Mount Eerie – Clear Moon

von am 29. Mai 2012 in Album

Mount Eerie – Clear Moon

Phil Elverum entfernt sich vom Black Metal, der das fünfte Mount Eerie Album ‚Wind´s Poem‚ noch so eindringlich im Griff hatte, nur auf den ersten Blick: ‚Clear Moon‚ verzichtet zwar auf bestialischen Schlagzeugteppiche, lichter und fröhlicher wird das stockdunkle Kammerspiel deswegen jedoch noch lange nicht.

Clear Moon‚ ist das erste von zwei Alben, dass Elverum unter seinem Projektbanner Mount Eerie 2012 veröffentlichen wird, ‚Ocean Roar‚ wird in wenigen Monaten folgen. Dass die beiden Werke miteinander verbunden seien, erklärte Elverum unlängst in einem Interview, quasi die helle und die dunkle Seite einer Songreihe repräsentieren. Er spricht davon, dass ‚Clear Moon‚ die sanftere Platte der beiden Alben sei, die hellere eben. Um das in den annähernd vierzig versammelten Minuten auf dem fünften Studioalbum erahnen zu können, braucht es freilich seine Zeit, klingt ‚Clear Moon‚ doch verschroben, klaustrophobisch und zu allererst verstörend, nicht unbedingt sanft. Ein gespenstischer Schleier hängt über den elf Stücken, der sich lange Zeit undurchdringbar gibt, ‚Clear Moon‚ hätte so auch vor Äonen in anderen Welten entstehen können. Die Songs halluzinieren über sich selbst, geben wenige Anhaltspunkte und rücken sich nur selten in greifbare Nähe. Das Bild von immer wieder hinter dichten Wolkendecken auftauchenden Vollmond erweist sich als treffend, egal ob vom Norwegischen Hinterland, Twin Peaks, Seattle oder dem herzlich misanthropischen Campingausflug betrachtet. Und das Gefühl, die unheimliche Kraft einer okkulten Natur inhalieren zu können, vermitteln Mount Eerie Platen ohnedies seit jeher.

Clear Moon‚ steht natürlich zu jedem Zeitpunkt in der Tradition der unvergleichlichen Discographie der Institution aus Anacortes – es forciert nicht zuletzt die Vorliebe Elverums für elaborierte Songtitel, bringt „Pt.2´s“ und Klammern ins Spiel, gleich zwei Songs heißen schlicht ‚(Something)‚  –  und klingt dabei dennoch wie kein anderes Album von Elverum bisher. Aufgenommen in einer seit 30 Jahren verlassenen, zum Tonstudio umgebauten Kirche hallen die Gitarren von Wand zu Wand, geben sich sakkral und erhaben, steigen in ihrem eigenen Echo in transzentale Ebenen auf – oder ab, je nach Sichtweise -, in denen sich aus Ambient und Drone experimentell veranlagte Songs zu schälen beginnen. Dass Elverum davon spricht, mit ‚Clear Moon‚ eine Platte aufgenommen zu haben, die beinahe vollständig auf Gitarrenarbeit beruht, kann man nicht immer nachvollziehen: Natürlich versteht der verschrobene Kauz darunter gleichermaßen so markant mühsam dahinstapfende Riesen ala ‚Lone Bell‚ (ein Breitwand-Partyrocker, in einer anderen Welt, trotz der gegen den Rhythmus Sturm laufenden Melodie) wie auch solch flächig auslaufende Klangarbeiten, die das Rückgrat von etwa ‚Yawning Sky‘ bilden – doch gerade dadurch verstärkt sich oftmals der Eindruck einer herausgearbeiteten Synthieplatte, einer alterslosen Electronicexpedition.

Dabei nähert sich Elverum nur auf dem vorab veröffentlichten ‚House Shape‚ dem exemplarischen Sound seiner letzten Singles, in dem gedämpfte Beats den Takt beschleunigen dürfen. Die Gitarren verrichten im Hintergrund ihren Dienst nahe am Kraftwerk-Generator und lassen sich von Kraut und Shoegaze durch die Wahrnehmung treiben. Dass Elverum den in Trance tanzenden Song ohne Vorwarnung auf die harten Metalgitarren von ‚Over Dark Water‚ prallen lässt, schneidet eine inkohärente, aber durch ihre unheimlich eindringliche Stimmung atmosphärisch nahtlos homogen gehaltene Platte nicht: Toursupport und Labelkollegin Geneviève Castrée von Ô Paon (die zweite Gastdame neben Allyson Foster von Hungry Cloud Darkening) gibt die Hohepriesterin um Elverums Stimme, das sich nicht ankündigende Black Metal-Inferno dauert nur Sekunden.
Clear Moon‚ ist hinter der beklemmenden Atmosphäre die meiste Zeit über tatsächlich ein sanftes Album geworden, vor allem dafür, dass es dennoch wirkt, als würde es aus der ewigen Dunkelheit und einer unheilbringenden Kälte stammen. Songs wie ‚Through The Trees Pt. 2‚ funktionieren als der klassisch verschrobene Singer-Songwriter Lo-Fi Folk-Blues am offenen Kamin, den man von Elverum seit The Microphones Zeiten kennt und liebt, sie halten den immer wieder über die Kompositionen fließenden Noise-Schwaden auf Distanz ohne diese auszugrenzen. Ein Gefühl der Unbehaglichkeit bleibt stets präsent. Und die Vermutung, dass Mount Eerie im undefinierbaren Einklang zu allen Dingen vor der eigenen Haustür stehen. ‚The Place I Live‚ nennt der regional stark verwurzelte Elverum einen Song, ‚The Place Lives‚ gleich jenen zuvor. Das bedarf im unvergleichlichen Mount Eerie Klangkosmos keiner erklärenden Worte – bringt die gespenstische Schönheit ‚Clear Moon‚ jedoch in gewisser Weise auf den Punkt.

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