Lust for Youth – Perfect View

von am 16. Juni 2013 in Album

Lust for Youth – Perfect View

Der schwedische Produzent Hannes Norrvide alias Lust for Youth hat mit seinem dänischen Kompagnon Loke Rahbek im zweiten Anlauf über Sacred Bones Records einen aufgeräumteren Blickwinkel auf die dunkle Saat des unterkühlten No Wave-Synthiepop gefunden, die er im vergangenen Jahr auf ‚Growing Seeds‚ ausgestreut hat. Die perfekte Aussicht entsteht dadurch allerdings nicht zwangsläufig.

Fäden werden aufgenommen und verdichtet, die Rollläden zugezogen, Lust for Youth baden wieder in ihrem Zwielicht aus karg ausstaffierten No Wave-Texturen in spartanischer Lo-Fi-Optik und maschinell marschierenden Beats im finsteren Electro-Postpunk. Norrvide’s Stimme hallt dabei gewohnt, wohl dosiert und doch auch stärker präsent an teilnahmslos skandierten Nicht-Hooklines und eindeutigem Gesang vorbei, den jungen Robert Smith anschmachtend , freilich viel zu distanziert um Nähe zuzulassen. Reibungsflächen entstehen auf ‚Perfect View‚ an den Rhythmen und der Industrial-Ausrichtung. Die freudlosen Goth-Synthies arbeiten hier im Angelo Badalamenti-Modus flächig und abgründig, dort versprechen sie minimalistische Billo-Casio- und Sequencer-Melodien: als würden New Order im Keller einer heruntergekommenen Geisterbahn mit 4-Spur-Recorder bewaffnet Tanzmusik veranstalten, während die Welt oben langsam zugrunde geht. In ‚Another Day‚ driftet Norrvide weiter denn je in die 80er ab, in eine sich gegen jede freudvolle eingängige wehrenden Klaustrophobie, wie Depeche Mode oder 2009er-Editors so nie mäandern lassen wollten – sehr wohl allerdings die Sacred Bones-Labelkollegen Vår unlängst.

Wie die skandinavischen Geistesverwandten fabriziert Norrvide eher funktionale Stimmungsgebilde denn an Nahbarkeit interessierte Songs. Nicht nur ‚Barcelona‚ stapft stimmungsvoll designt zum stampfenden Misanthropen-Tanz, ‚End‚ überbrückt als ambiente Radiatorenmusik. ‚Perfect View‚ giert es ebenso nach bewegenden Hüften wie dem Werk körperliche Ertüchtigung grundsätzlich zuwider erscheint und steckt mit dem Kopf damit in arty Rauchschwaden und einem theoretischen Kunststudententum, dass den Bauch nicht immer derart anspricht, wie es das kurbelnde Noir-Kopfkino es eigentlich will – wahlweise ähnlich Dissapears in einem technoideren Umfeld ohne Nietenjacken und Schweisgeruch. Am besten ist ‚Perfect View‚ deswegen etwa dann, wenn Norrvide beispielsweise im Titeltrack alle Hemmungen sein lässt und ungebremst in die Electronic- und Club-schiene einlenkt, seine Absichten durch Konzentration artikuliert, nicht durch mit der Brechstange transportierte Phrasierungen.

Mit zunehmender Fordauer ist ‚Perfect View‚ dabei zwar vor allem die marginal phasenverschobene Wiederholung von ‚Growing Seeds‚ und damit vordergründig natürlich extrem stylische und stoische Rhythmus-Musik, zu der Ian Curtis eventuell gerne getanzt hätte. Dazu gelingt es Lust for Youth mit Fortdauer der Platte aber die unterkühlte Atmosphäre der Platte immer weiter hin zum Rausch zu verdichten, einen weitestgehend fesselnd anachronistischen Trip zu gestalten, der mangelnde Spannungen durch authentische Kohärenz ausgleicht. Dass Vorab-Highlights wie der vermeintliche Hit ‚Chasing the Light‚ ausgespart wurden schadet der Platte natürlich gleichermaßen wie die idealisierte Vorgabe ‚No One Dances Quite Like My Brothers‚ welche in ähnlichen Gefilden einfach deutlich variabler, intensiver und verstörender die gesetzten Ziele verfolgt. Auch auf dem dritten Studioalbum fabrizieren Lust for Youth damit skelettierte Trackskizzen, die gleichzeitig nach DJ-Remix, ermüdender Monotonie, luzierenden Mitternachts-Tagträumen, affektierter Coolness mit Sonnenbrillenpflicht und verzweifelter Party im Leichenschauhaus verlangen.

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