesen ist„.  Songs wie ‚Tag ohne Regen‚ sind eben gar nicht so weit von Die Nerven entfernt, schließen aber lieber die Augen als dass sie Gift speien, breiten sich aus und finden gar Platz für eine herrlich kaputte Trompete von Spezi Julian Knoth und hypnotisierte Besucher: „Everybody wants to be loved!„.

Vinyl bei Treibender Teppich Records
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Whigs_cover_noband  The Afghan Whigs – ‚Do to the Beast

Ohne die letzten Twilight Singers Platten oder die Gutter Twins unter Wert verkaufen zu wollen, aber Hand aufs Herz: in den letzten Jahren fühlten sich die (durchaus suboptimalen) dEUS-Alben doch irgendwo wie die besseren Alternativen an um die Afghan Whigs-Lücke zu schließen. Dass der geläuterte Schwerenöter und Gentleman Dulli im feinen Zwirn sein Flagschiffband nach 16 Jahren Tonträgerauszeit reanimierte durfte man deswegen im Vorfeld auch durchaus argwöhnisch beäugen, während Dulli selbst kundtat nach der erfüllenden Erschaffung dieser Platte ruhigen Gewissens von einem Bus erfasst werden zu können. (Zu) Knappe 41 Minuten später ist klar woher diese Zufriedenheit rührt – und die Welt um eines der stärksten Dulli-Alben überhaupt reicher. Genau einen Song – das etwas zu breitbeinig hardrockende ‚Parked Outside‚ – benötigen The Afghan Whigs, um wieder in ihre verruchte, majestätische Welt zu ziehen. Das Fehlen von Telecaster-Lautmaler Rick McCollum balanciert Dulli durch zahlreiche Gäste (Van Hunt, Johnny „Natural“ Nejara sowie Mitgliedern von Emeralds, Queens of the Stone Age, Chavez und den Raconteurs) sowie kleine Exkursionen des (beinahe zu dick produzierten) Elder Stateman-Rocks aus. ‚The Lottery‚ packt eine T- Gitarre ein und die dramatisch arbeitende Ballade ‚It Kills‚ ist dann sowieso jene Art von stadiontauglich wehklagendem Intim-Soul, die U2 nicht mehr zustande bringen. ‚Can Rova‚ verbindet Countryansätze stilbewusst mit pulsierender Elektronik. ‚Algiers‚ orientiert sich an Motown-R&B im Westernmodus und offenbart nebenbei die Querverweise Usher (!). Purzelnden Pianostücke wie das rotweinschwere ‚Lost in the Woods‚ sind imposant große Gesten, melodramatisch und abgedunkelt, Ausdruck einer revitalisierenden, vor allem im Mittelteil auftrumpfenden Platte, die Band und Fans unmittelbar mit zeitlosen, kraftstrotzdenden Rocksongs zusammenbringt. Dass der mit seinen Kräften haushaltende Dulli seine Ausnahmestimme beseelter denn je einzusetzen versteht tut sein übriges. Plötzlich merkt man erst, wie sehr man diese Band doch vermisst hat.07Vinyl LP auf Amazon | CD auf Amazon | MP3 Download auf Amazon

