Merchandise – Totale Nite

von am 28. März 2013 in EP, Heavy Rotation

Merchandise – Totale Nite

Das gesteigertes Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit und die damit verbundenen immensen Erwartungshaltungen spielen auf ‚Totale Nite‚ keine Rolle: nach ihrer formvollendeten musikalischen Neuerfindung mittels ‚Children of Desire‚ ziehen die Eigenbrödler hinter Merchandise ihr Ding auf ‚Total Nite‘ weiterhin konsequent durch.

Merchandise sind also immer noch mindestens 30 Jahre zu spät dran. Sie klingen nicht nach dem sonnigen Tampa, Florida, sondern nach allen großen Vertretern der britischen Inseln zwischen Waverock, Pop und Postpunk. Das hat auch auf ‚Totale Nite‚ so gar nichts mehr nach den desolaten zusammengeklebten DIY-Rocksongs ihrer ersten Kassetten zu tun, sondern mit The Smiths, Echo and the Bunnymen und The Cure in Reinform. Das leitende Duo Carson Cox und David Vassalotti hat neben Bassist Patrick Brady zwar mittlerweile in Elsner Nino einen adäquaten Schlagzeuger gefunden, es setzt im Studio aber weiterhin auf eine glaubwürdig antreibende Drum-Machine – neben all den Schichten aus schneidenden E-Gitarren und atmosphärischen Akustik-Klampfen, Bässen, Keyboard- und Synthesizerwellen und natürlich vor allem Cox‘ so wunderschön über den Dingen schwebenden Morrissey-Gedächtnis-Stimme.  Merchandise verschenken ‚Totale Nite‚ (noch?) nicht wie all ihre früheren Werke digital über ihre Homepage, weil man anstatt den grundsätzlich erwartenswerten Schritt zum Major zu tätigen über das befreundete Kleinstlabel Night-People unabhängig der eigenen Leidenschaft frönen will.

Merchandise bleiben so also in vielerlei Hinsicht ein untypischer Vertreter aus der Kategorie „aufstrebende Jungband“. Da passt es dann auch irgendwie nur zu gut ins Bild, dass ‚Totale Nite‚ gerade mal einen Song weniger als ‚Children of Desire‚ an Bord hat und damit nur unwesentlich schneller ins Ziel gallopiert – jedoch trotzdem nicht als vollwertiges Album sondern als EP gehandelt wird. Dabei nehmen Merchandise den Faden des 2012er Werkes hier nicht nur auf, sondern spinnen ihre dramatisch schwebenden Rocksongs gekonnt in zwahlreiche Richtungen weiter. Zumal die nun aufgelegten 33 Minuten Musik den großen Albumbruder damit wenn schon nicht an Eingängigkeit dann doch zumindest an Vielfältigkeit und Abwechslung locker übertreffen.

Mit ‚Who Are You‚ gibt es einen Mundharmonika-gestemmten, bluesig tackernden Einstieg, „Today the sun rose/Like the hand of God/Made the earth breathe again“ singt Cox und der Spuk ist vorbei, bevor er richtig begonnen hat. ‚Anxiety’s Door‚ folgt dicht darauf bereits als mittlerweile schon beinahe klassischer Merchandise-Hit: die Leadgitarre tollt der geradlinigen Verzauberung abseits der Strophen vorneweg, die romantisierte Melancholie der Band weicht einem zuversichtlich laufenden Optimismus: „With no chains on my heart/ It’s so easy to be free„. 7 ausladende, auf den Punkt gebrachte Minuten, wie sie auch ‚Children of Desire‚ nicht untergegangen wären. Einen derart tieftraurig schunkelnden Trauerklos wie ‚I’ll Be Gone‚, diese markante Erweiterung für den Soundkosmos der Band, hat der Vorgänger freilich nicht beherbergt. Merchandise vergehen vor Schönheit in einem Meer aus sentimentalem Shoegaze-Feedback ganz weit unter den wehmütig jammernden Leadgitarren, ergreifender waren die Amerikaner wohl noch nie. Auf ihre Weise natürlich: „I’m gonna plant myself in the sun/Just to be free from all you motherfuckers„.

Der knapp zehn minütige Titelsong stampft dagegen böse in punkiger Geradlinigkeit dissonant heulend los, bis die Kakophonie am Abgrund zu Freejazz-Ansätzen erreicht ist. Und ‚Winter’s Dream‚ gibt den mit monotoner Basslinie treibenden Ausflug in die gemächliche Unwirklichkeit, Merchandise perlen ihre Instrumente so elegisch wie märchenhaft über die einnehmende Wohligkeit der Komposition. Vor zuviel Annehmlichkeit schützt das abschließende Noise-Gewitter.
Totale Nite‚  ist in Summe also weniger die deklarierte Interims-EP geworden, als viel eher die fulminante Weiterentwicklung von ‚Children of Desire‚. Kein Song fühlt sich so lange an, wie er tatsächlich dauert, man will sich die Texte in imaginäre Poesiebücher malen („Somewhere there’s a perfect country that sits right by the sea/Where the sun comes down just to talk to me/He says I know your age, I watched you grow/I know what you are today and tomorrow„) Merchandise zünden ihre ureigene Verneigung vor ihren Idolen abermals so kurzweilig wie zeitlos, beinahe magisch. Die Amerikaner bestätigen damit nicht nur spielend die Form des Vorgängers, sondern ringen ihrer durchwegs altmodischen Ausrichtung auch endgültig das Versprechen ab, eine strahlende Zukunft vor sich zu haben.

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