Merchandise – Children of Desire

von am 4. Dezember 2012 in Album, Heavy Rotation

Merchandise – Children of Desire

Wer immer schon wissen wollte, wie sich Morrissey als Leadsänger von The Jesus and Mary Chain machen würde, braucht sich nicht mehr in die Vergangenheit melancholisch-erhabener Paralellwelten zu träumen, sondern darf nunmehr schlicht dem anachronistischen Glücksfall ‚Children of Desire‚ verfallen.

Wer da erst durch fundierte Ratschläge auf dieses Schmuckstück aufmerksam gemacht wurde, muss ob der eigenen Unachtsamkeit nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern kann sich ‚Children of Desire‚ trotzdem backfrisch von der CD-Theke abholen. Weil Merchandise ihr drittes Studioalbum auf Tonträger ursprünglich bloß auf zweimal tausend Stück limitiert vertrieben haben, ansonsten aber weiterhin konsequent ihre Schiene weitergefahren sind, alle Veröffentlichungen ihres „Hobby-Band-Projekts“ über den bandeigenen Blog zu verschenken – gleich neben dem Spende-Button. Weil aber eben doch kein Weg an dem kleinen Geniestreich ‚Children of Desire‚ vorbeiführte, hat Jagjaguwar die Sache für die Masse in die Hand genommen und die knapp 38 Minuten derart auf Tonträger gepresst, dass nicht nur Eingeweihte etwas davon haben. Hat ja bei Bon Iver’s ‚For Emma, Forever Ago‚ auch auf diese Weise funktioniert – und ist diesmal beinahe ebenso notwendig, wenn auch eine ganz andere Baustelle.

Wer Merchandise von Anfang an unter Beobachtung hatte muss vom Entwicklungsschub auf ‚Children of Desire‚ schier weggeblasen worden sein – hat doch vieles auf den beiden Vorgängern ‚(Strange Songs) In The Dark‚ und ‚Angels In The Station‚ sowie zahlreichen Nebenveröffentlichungen auf das Potential dieser meistens Zwei- aber manchmal Drei-Mann-Kombo hingedeutet, nichts aber eine derartig punkige Schönheit wirklich angekündigt. „Über ein Jahr in der Produktion“ heißt es da markant im Plattentext – wenig verwunderlich, wenn man sich vor Ohren führt, dass Merchandise vor allem soundtechnisch die nächste Stufe in ihrem unverkennbaren Vergangenheitsbewältigungssammelsurium gezündet haben: Carson Cox Stimme thront nun unbedrängt im Vordergund, der Noise alter Tage, er ist klaren Wave-Strukturen gewichen. „I kissed your mouth and your face just disappeared“ singt Cox beiläufig; er tut es sehnsüchtig, melancholisch und als energisches Fass ohne Boden, Wellen zwischen Euphorie und Resignation schlagend. Wie akribisch er den jungen Morrissey und die dazugehörige The Smiths-Discographie studiert hat, wird er wohl selbst nicht mehr genau sagen können.

Die heulend streichelnden Reverb-Gitarren, sie schneiden auf ‚Children of Desire‚ scharf und gehen doch runter wie Öl, die Synthieflächen von Cox und dem zweiten Multiinstrumentalisten David Vassalotti oszillieren und verschwimmen stetig, das Schlagzeug peitscht kantig aber nie aggressiv, wirbelt bedächtig, als wäre es maschinell aus Baywatch reproduziert. Ein ‚Become What You Are‚ hat dafür aber beinahe zu wenig Sonnenschein intus, viel eher ist das der Soundtrack zu einer Jugend, die man ob des eigenen Alters nie erlebt hat: legendäre Szenen laufen in Zeitlupe ab und irgendwo ist nicht nur dieses 11 minütige Monstrum ein Hit, den man immer schon zu kennen glaubte, ein Evergreen mit rein assoziativer Geschichte. Dass sich der Song nach knapp sechs Minuten aus seinem getragenen Modus in die beschleunigte Kakophonie aufmacht, steigert den Klassiker-Appeal zusätzlich. ‚In Nightmare Room‚ macht dagegen die Miami Vice-Verfolgungshymne im Neonlicht, das Klangbild ist wie überall stringent und zwingend angezogen. Stets herrscht tiefer Raum und Hall, ob im kompakten Melancholiereigen ‚Thin Air‚ im ausladend elegisch nach vorne gehenden Zackenschlag ‚Roser Park‚ samt umgarnenden Orgeloutro oder der Pianoballadenhymne ‚Satellite‚. Mehr als sechs Songs brauchen Merchandise nicht, um die schönste 80er Sause-zwischen Lo-Fi, Indie-Noisepop, Shoegaze und Postpunk zu feiern. Ein wenig so, als hätte Perfume Genius die Partyszene aus Donnie Darko neu arrangiert und als Rock ausgelegt, Echo and the Bunnymen, The Cure und Joy Division im Hinterkopf. Mit Songs, die anachronistische Unendlichkeit zu sein scheinen, gemacht für die Ewigkeit. ‚Children of Desire‚, wahrhaftig.

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