Amen Dunes - Love  Amen Dunes – ‚Love‘

Als hätte Neil Young ein Session mit The Velvet Underground eingespielt, die nun von den Fleet Foxes und Kurt Vile ausgegraben wird…..
Vor allem im Rückspiegel gibt das auf Perfect Lives ausgelagerte Vorgängerwerk ‚Spoiler‚ nun mit all seinen rudimentären Experimentalsoundscapes durchaus seinen Sinn, hat es doch offenbar Damon McMahon’s Blick für das Wesentliche geschärft. Für die Rückkehr zu Sacred Bones respektive dem rostig angekratzten Gebräu aus psychedelischem Folk und schummrig geschmolzenen Rock hat der Amerikaner seinen Fokus sorgfältig kallibriert, subtrahiert die allzu unkonkreten Auswüchse der Vergangenheit, um sein immer noch vor der Morgendämmerung stattfindendes Songwriting griffiger und zugänglicher auszuleuchten. Die radikalen Umbrüche, die McMahon alleine hinsichtlich seiner Arbeitsstruktur vorgenommen hat machen sich bezahlt: mit seinen Langzeitkumpels Jordi Wheeler und Parker Kindred ging es ab nach Montreal, um mit Dave Bryant und Godspeed You! Black Emperor Chef Efrim Menuck am Produzentenstuhl sowie Blasmusikgenie Colin Stetson dahinter über eineinhalb Jahre an den Songs zu arbeiten – eine schiere Ewigkeit für jemanden, der ansonsten den First Take-Weg zu gehen pflegt.
Mögen da schrammelnde Elemente gleich im eröffnenden ‚White Child‚ auch immer wieder für kurze Zeit wirken als würden sie in verschiedene Songs aneinander vorbeispielen: die Zeiten in denen McMahon ‚Tomorrow Never Knows‚ über 10 Minuten hinweg bis zur Unkenntlichkeit malträtierte sind vorerst weitestgehend vorbei. Seine neuen, tiefer ausgearbeiteten und versöhnlicher mit ihren Melodien umgehenden Songs trotten stoisch aus dem stillen Kämmerlein, spüren ein mächtiges Panorama unter ihren sorgsam gelegten, schwer wiegende Schichten brodeln. Amen Dunes malen tonale Bahnfahrten weit draußen durch ein Meer aus verwaschen perlenden Gitarren, klappernden Klavieren in Schieflage und generell verdammt viel Hall. Nur ‚I Can’t Dig It‚ fällt da als Lofi-Garagenrumpler in bester Ty Segall-Manier dezent unangenehm aus dem einlullenden Rahmen, weil selbst Iceage/Vår-Sänger und Gast-Enfant Terrible Elias Bender-Ronnenfelt in beschwingter Melancholie für das sanft marschierenden Stampfer ‚Lonely Richard‚ friedlich bleibt oder kaputt durch das Dickicht von ‚Green Eyes‚ torkelt.

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The Body - I Shall Die Here  The Body – ‚I Shall Die Here

Man muss die Lobeshymnen die das experimentelle Doom Metal Duo aus Providence vor allem für die beiden 2013er Veröffentlichungen ‚Christs, Redeemers‚ und ‚Master, We Perish‚ nicht restlos nachvollziehen können um bereits zu realisieren, dass Chip King und Lee Buford im Jahr 2014 noch weitaus eklatantere Spuren hinterlassen werden als im letzten. Vor der grandiosen Gemeinschaftsveröffentlichung mit Thou deutet bereits ‚I Shall Die Here‚ an, dass die vielleicht größte Stärke der Band in Kooperationen liegt – weil es The Body meisterhaft verstehen auf ihr Gegenüber einzugehen, unterstützend Vorzüge zu unterstreichen, Ansätze zu erweitern und den eigenen Sound als wandelbaren Nährboden anzubieten. Die versammelten 6 Songs in 40 Minuten sind nun ungeachtet des angegebenen Interpreten ein absolut gleichwertiges Tauziehen von The Body und dem beängstigend intensiven Klangmaler Bobby Krilic geworden, der als The Haxan Cloak die Elektronikwelt im vergangenen Jahr mit ‚Excavation‚ in beklemmende Angstzustände versetzte. ‚I Shall Die Here‚ ist – Ansätzen von ‚Christ, Redeemers‚ folgend – ein klaustrophobisches Tauziehen zwischen wummernden Subbässen und walzendem Doom, schiebenden Effekten und kompromisslosen Riffs, kalten Industrialklängen und einem monströsem Drone, der in ‚The Night Knows No Dawn‚ nicht nur namentliche Erinerungen an Sun O))) oder den Sunshine-Soundtrack wachruft. The Body und The Haxan Cloak treiben sich beständig weiter hinein in ein unheilvolles, atmosphärisch verstörendes Klangkonglomerat von drückender Dichte. ‚I Shall Die Here‚ beschert damit einem breiten Spektrum wohlige Albträume.08Vinyl LP auf Amazon | CD auf Amazon | MP3 Download auf Amazon

