Mogwai – ZeroZeroZero

von am 25. Mai 2020 in Soundtrack

Mogwai – ZeroZeroZero

Mehr Soundtrack waren Mogwai noch nie: Für den (zuerst nach eigenem finanziellen Ermessen vertriebenen) Score der italienischen Serie ZeroZeroZero gehen die Schotten weit wie nie vom Postrock weg, hinein in den Ambient.

Es ist schwer zu definieren, ob die Soundtrack-Arbeiten von Mogwai Im vergangenen Jahrzehnt einen stärkeren Eindruck hinterlassen haben als die immer zuverlässigen, immer gelungenen Studioalben der Band – oder diese gefühlt nur flächendeckender erschienen sind. ZeroZeroZero verschärft und umgeht diese Frage insofern gleichermaßen, als dass das Niveau von Kin, Atomic oder Les Revenants gehalten wird, sich Form, Inhalt und auch Wahrnehmung aber neuerlich verschoben haben – zu einem durchaus paradoxen Ergebnis.
Einerseits wirkt ZeroZeroZero auch aufgrund seiner ausführlicheren, dafür mit kürzeren Nummern gefüllten Trackliste fragmentarischer als seine Vorgänger, egal ob auf Studioalben oder Soundtrackarbeiten, lässt Songs eher wie flächige Ideen wirken und oft zu abrupt enden. Major Treat etwa ist eine vage Skizze des üblichen MO, abseits des Weges ein wenig ziellos, während Invisible Frequencies eine vertraute Getragenheit mit schmeichelnder Melancholie inszeniert und Moon In Reverse dies mit konkreterer Physis gedankenverloren fortsetzt.

Daher wie hier zumeist stets noch Raum zu erforschen und konventioneller zu Ende zu denken gewesen wäre, steht für ZeroZeroZero nun das szenische Denken, das Ausschnitthafte. Deswegen mutet die Platte nicht nur auf den ersten Blick wie eine Sammlung aus Einzelstücken an.
Andererseits ist dies vor allem aus kompositioneller Hinsicht richtig – ästhetisch und stilistisch bedeutet diese Praxis, dass ZeroZeroZero mit dem typischen Mogwai-Sound (aber eben nicht dem klassischen Songwriting) so klar wie nie zuvor am Ambient ausgerichtet ist, über weite Strecken einen Willen, den Hintergrund einzunehmen, ohne sich in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu drängen. Begleitmusik also, die ein Kaleidoskop strukturoffen treibender Nummern als Basis nutzt, um seinen Charakter lose zu variieren.

Visit Me steigt bedächtig am Klavier in eine düstere Elektronikwelt, die auch dann noch Trent Reznor und Atticus Ross gefallen wird,  wenn sich die Gitarren in den Texturen mit Reverb ausbreiten – was auch für das minimalistischere Frog Marching oder das kristallin und friedvoll ätherische El Dante gelten dürfte. Dann wieder lässt sich eine Neon-Dramatik wie in I’m Not Going When I Don’t Get Back oder dem beklemmend-knisternden, pulsierenden Don’t Make Me Go Out On My Own und Space Annual von Cliff Martinez mit einem organischeren Schlagzeug über dunkel flimmernden Synthies treiben.
In Telt flimmert das, was vom Postrock übrig blieb als hoffnungsvoller Drone gar zauberhaft, in Chicken Guns brutzelt es sinister, Fears of Metal legt sich in die Tasten und Lesser Glasgow in Trance auf die Symbiose aus Snare und Bass. Rivers Wanted pflegt ein dramatisches Suspence-Flair, pocht mit nervenkitzelnder Spannung und He Loved Trees bimmelt als klassisches Mogwai-Lullaby, bevor der Slowcore-Spaziergang Witches Of Alignment in die dunkel dräuende Ungewissheit von The Wife Was Touched entlässt.

Ohne Gleichförmigkeit sind es so doch individuell herausragende Einzelstücke, die abseits der dazugehörigen Bilder herausragend bleiben werden. Nose Pints nimmt als postapokalypische Klangwelt Anleihen bei der Dark Wave-Elektronik, nimmt aber irgendwann die Abzweigung zu Happy Songs for Happy People. Summon The Sacred Beast ist ein erhebend schimmerndes Stück, gerade mit seinem pulsierend-abgedämpften Beat und der episch angedeuteten Tragweite der Orgel brillant, bevor Modern Trolls als entschleunigte Schönheit bluesig träumend mit sanft perlenden Gitarren tröstet, einen elegischen Surf-Vibe betört, der relaxt die sinnierendere Santaollala-Entspannung von The Winter’s Not Forever einleitet, deren Frequenzen der Verstärker heimelig wärmen.
Dass all diese Momente am wenigsten Ausdruck der Transformation sind, die die Postrockband Mogwai hin zur ambienten Soundtrackkombo (übrigens trotz einer neuen Konsequenz diesbezüglich subjektiv nicht die bestmögliche ihrer Inkarnationen) gemacht hat, lässt dann aber eben in der Masse aufgehend dennoch keine eindeutigen Prognosen zu, wie sich das Verhältnis der Wahrnehmung im erst kürzlich angebrochenen Jahrzehnt für die Schotten auseinanderdividieren lassen wird.

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