Nothing – Guilty of Everything

von am 1. März 2014 in Album

Nothing – Guilty of Everything

Zyniker werden behaupten dass die Entstehungsgeschichte hinter dem drei Jahre in der Mache befindlichen Debütalbum von Nothing letztendlich spannender ist, als die 40 Minuten hymnenhaften Shoegaze-Rocks, die ‚Guilty of Everything‚ letztendlich ausmachen.

Ganz Unrecht haben sie damit nicht, ist die Geschichte von Nothing-Frontmann und Death of Lovers-Vorstand Domenic Palermo und seinem Weg in den musikalischen Neuanfang doch nicht unbedingt eine alltägliche: seine ehemalige Band Horror Show veröffentlicht ihre Hardcore Platten bei Jakob Bannons Deathwish Inc., bevor Palermo im Streit einen Kontrahenten niedersticht und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wird. Während Palermo zwei Jahre seiner Haftstrafe absitzt werden ehemalige Bandmitglieder ermordet oder sterben unter anderen Umständen, Horror Show mit ihnen, und erst 2011 findet der Mann aus Philadelphia nach vier Jahren Sinnsuche mit Nothing den Weg zurück in die Musik. Knapp weitere drei Jahre, zahlreiche Besetzungswechsel und diverse EPs später ist ‚Guilty of Everything‚ fertig: aufgenommen in einem Monat, in dem sich Palermo, Langzeitspezi Brandon Setta und ihre Bandkollegen das Hirn mit allen erdenklichen Drogen weggeballert haben und an dessen Ende Palermo imme noch Dinge sagt wie „Eigentlich hasse ich im Leben alles.

Nun, ‚Guilty of Everything‚ mag tatsächlich nicht so markant ausgefallen sein wie seine Entstehungsgeschichte – zu einem schwachen Album wird der trendy Relapse Records-Einstand der Band dadurch aber nicht. Dass einzige überraschende an den neun Songs bleibt allerdings, in welch verschwommenen, verträumt dösende Shoegazesongs der Marke My Bloody Valentine mit einem gehörigen Rock-Wums und Popgespühr die nihilistische Lebenseinstellung der Musiker und deren aggressive Punkaggression/Sozialisierung hier münden – denn ansonsten spielen Nothing ihre genretreue Epigonenmusik abseits gelungener Einzelsongs wie dem Melodietriumphierenden ‚Dig‚ allzu dicht am Malen nach Zahlen Prinzip aus. Dass der Opener ‚Hymn To The Pillory‚ mit allzu kalkulierten Kniffen gleichzeitig im verrauchten Club vor den Silversun Pickups und im Stadion der Smashing Pumpkins zu großen Gesten ausholen ist dann neben dem aufs Punkgaspedal drückenden Rabauken ‚Bent Nail‚ sogar einer der aufhorchen lassenden Höhepunkte einer ansonsten zu verwaschen dahinfließenden Platte.

Nothing verlieren sich vor allem wegen Palermos absolut variantenlosem, stets unbeteilgt androgyn gehauchten Gesang zunehmend in einem zwar einnehmenden, aber auch gesichtslosen Meer der sehnsüchtigen Monotonie, schaffen es nicht gelungene Einzelmomente (wie etwa die balladesken Indierock-Akzente in ‚Somersault‚, die Dramatik in ‚B&E‚) im aus instrumentaler Sicht durchwegs souveränen 90er-Jahre Songwriting auf volle Distanz in restlos spannende Kompositionen zu transferieren, während die arg limitierte Leistung am Mikro selbst an sich eng gezügelten Rocksongs wie ‚Get Well‚ schlichtweg die Zähne zieht und die Dreampop-Augenblicke nicht derart strahlen lässt, wie sie es eigentlich könnten.
Trotzdem: vollkommen reizlos bleibt dieses Waten in dunkler Atmosphäre und Melancholie keineswegs, stimmungsvoll ist das alles durchaus. ‚Guilty of Everything‚ haftet vor allem wegen seiner langen Wachstumsphase aber das Gefühl an vorhandenes Potential nicht adäquat zu nutzen und dazu im Jahr nach ‚m b v‚ dem wiedererweckten Zeitgeist hinterherzuschwimmen – was Hardcore-Genrefans im Zweifelsfall aber nicht davon abhalten sollte genüsslich in die Welt von Nothing einzutauchen. Und sei es auch nur als Überbrückungshilfe, bis die fröhlicheren The Pains of Being Pure at Heart bald ihr Drittwerk vorlegen werden.

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