Nick Cave – Idiot Prayer: Nick Cave Alone at Alexandra Palace

von am 19. November 2020 in Livealbum

Nick Cave – Idiot Prayer: Nick Cave Alone at Alexandra Palace

Die Tour mit seinen Bad Seeds musste Corona-bedingt abgesagt werden, also gibt es den Meister alleine am Fazioli-Piano: Nach dem Streaming-Event und doch noch vor dem Kinostart darf man sich Idiot Prayer: Nick Cave Alone at Alexandra Palace nun auch als schickes Livealbum ins Regal stellen.

Bei aller loyalen Liebe für Nick Cave war Idiot Prayer, der „luminous and heartfelt climax“ als finaler Teil einer mit 20,000 Days on Earth (2014) sowie One More Time with Feeling (2016) begonnenen Trilogie, in seiner ursprünglichen Form als einmaliges Streaming Event am 23. Juli 2020 vor allem rückblickend keine gelungene Angelegenheit: Auch wenn man dem Konzertfilm aus künstlerischer Sicht keine Vorwürfe machen konnte, hinterließen gravierende technische Schwächen bei dem überteuerten Erlebnis einen bitteren Beigeschmack.
Dass man dabei zudem noch nicht einmal das vollständige Werk zu sehen bekam, weiß man, seitdem die Kinoversion (ursprünglich für den 5. November anvisiert, nun aber – zweckoptimistisch – auf den 14. Jänner 2021 verschoben) mit knapp 30 Minuten mehr Spielzeit und vier zusätzlichen Songs beworben wurde.

Wer einen Blick auf die Setliste von London wirft, kann sich das in wenigen Monaten zu begutachtende Material schon ein wenig spoilern, auf der nun bereits wie geplant veröffentlichten Tonträger-Version gibt es weiterhin „nur“ die ursprünglichen 22 Songs des Streams zu hören.
Ohne den von Robbie Ryan gedrehten Film (der mutmaßlich zu einem späteren Zeitpunkt im kommenden Jahr sicher noch nachgereicht werden wird) bleiben vorläufig freilich Fragen offen – etwa, warum Cave am Ende von (Are You) The One That I’ve Been Waiting For? plötzlich zu lachen beginnt.
Und mag es abseits solcher Mysterien auch nahbar und anziehend sein zu sehen, wie Cave vom eröffnenden Spoke Word-Ambient von Spinning Song durch den leeren Veranstaltungsort zu seinem einsamen Flügel schreitet, dort während der Pausen Notizen macht und trotz minimalistischer Rahmenbedingungen eine nachdenkliche Präsenz kreiert, funktionieren die aufgefahrenen 83 Minuten auch nur auf die musikalische Ebene reduziert absolut einnehmend und fesselnd.
Idiot Prayer: Nick Cave Alone at Alexandra Palace ist nicht die beste Liveplatte, die der Australier (in egal welcher Konstellation) bisher veröffentlicht hat, doch ist sie eine durchaus essentielle Erweiterung für diese Sparte seiner Diskografie, wenn Cave dem Titel folgend auf sich alleine gestellt Nummern als einer breiten Spektrums seines Repertoires interpretiert – klanglich makellos, im Auswahlverfahren und der Darbietung (oft auf die ohnedies Klavier-konzentrierten Nummern von Boatman’s Call zurückgreifend) ohne Risiken oder Exzess die intime Wohlfühlzone wählend.

Etwas wagemutiger geraten zwar gerade die Rhythmus-entschlackten Grinderman-Ausflüge Palaces Of Montezuma und Man in the Moon schlichtweg wundervoll, doch auch ein Girl in Amber oder das risikofreie The Ship Song bekommen durch den abwesenden Chor eine interessante neue Facetten. Die manische Dringlichkeit des atemlosen Schlagzeugs wird in The Mercy Seat nun gegen eine behutsame Sanftheit getauscht, die freilich immer eindringlicher wird und Higgs Boson Blues übersetzt die offene Strukturen nahtlos auf die Tasten, Papa Won’t Leave You, Henry funktioniert auch ohne rumpelnden Überschwang. Into My Arms ist eine von vielen Nummer-Sicher-Varianten, die nichts falsch machen, wenn eine vertraute Zufriedenheit über jeder Überraschung steht (und alleine deswegen gewinnt, weil lange keine Platte mehr derart nahe am Meisterwerk No More Shall We Part verzauberte), zumal es oft die Feinheiten sind, die hier das Herz aufgehen lassen – etwa wenn Galleon Ship nun feiner akzentuierte Linien wählt, anstatt so flächig zu malen wie auf Ghosteen. Der einzige neue Song, das kurze Euthanasia, fügt sich nahtlos in dieses Bild ein: melancholisch, tröstend, mit subiler Dramatik und sakraler Würde in den weiten Raum getragen.
Während man also den Stream an sich nicht nur augrund der nun doch nicht so vergänglichen Verfügbarkeit längst keine Träne nachweinen muß, und Idiot Prayer trotz Umkerschub zur unter die Haut gehenden Ruhe nicht die magische Intensität eines tatsächlichen Nick Cave and the Bad Seeds-Konzerts transportieren kann, sollte an den Kinofilm und diese wärmende Liveplatte (gerade mit den dunklen Stunden des Jahres vor Augen) keineswegs verpassen.

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