Lana Del Rey – Honeymoon

von am 26. September 2015 in Album

Lana Del Rey – Honeymoon

Kaum zu glauben, dass seit ‚Born to Die‚ gerade einmal 3 Jahre vergangen sind. Die seit damals zurückgelegte Entwicklung von Lana Del Rey ist jedenfalls eine beachtliche, während die forcierte Gangart ihrer Mainstream-Durchbruchsplatte auf ‚Honeymoon‚ nur noch eine verschwommene Erinnerung an längst vergangene Epochen darstellt. Mehr noch: Gegen das dritte Major-Album der Amerikanerin wirkt sogar der sensationelle Vorgänger ‚Ultraviolence‚ wie eine enorm scharf konturierte Hitschleuder.

15 Monate nach dem durchaus überraschenden 2014er-Triumphzug hat sich die 30 Jährige Sängerin vom damaligen Produktionsteam um Tausendsassa Dan Auerbach losgesagt (nur Langzeitpartner Rick Nowels durfte die Reise als Co-Songwriter und Produzent weiter fortsetzen), was einerseits für die Selbstständig- und Zielstrebigkeit spricht, mit der Elizabeth Grant ihre musikalische Ambition der „gangsta Nancy Sinatra“ verfolgt, andererseits anhand der nun vorliegenden 14 neuen Songs auch klar vorführt, wie eng der Black Keys-Chef die Zügel tatsächlich bei dem so elegant fließenden ‚Ultraviolence‚ gehalten haben muss.
Lana Del Rey transzentiert ihren dramatischen, zutiefst nostalgischen Pop auf ‚Honeymoon‚ nun nämlich noch kompromissloser in einen anachronistischen Trancezustand. Entschleunigt und beruhigt ihre Sepia-farbenen Spannungsbögen mit melancholischen Valiumschleiern, gleitet mit eleganter Unnahbarkeit durch Melodien, die alleine schon im ätherischen Opener und Titelsong mit seinen traurigen Film Noir-Streichern wie alte Bekannte aus dem Unterbewusstsein auftauchen und sich in einer entrückten David Lynch-Atmosphäre vergraben: „Everything you do is elusive, too, even your honey dew/…/Dreaming away your life„.

Honeymoon‚ wirkt gleichzeitig in sich gekehrter und zurückgenommener als ‚Ultraviolence‚, transportiert ein unterschwelliges, enorm dezent aufbereitetes Hollywood-Cinemascope-Flair, das für mehr Weite im elegischen Klangraum sorgt und die kaum greifbar schwelgende Stimme der Del Rey endgültig als Dreh- und Angelpunkt des Geschehens inszeniert. Rundherum hypnotisiert ein Ambiente aus flüchtig hallenden, nebulös-orchestralen Tagträumen der devoten Sinnlichkeit, eine assoziative Blase, die keine zeitlichen Limitierungen mehr kennt, seine Hauptdarstellerin unerschrockener und selbstsicherer in die immer noch selben Probleme schickt: „We both know the history of violence that surrounds you/But I’m not scared, there’s nothing to lose now that I’ve found you„. Komplizierte Liebe und absehbarer Verlust  gehen auf ‚Honeymoon‚ natürlich wieder Hand in Hand (man kennt die alte Formel: Lana + „some guy“ = Trouble), münden nun aber nicht zwangsläufig in mitleiderregende Tränen: „No holds barred, I’ve been sent to destroy, yeah„.

