Alex Zhang Hungtai – Dras
Seit Swimming Bird, dem letzten vor Dras erschienenen Soloalbum, sind über dreieinhalb Jahre ins Land gezogen. Eine lange Zeitspanne für den niemals ruhenden Kosmopoliten Alex Zhang Hungtai.
Zwar wird diese insofern relativiert, da seit 2022 schon etwaige Kooperationen und Live-Platten des ehemaligen Dirty Beaches-Last Lizards erschienen sind, doch ist Dras auf der anderen Seite auch eine Archivsichtung, die aus dem vergangenen Jahrzehnt datiert, wie der Beipackzettel weiter ausführt: „Recorded in 2019 inside Montreal’s Saint Joseph Oratory (right before a piano demolition, no less), these nine pieces sat dormant on his hard drive through pandemic years until something finally clicked. What emerges now feels like watching someone trace the contours of their own interior landscape, each melodic line a careful negotiation with the unconscious. This is only a saxophone record in the barest sense.“
Und auch der an selbiger Stelle ausgewiesene Stillstand des Musikers erweist sich als perspektivenabhängig.
Entlang einer homogenen, ganzheitlichen Suite mit einzelnen Passagen positioniert Zhang Hungtai den Hörer als Beobachter eines mysteriöses tonalen Objekts, das unter seiner spitz schabenden Oberfläche luzide als Klanginstallation und Drone-Skulptur im Dark Ambient mutiert. Mit der Landschaft ineinanderfließend hat der karge Minimalismus dieses halb analytischen, halb instinktiven Soundtracks in Form eines technoiden Organismus eine retrofuturistische Aura, und lässt offen, ob hier Melodien geformt werden, oder man sich gerade aus ihnen herauswindet. Ein Hang zum abrasiv ziselierten Noise ist an dem verzerrten Kanten mit verführerisch weicher Distortion erkennbar.
Der prolongierte Stillstand observiert in ständiger Zeitlupen-Bewegung, nebulös und messerscharf. Die ätherische Schönheit ist abstrakt, die digitale Bearbeitung und der Resonanzkörper des Aufnahmeortes entrücken den Sound unwirklich und verfremden das Instrument nahezu absolut: Das könnte auch ein synthetisches überblenden analoger Trugbilder sein, diese Trance eines seltsam beruhigenden, entschleunigter Fiebertraums.
In Estado scheint die Bedrohlichkeit apokalyptisch am Horizont zu dräuen, das Unbehagen rückt fast greifbare Nähe, bleibt aber letztlich an der Peripherie und zieht sich danach in traumwandelnder Gedankenschwere zurück. Natürlich. Dras zu erforschen, heißt nämlich, sich dort Treiben zu lassen, wo das faszinierende Staunen dem bekümmerten Schwermut gewichen ist, die apathische Lethargie aber eine sphärische transzendente Elegie meint.
Wenn sich das Saxofon im abschließenden Mazil aus diesem in sich ruhenden Labsaal schält, meint man einer herrschaftlichen Majestät und beruhigenden Physis ausgesetzt zu sein. Doch die entlohnende Klimax verklingt dem MO der Platte entsprechend unverbindlich. Die so kurze 35 Minuten dauernde Reise will nicht mehr erzwingen und begnügt sich damit, den Eindruck zu hinterlassen, nur einen vagen Einblick in diesen (aus den Archiven geretteten) Teil des Zhang Hungtai-Kosmos bekommen zu haben. Hätte man ihn ganz verpasst, wäre es freilich noch tragischer. Auch wegen des tollen Artworks.


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