Muse – Simulation Theory

von am 18. November 2018 in Album

Muse – Simulation Theory

Dass Trend-Trittbrettfahrer Matthew Bellamy Simulation Theory nach dem misslungenen 2nd Law sowie der überzeugenden Sicherheitsplatte Drones einen konsequent-radikalen 80er-Sound verpasst hat und dahinter den supereingängigen Popappeal markant hochfährt, steht Muse erstaunlich gut. Schade nur, dass das Songwriting da nicht ganz mithalten kann.

Überdeutliche Parallelen sind dabei wohl unabdingbar für die Funktionalität eines derart referenziellen Klanggewandes – John Carpenter und Giorgio Moroder stehen hier schließlich mit synthschweren Effekten überdeutlich als Pate im unorganischen Fahrwasser des anhaltend-zyklischen 80er-Revival (rund um beispielsweise den Hype um Stranger Things, mit dem sich Muse nun übrigens auch den Designer teilen). Selbst finsterer Synthwave ala Carpenter Brut längst in der Mitte einer Gesellschaft angekommen ist, die ihre synthetisch konstruierte Retro-Popkultur-Nostalgie immer wieder über die üblichen Score-Verdächtigen Blade Runner, Terminator oder Tron in unverzichtbaren Neontönen aufwärmt.
In diesen bedienten assoziativen Parallelen gehen Muse auf Simulation Theory jedoch auch abseits des generischen Outfit immer wieder so weit, es sich in Plagiatsnähe bequem zu machen: Propaganda etwa programmiert dem hauseigenen Madness mit gepitchter Hook ein Update, das als smooth-fistelnder Funk Kiss von Prince derart hemmungslos überzeichnet nacheifert, dass es wohl auch Bilderbuch gefallen wird – auch wenn Muse natürlich trotz countryeskem Solo mit einer keinerlei Humor zulassende Ironielosigkeit agieren. Auch Get Up And Fight ist keine Karikatur, wenn Shellback der Band einen für pathetischen Stadionrock perfektionierten, endlos wiederholten Bombast-Refrain auf den Leib schneidert, den man bei 30 Seconds Mars mit Fremdscham goutieren würde – und drumherum eine Klammer mit Tove Lo trieft, die praktisch Two Times imitiert.
Oder der wabbernde Rr&B von Dig Down: Inzwischen ist unklar, ob Muse sich hier selbst oder mal wieder Queen zitieren, zumindest bedienen sie sich bei Freedom von George Michael. Freddie Mercurys Band ist aber ohnedies allgegenwärtig, sobald der dramatisch pumpende Elektropop-Rahmens aus dem spannungsgeladen-maschinellen Algorithm und The Void sich mit hymnischen Streichern über die überraschend optimistisch und locker gestimmte Science-Fiction-Atmosphäre heben.

Natürlich ist es bis zu einem gewissen Grad auch diese kopierende Dreistigkeit, die einen gewissen Reiz des kaum komplexen, nur produktionstechnisch detailliert gestrickten Simulation Theory erzeugt. Insofern arbeitet die Platte als gefühlter geistiger Nachfolger und Steigerung zu The Resistance sogar auf einer selben altbacken-penetranten Ebene, wie es der Vorschlaghammer Ready Player One (oder in den besseren Szenen: Future Man) tut: Simulation Theory ist ein im Kern aus geradlinigen, vergleichsweise simplizistisch und frontal konzipierten Kompositionen bestehender musikalischer In Your Face-Blockbuster mit tumb-plakativen Schwachsinns-Lyrics, der gerade durch die breite Gefälligkeit seiner unoriginellen, aber bedingungslos durchgezogenen Auftrittsflächen polarisiert.
Eventuell wiegen auch deswegen wiegen die weniger effektiven Hits hier als Ausfälle schwerer als jeder brachial seine Ambitionen auf dem Silbertablett präsentierender Tribut hier. Gerade Break it to Me ist ein pseudo-progressiver Sauhaufen, in dem arabische Melodik auf dubsteppig-scratchende Hüftsteifheit trifft, und Vocodereffekte um eine verfremdete Gitarrenarbeit torkeln, zu der wohl nicht einmal Tom Morello die Ausdrucks-Tanzfläche stürmen wird. Ein groteske Mutation, die im Zweifelsfall auch verdeutlicht, dass ambitionierteres, herausfordernderes Songwriting wohl einfach nicht zum oberflächlichen Charakter von Simulation Theory passt.
Im Umkehrschluss führen jedoch auch einfach gehaltene, solide Leerläufe wie Blockades (Muse cruisen eindruckslos in K.I.T.T. über den polternden Drummachinen-Highway in überhöht-epischer Geste) oder der sehr okaye Titelsong (der sich mit unzähligen „Ohohoho„-Chören selbst erschöpft) nur bedingt zum Ziel. Alles sehr ambivalent.