I lost myself when I lost you, but I still got Jazz when I’ve got the blues“ singt Lana Del Rey im zum Sterben schönen ‚Terrence Loves You‚, leise Bläser streicheln dann den intimen Gänsehaut-Song, bevor sie an David Bowie angeleht fragt: „Ground control to Major Tom/ Can you hear me all night long?„. Derartige popkulturelle Referenzen durchziehen ‚Honeymoon‚ collagenartig. Im dramatisch meditierenden ‚God Knows I Tried‚ streichelt Lana ihre Wunden  im Hotel California der Eagles („God knows I live/God knows I died/ God knows I begged/Begged, borrowed and cried„), findet in der anbetenden Romanze ‚Religion‚ dann Trost bei Bob Dylan („All we do is play, all I hear is/Music like Lay Lady Lay„) den Nina Simone-Klassiker ‚Don’t Let Me Be Misunderstood‚ zelebriert sie abschließend ohne jegliches Brimborium als zutiefst verletzte Intimität: Eine der besseren Interpretation der Nummer.
Freilich keine wirklich notwendige, und  mehr noch als auf dem Vorgänger ‚The Other Woman‚ eine nur leidlich stimmige Idee im Kontext. Dass sich verneigenden Coversongs nun aber als ehrwürdige Tradition im Schaffen von Lana etabliert haben, die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf einer weiteren Ebene auflösen, das passt dann irgendwo doch wieder.
Wenn Lana del Rey in ‚High By The Beach‚ (der wohl einzig radiokompatiblen Nummer der Platte) dazu zu sorgsam zwischen Trip Hop-Weichzeichner und medikamentösen Downbeat laufenden Watte-Drums den Paparazzi-Helikopter kurzerhand vom Himmel knallt, funktioniert das gar als korrigierende Reminiszenz an die eigene Geschichte vom Aufstieg zum vielbeäugten Star, indem sie entlang einer hartnäckigen Killerpopsingle in gewissem Maße auch die Fehler der unsagbaren Produktion von ‚Born to Die‚ revidiert.

Über allem schweben dabei immer noch die imaginativen Bilder von engumschlungenen Tänzen in glamouröser Slowmotion, von latent cool schmachtenden Blicken in wehenden Kleidern. In den verruchten Vintage-Bars rauchen Handfeuerwaffen im Zigarettenqualm, hörige Zärtlichkeiten treffen auf abgrundtiefe Enttäuschungen. ‚Honeymoon‚ ist mehr als jede andere Platte von Lana Del Rey ein Album geworden, in das man sich verlieren kann – wenn man es denn möchte.
Zieht das Viertwerk der amerikanischen Diva die Fronten doch nicht nur zu all jenen tiefer, die bereits den Vorgänger latente Langeweile unterstellten, sondern fordert auch die Geduld ihrer ergebenen Gefolgschaft heraus: Keiner der langen 13 Songs (das Interlude ‚Burnt Norton‚ bleibt außen vor) ist für sich genommen auch nur ansatzweise schwach, am Stück konsumiert können die 65 Minuten aber eine durchaus ermüdende Gleichförmigkeit ausstrahlen, vor allem im Mittelteil für Längen sorgen. Dass einige Nummern auch in einer kürzeren Spielzeit ihre Wirkung entfalten hätten können: geschenkt.

Wo es ‚Honeymoon‚ an Varianz und phasenweise auch der Dynamik mangelt, kaschiert Lana Del Rey dies jedoch mit ihrer verzehrenden Aura, einer gemächlich ausstrahlenden Tiefenwirkung, atmosphärisch beispielloser Dichte, dem Funken Magie – und einigen der betörendsten Songs ihrer Karriere. Vor allem in der Eingangsphase und der schlicht überragenden zweiten Plattenhälfte reihen sich die Diamanten nahtlos auf: das sehnsüchtige ‚Salvatore‚ verpflanzt die chronisch zwischen Unschuld und verruchter Abgründigkeit flanierenden Vintage-Love-Songs ins Italien der 1940er; ‚24‚ klettert aus der Verschlossenheit als idealer Kandidat zwar (leider) nicht in den Abspann des kommenden Bond-Streifens, aber dafür umso stilvoller auf die große Bühne; ‚The Blackest Day‚ arbeitet sich mit gebrochenem Herzen durch die 5 Phasen der Trauer: „Ever since my baby went away/ It’s been the blackest day, it’s been the blackest day/All I hear is Billie Holiday/…/I’m on my own again„. Wie niederschmetternd düster Hoffnung auf ‚Honeymoon‚ zu klingen pflegt, das führt der regelrecht suizidale ‚Swan Song‚ in letzter Instanz vor: „I will never sing again/ You won’t work another day/ It will be our swan song„. In diesem Abschied aus der Wirklichkeit mündet die schwarzweiße Stimmung letztendlich in einer deliranten Traumlandschaft, die allerdings auch unterstreicht: Klarer und unverfälschter als auf ‚Honeymoon‚ war die Sicht auf Lana del Reys musikalische Vision bisher wohl noch nicht.

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