Muse – The Wow! Signal
Die weitläufige Meinung, dass The Wow! Signal das beste Muse-Album seit The Resistance darstellt, ist durchaus legitim – selbst wenn sie angesichts der durchwachsenen Qualität der vier zwischen 2012 und 2022 veröffentlichten Platten natürlich sehr relativ zu verstehen ist.
Aller vielerorts herrschenden Begeisterung zum Trotz sei es gleich vorweggenommen: Das zehnte Studioalbum der Briten stellt keine Rückkehr zur zwischen Showbiz und Black Holes And Revelations zelebrierten Form dar. Allerdings knüpft The Wow! Signal insofern durchaus smart an jene Bandphase an, indem sich Matt Bellamy und Co. immer wieder ungeniert selbst zitieren (und damit natürlich auch auf einer nostalgischen Ebene relativ billig abholen).
The Dark Forest galoppiert beispielsweise als betont episch angelegter, sinfonisch-bombastischer Opener direkt zu Knights of Cydonia, auch wenn die Band zur Mitte hin das filmischen Spektrum über eine kurze sakrale Beschwörung zum extrem selbstbewussten Metal-Klischee umlenkt. Cryogen versteckt das Intro von Space Debris vorwegnehmend am Einstieg einer unkaschierten Plug in Baby-Variation, die dem als soliden Standard eine absolut schmissige Ohrwurm-Hook mit obskuren Beziehungs-Texten („Cryogen/ I can never cry again“) gönnt. Und Hexagons schillert über den Gitarrenhals zwischen Stockholm Syndrome und den Synth-Modulationen von Take a Bow tappend, während The Wow! Signal ganz allgemein (mal offenkundiger, mal subtiler) Déjà-Vus in einen betont modern (natürlich über)produzierten Kontext holt.
Dafür mitverantwortlich ist Dan Lancaster, der Muse seit 2022 als Multiinstrumentalist auf Tour unterstützt und nun nicht nur als Co-Produzent der Platte verantwortlich zeichnet, sondern auch Songwriting-Credits bekommen hat.
Am offenkundigsten ist der Einfluss des Bring Me the Horizon-Kumpels wohl einerseits in The Sickness in You & I, das gar nicht so brachial stampft, wie sich die Nummer vorstellt, aber mit einer strukturell latent langweiligen Inkonsequenz attackiert. Und andererseits in Unravelling, das als proggiger Clusterfuck aus elektronischen Passagen und Erinnerungen an frühe Muse-Phasen ebenso mit einem fetten Metalcore-Pastiche garniert wird. Was durchaus stimmmiger passt, als man meinen möchte.
Selbst in dieser schwächelnden, zerfahrenen Passage legen Muse nämlich einen zielführenden Elan und packende Kraft an den Tag, den The 2nd Law, Drones, Simulation Theory und Will of the People so (mehr oder minder: seriös-)unterhaltsam nur in ihren stärksten Momenten erzeugen konnten.
Überhaupt liegt im Gesamtpaket die Stärke der Platte. Das Niveau des Albums ist ausgeglichen und auch ohne unbedingte Highlights gut, schmerzhafte Ausfälle, unangenehme Cringe-Szenen und klare Lückenfüller gibt es diesmal eigentlich keine, derweile eine klare Linie in der Ausrichtung zu erkennen ist – nur Nightshift Superstar (das als stampfender Disco-Smash-Hit mit einer brillanten Bass-Linie in etwa so klingt, wie man sich die zu Thriller-Zeiten die Zukunft vorgestellt haben muss, ohne klare Ideen von Carpenter Brut, Daft Punk, Dua Lipa oder Magdalena Bay als Anhaltspunkte gehabt zu haben) und Hush (ein generischer Riff-Salat aus dem Muse-Baukasten, dem Ellie Goulding eine Portion Song Contest-Pop beimengen darf) fallen aus dem Rahmen.
Doch sonst überzeugt das Songmaterial in all der überkandidelten Trademark-Theatralik und dem abgedrehten SciFi-Schmalz und Kitsch, wobei vor allem die ruhigeren Tendenzen hängen bleiben.
Shimmering Scars geht in einer sehnsüchtigen Geste inmitten der Eurovisions-Dramatik auf und das tolle Malen-nach-Zahlen Be With You orgelt pumpend-pulsierend dort, wo die getragene Ballade breitbeinig bratzend mit dem romantischen Vorschlaghammer im Arena-Oval aufgeht, bevor Space Debris mit einem halben Bein im Ballsaal schwoft und inmitten der orchestralen Arrangements so intim ist, wie es der Bombast des extraterrestrischen Weltraum-Setting nur erlauben kann.
Dass man all dies gefühlt schon sehr ähnlich von Muse gehört hat, ist dann freilich ebenso die Crux wie ein erfolgreich gesetzter Reiz: Auch wenn es an dieser Stelle punktetechnisch (wegen einiger störender Kleinigkeiten und dem Fehlen eines wirklich überwältigenden Genieblitzes bei den Hooks und Melodien) knapp nicht zum Aufrunden der Bewertung reicht, kann man guten Gewissens in die allgemeine Einschätzung miteinstimmen – The Wow! Signal ist in Summe das beste Muse-Album seit zumindest eineinhalb Jahrzehnten.


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