Freilich ist das Reißbrett Simulation Theory ohnedies die falsch Adresse, wenn es um subtiles Understatement gehen soll. Muse tendieren schließlich seit langem dazu, Form über Inhalt zu stellen und dabei geradezu penetrant den Zeitgeist fixieren zu wollen. Auf ihrem achten Studioalbum perfektionieren sie diese Vordergründigkeit gewissermaßen. Im Hinblick auf das funkelnde Design der Platte ist die Hinwendung zu kompositionell deutlich reduzierter Herausforderung, mehr Oberflächlichkeit und noch allgemeinerer Unterhaltung mit der bisherigen Evolution der Band im Rücken schließlich auch nur konsequent, passt zudem aber auch rein ästhetisch absolut stimmig zu Songs, die hinter der konzeptuellen Thematik als primären Aufhänger mehr denn je auf (auch eindimensionalen) Pop setzen und im Grunde eine käsig auftretende Stafette an zutiefst catchy zündenden Ohrwürmern zelebriert. Über diese extreme Eingängigkeit, die kaum noch aus den Gehörgängen will, kriegt einen die Platte dann auch zwingend.
The Dark Side stampft mit zuckenden Hi-Hats zur retrofuturistischen Leidenschaft, das Solo klingt, als hätten Daft Punk eine Androiden-Replikation von Brian May programmiert. Der flott glimmernde Pressure wieder holt seinen „Don’t push me!„-Part bis zur Übersättigung, ist aber so unbedingt, dass man sich der infektiösen Melodie praktisch nicht entziehen kann. Am besten gerät aber Something Human, dieser so sehnssüchtig wie hoffnungsvoll nach Hause fließende Galopp mit entspannten House-Elementen und harmonischen Beats, melodramatischer Geste und Akustik-Gitarren in Flamenco- Nähe, die in ihrer Natürlichkeit dem Klangspektrum der Platte eine willkommen luftige Atempause verschafft.

Nur drei von über einem halben Dutzend an (bereits ausgekoppelten oder potenterweise in der Pipeline schlummern könnenden) Singles für das breite Publikum von Human (The Killers) bis Papillon (Editors), deren Sammlung durch die homogene Inszenierung auch als Ganzes schlüssig zündet und die Balance stimmiger in einer bisweilen schon arg plumpen Cyberspace-Komfortzone schließen. Zugegeben: Subtrahierte man den prägenden Sound der Produktion, bliebe (gerade in der wualitativ deutlich schwächeren Zeiten Plattenhälfte) auch nur deswegen wenig nachhaltiges von Simulation Theory, weil Muse das Songwriting eben auch systematisch an die schnell zu durchschauende Plakativität angepasst haben, Gitarren beispielsweise nur noch selten Akzente setzen, wo massive Keyboardwände das Geschehen diktieren. Die Substanz ergibt sich deswegen auch erst aus der Symbiose – nichtsdestotrotz bleibt das Gefühl, dass das Trio aus den Gegebenheiten mehr herausholen hätte können. Weswegen die versammelten 42 Minuten auch durchaus an die Begleitumstände und Ziele von One More Light denken lassen.
Nicht wenige Hörer aus dem Stammklientel der Briten wird die Melange aus gelungen übersteigerten und zweckmäßig verinnerlichten Quasi-Zeitgeist-Sound sowie dem auf wenig Halbwertszeit hoffen könnenden Formatradio-Songwriting Simulation Theory trotzdem/gerade deswegen verprellen. Wahlweise – auch ironischerweise – kann man mit dieser (auch immer wieder ein bisschen geschmacklosen) Scheibe mehr kurzweiligen – erst im Diskurs über das Werk kompliziert werdenden – Spaß haben, als mit jeder andere Muse Album seit über 10 Jahren.

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