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Marissa Nadler – Moons

Marissa Nadler - Moons

Nur LINGUA IGNOTA hat derart zuverlässig zu jedem Bandcamp-Friday neues Material im Angebot, wie Marissa Nadler. Diesmal liefert dies dem geneigten Fan die EP Moons – welche sich dann sogar doch auch einmal endlich ein wenig von der angestammten Komfortzone der Chanteuse aus Boston entfernt.

Fun Fact: Wie schon bei Covers 3 wurde Moons erst fehlerhaft auf Bandcamp hochgeladen und vertrieben: Es fehlte nicht nur der abschließende Track Shame, auch firmierte die EP noch unter dem ebenso pragmatischen wie letztendlich schlüssigen Titel „Ambient Songs and Fragments of Them“ – der so eben auch vorwegnimmt, dass Nadler sich über den größten Teil des Kurzformates (soll heißen: die ersten beiden Nummern und damit immerhin 9 der insgesamt 13 Minuten Spielzeit) einer Assimilierung des esoterischen Ambient und New Age-Drone widmet.

Das eröffnende Moonrise könnte keinen passenderer Titel für seine ätherische Ästhetik gefunden haben, die sich wie ein im fahlen Mondlicht schwebender Erinnerungsnebel niederlegt. Absolut imaginativ ist das nahe bei Grouper und den Wolves in the Throne Room der Celestite-Ära um 2014, formlos und strukturoffen, ein melancholisch glimmernder Score aus Synthies, wie er Anna von Hausswolff gefallen wird. Mit ihrem Kooperationspartner Milky Burgess leistet Nadler jedenfalls aus dem Stand weg absolut einnehmende Arbeit – diese stilistische Ausrichtung steht ihrem Wesen grandios.
Sun führt diese Ausgangslage noch ergiebiger weiter, interpretiert die Sonne als entschleunigte Zeitlupe in Schwarz/Weiß, schimmert aber nicht nur hoffnungsvoller in seiner gespenstischen Anmut, sondern macht Nadlers Stimme auch zu einem Teil des Soundtracks, indem er ihn als konturlos-sehnsüchtige Goth-Chor-Textur inszeniert und damit einen Schulterschluß zur bekannten Welt von Nadler (also: dem Dark Folk) möglich macht. Fantastisch!

Solchen klassichen Motiven nähern sich die folgenden drei Stücke – allesamt kurze Skizzen, die kaum über maximal 94 Sekunden dauern – dann auch tatsächlich. Better, Memory und Shame sind leise an der Gitarre gehauchte Genre-Kleinode typischer Nadler-Prägung, flüchtig perlend, beinahe vor Körperlosigkeit zerfließend, eher Ahnungen von Songs und letztendlich eben in Nostalgie aufgelöste Fragmente, wie es der ursprüngliche Titel spoilerte.
Sie alle sind stimmungsvoll und mit Gütesiegel versehen, freilich, aber dann eben auch nichts, was man nicht schon besser, erinnerungswürdiger, von Nadler kennen würde.
Schade insofern, dass sich Moons nicht ergiebiger mit dem Ambient beschäftigt, oder zumindest seinen übergeordneten Bogen noch einmal zu diesem zurückspannen würde. Denn  diese Entscheidung verkauft die EP mit zuviel patentiertem Autopilot hinten raus doch unter Wert: Zwei Reisen in den konturfreien Klangkosmos lang deutet Moons immerhin potent an, die beste Nadler-Veröffentlichung seit langem sein zu können.

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