The Hold Steady - Teeth Dreams  The Hold Steady – ‚Teeth Dreams

4 Jahre sind der Ausstieg von Franz Nicolay und damit auch die letzte Studioplatte ‚Heaven is Whenever‘ schon wieder her. Dass der Keyboarder und Multiinstrumentalist nicht mehr an Bord ist hört man – zwar klimpern immer noch vereinzelte Tasteninstrumente, aber die Band hat deutlich an Wendigkeit und vor allem Leichtigkeit verloren. Dass mit Steve Selvidge der Tourgitarrist mittlerweile fixes Bestandteil der Band ist schlägt sich ebenfalls im Sound nieder: weil The Hold Steady sich bis auf balladeske Ausflüge wie das melancholische ‚The Ambassador‚ oder das groß auftrumpfende Finale aus dem zurückgenommenen Boston-Moment ‚Almost Everything‚ und dem nachdenklichen Grübler ‚Oaks‚ deutlicher (und gleichförmiger) denn je auf das Rock-Standbein in ihrem Barhocker-Rambazamba fokussieren und diesen bisweilen derart bestimmt aufblasen, dass die Frage auf eine Einladung ins Vorprogramm von Pearl Jam nur eine Frage der Zeit ist – keine bisherige The Hold Steady-Platte hatte auch nur ansatzweise derart viele McCready/Gossard-Verneigungssoli und Riffs auf Lager. Markant bleibt kaum eine davon. Im unerschrockensten Auswuchs mutiert hier Classic- gar zum Hardrockender (‚Runner’s High‚). Auch in diesem noch stadiontauglicheren Kontext funktionieren all die Stories von Craig Finn natürlich. Weil sie dies aber mittlerweile eigentlich am besten vor gemäßigtem Hintergrund tun ist ‚Clear Heart Full Eyes‚ durchaus die vorzuziehende Alternative zu einem souveränen Tritt aufs Gaspedal.

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Koen Holtkamp - Motion  Koen Holtkamp – ‚Motion

Koen Holtkamp ist schon mit seiner Stammband Mountains nicht zimperlich, wenn es darum geht ambiente Soundwelten zu erschaffen. Auf ‚Motion‚ lässt er sich allerdings vollends fallen in ein ätherisches Sternenmeer aus modularen Keyboardflackern und flächigen Gitarrenteppichen. Die Unterteilungen in 4 Szenarien über die 40 Minuten ist dabei nur zum Teil reines Entgegenkommen an den Zuhörer: natürlich funktioniert dieser vertonte Zeitlupen-Science Fiction-Forscherdrang an einem Stück konsumiert am besten – hat Holtkamp erst einmal in seine Welt gezogen verzaubert sein interstellarer Trip allerdings durchaus variabel mit einer Fülle an kleinen Melodien auf Elektronenmikroskopebene. Wie etwa mit dem beinahe epochal staunende Ausbruch des triumphalen E-Gitaren-„Solo“s in ‚Vert‚ oder mit der regelrecht jazzigen Klangfarbe von ‚Crotales‚. Für Ausflüge wie die fast 22 minütige Unterwasser-Odyssee ‚Endlessness‚ (ein wahrhaftiger Titel!) muss man freilich gewappnet sein, sind die Rezeptoren jedoch ausgefahren umspült ‚Motion‚ als Katalysator für das tiefenrauschende Kopfkino.07Vinyl LP auf Amazon |

Mauracher - Let's Communicate  Mauracher – ‚Let’s Communicate

Wer dem elektronischen Synthiepop den der Nomade Hubert Mauracher und Sonia Sawoff auf dem kleinen Formatradiohit ‚Mind-Boogling‚ etwas abgewinnen konnte wird ohne Frage auch mit dazugehörigen Album glücklich  werden, basteln Mauracher drumherum doch ein ähnlich gefälliges Potpuori aus flotten Beats und flächigen Synthies. Wer schon ‚Mind-Boogling‚ allerdings als uneigenständig altbackene Genreware wahrgenommen hat, die vor allem unter der unspektakulär limitierten Stimme Seawoffs, der banalen Texte und bisweilen billig wirkenden Melodie leidet, der wird sich nun auch im Langformat daran stören, dass hier beinahe ein Duzend an Songs ohne die nötigen zündende Ideen auf eine gefühlte Ewigkeit weit über Gebür ausgedehnt werden und ‚Let’s Communicate‚ in Summe trotz solider Grundrisse ohne Ecken und Kanten als bemühte Konsensware plätschert. Dabei wäre durchaus Potential vorhanden: ‚Swaying‚ klingt dann wie der Versuch Chromatics in ausgelassenes Tageslicht zu ziehen, ‚In Contact‚ pulsiert in Schönheit, der Rahmen aus Titelsong und dem verträumt ausladendenden ‚The End Song‚ beschwört erfolgreich die Hymnik von M83. Überhaupt sind Mauracher immer dann am besten wenn sie ihre Vorbilder klar durchscheinen lassen, das Tempo wie im balladesk schiebenden ‚Star Believer‚ herausnehmen, Seawoff in den Hintergrund tritt und die gerne allzu simplen Minimalmelodien in die Breite gehen. Die Chemie zwischen Mauracher und Seawoff mag dabei ja durchaus passen – ein weniger versöhnlicher Partner beim Songwriting an dem sich der Musiker aufreiben könnte würde der Musik dennoch verdammt guttun. Das Artwork bleibt trotzdem klarer Tiefpunkt der Veröffentlichung.04MP3 Download auf Amazon

 Linda Perhacs - The Soul of all Natural Thing Linda Perhacs – ‚The Soul of all Natural Things

Dass Julia Holter am Titeltrack von ‚The Soul of All Natural Things‚ zu hören ist ergibt vor allem aus zweierlei Gründen Sinn: einerseits zählt Holter ‚Paralellograms‚, die 44 (!) Jahre alte legendäre Vorgängerplatte von diesem Zweitwerk zu ihren prägenden Lieblingsalben; andererseits klingt ‚The Soul of all Natural Things‚ nun auch ohnedies ein wenig wie das zweieiige Tagespendant zu Holters letztjährigem ‚Loud City Song‚: friedfertig dösender Art-Pop mit weitläufigen Wegen rund um psychedelische Folkelemente und fein eingewogenen Elektroniksprengseln, anmutige Mehrstimmigkeit umschmiegt da potentielle World Music Melodien die voller Bedacht aus Keyboard, Gitarre oder Piano wehen. Ein wenig so, als hätte Paul Webb ‚Out of Season‚ nicht mit Beth Gibbons, sondern Alison Goldfrapp aufgenommen. Damit klingt Perhacs der Zeit nicht mehr weit vorauseilend, sondern eher wohlwollend an ihrem Puls wirkend. Was dabei immer wieder überrascht ist die Stimme der Amerikanerin, die für eine 71 jährige unfassbar jugendlich und hell durch die weich fließenden Songs schwebt. Die bisweilen an der Grenze zu Kitsch und Ethnosschwülstigkeit ausholenden Texte müssen einem dabei natürlich liegen.06Vinyl LP auf AmazonCD auf Amazon | MP3 Download auf Amazon

St. Vincent - St. Vincent  St. Vincent – ‚St. Vincent

I wanted to make a party record you could play at a funeral“ sagt Annie Clarke über ihr viertes Studioalbum und drappiert sich im retrofuturistischen Schick herrschaftlich am Cover. Das Recht dazu hat sie allemal, ist doch spätestens seit dem nun stark nachwirkenden ‚Love this Giant‚ mit David Byrne auch einer großen Masse bekannt, dass St. Vincent eine der zuverlässigsten Anlaufstellen ist, wenn es darum geht grandiosen Pop auf unkonventionelle Weise zu arrangieren. Auf ihrem selbstbetitelten Werk verschweißt sie abermals enorm gekonnt Gegensätze miteinander und tänzelt mit elfengleicher Eleganz über die kantigen Nahtstellen. Kaum sonst wo klingt Unnahbarkeit derart so verletzlich und intim, oder präzise arbeitende Sterilität verschroben und unberechenbar. In die hackeligen Beats von ‚Rattlesnake‚ oder ‚Huey Newton‚ grätscht diese typisch irre Annie Clarke-Gitarre mit Tollwut, ‚Bring Me Your Loves‚ lässt die Schaltkreise ausgelassen zum Marschschlagzeug hyperventilieren. ‚Digital Witness‚ zieht smarte Bläser auf die Byrne-Tanzfläche und ‚Birth in Reverse‚ täuscht eine Tom Waits-Kauzigkeit an um letztendlich hinter einem vollends überdrehten pumpenden Rhythmus Stakkatoriffs klebt, die so auch And So I Watch You From Afar benutzen könnten, während St. Vincent fröhlich die Banalität des Alltags ansticht: „Oh, what an ordinary day/ Take out the garbage, masturbate/I’m still holding for the laugh„.
St. Vincent‚ funktioniert geradliniger und zugänglicher als seine Vorgänger, korrigiert mit Songs wie der ätherisch schwelgenden Ballade ‚I Prefer Your Love‚ oder dem märchenhaften ‚Severed Crossed Fingers‚ die Banalitäten von Lana Del Rey. Ausreißer (‚Every Tear Disappears‚ oder ‚Psychopath‚, trotz allem gute Songs) sorgen wie gewohnt dafür, dass das Niveau nicht durchgängig gehalten werden kann – oder ‚Actor‚ in unmittelbare Greifweite kommt. Dennoch ist das wieder einmal wunderschöne, stilvolle Art-Popmusik: nicht wirklich für Beerdigungen und nur bedingt für Parties geeignet, aber für nahezu jede andere Gelegenheit dazwischen – wenn auch eigentlich zu schlau für die plumpe Gegenwart. Hierraus könnten durchaus Trends entstehen. 07Vinyl LP auf Amazon | CD auf Amazon | MP3 Download auf Amazon

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