Opeth – Pale Communion

von am 24. August 2014 in Album

Opeth – Pale Communion

Als „der Missing-Link zwischen ‚Damnation‘ und ‚Ghost Reveries‘ oder als ob ‚Heritage‘ direkt nach ‚Ghost Reveries‘ geschrieben worden wäre, ohne dass ‚Watershed‘ jemals existiert hätte“ wurde ‚Pale Communionim Vorfeld wortreich umrissen. Stimmt alles irgendwie. Abseits der feinen Nuancen hätte es aber auch durchaus genügt zu sagen: Opeth haben ‚Heritage 2.0‚ aufgenommen.


Dabei war mit einem derartig deutlichem Dacapo – auch anhand des auf ihr 2011er Meisterwerk folgende Storm Corrosion-Projektes – gar nicht unbedingt nicht zwangsläufig zu rechnen. Selbst wenn eine Rückkehr zum Metal von vornherein ausgeschlossen werden konnte: was sollte nach ‚Heritage‚ und der formvollendeten Transformation von Opeth zu 1970er-Proggrockern abseits jeglicher Urgewaltausbrüche und markerschütternder Growls noch kommen? Die Antwort: mehr vom selben.
Bandchef Åkerfeldt und sein Poduzent/Bruder im Geiste/Porcupine Tree-Chef Steven Wilson haben nun allerdings alles getan um der Makellosigkeit noch eines draufzusetzen und akribisch am Detail geschraubt: Åkerfeldt tänzelt schwindelfrei am Mikrofon, croont mit geschlossenen Augen; die noch weicheren Gesangslinien schmiegen sich harmonisch, regelrecht hippieesk, in einen warmen Vintagesound – der vom erst fiebrig frickelnden, dann elegisch in Pianoplätschern, schwülstige Gitarrenfäden und flächige Analog-Keyboards zurückgelehnten Orientalik-Opener ‚Eternal Rains Will Come‚ beginnend immer öfter auf allgegenwärtig untermauernde Jon Lord-Orgeln baut. Der immanente Groove sitzt selbstverständlicher, Opeth haben die eingeschlagene Ausrichtung verinnerlicht. ‚Pale Communion‚ versucht seine Hörer noch nahtloser zu umschließen als ‚Heritage‚ und wirkt zumeist organischer gewachsen, kohärenter und konstanter als sein Vorgänger, gleichzeitig aber auch weitaus weniger wagemutig oder hakenschlagend und sich selbst kaum zu herausragenden Höchstleistungen pushend.

Dem langsamen Grower ‚Pale Communion‚ gelingen so zwar einige gute Songs, aber keine derart mitreißenden, übermannenden oder intensiven Szenarien wie auf dem Vorgänger – was auch gar nichts damit zu tun hat, dass man vor allem als Anhänger von ‚Heritage‚ auf den Erstkontakt beinahe zwangsläufig enttäuscht von den 56 Minuten ist, oder dass Opeth hier vielmehr ihren Idolen Tribut zollen, ein klassisches Progalbum aufgenommen haben ohne per se (weder für sich, noch für das Genre) progressiv zu sein.
Über zu weite Strecken verirren sich Opeth in ihren Kompositionen auf zwar virtuose Art, verlieren aber die emotionale Ebene aus den Augen: auch, weil Åkerfeldts Gesang sich auf eine weitschweifende Kunstfertigkeit reduziert, viel zu selten umkaschierte Gefühle vermittelt oder evoziert.
Moon Above, Sun Below‚ verknüpft seine progressive Fingerfertigkeit mit lose einfallendem spanischem Gitarrenfingerpicking, einer relativen Härte samt ‚Ghost Reveries‘ im Hinterkopf, eleganter Anschmiegsamkeit und ziellos mändernden Synthiesfeldern – am Ende steht jedoch eine knapp elfminütige Aneinanderreihung von tollen Ideen, kaum aber mehr als die Summe aller Teile: ein kalt lassendes Exempel. ‚Elysian Woes‚ breitet sich als weitschweifende Gitarrenminiatur immer weiter über behände gestrickte Arrangements aus, funktioniert aber unter der Oberfläche vor allem als reiner Schönklang. Im instrumentalen Füller ‚Goblin‚ kommunizieren Gitarre und Orgel im Wechseldialog, Opeth spielen sich selbst in Trance: die Band hat hörbar ihren Spaß – der Hörer: darf zumindest zuhören. Und in das Geschehen fallen lassen, wahrhaftig eintauchen? Fehlanzeige.

Besser funktioniert es da, wenn Opeth ihr Songwriting vergleichsweise straight auslegen: ‚Cusp Of Eternity‚ brodelt mit energischem Stakatoriff, theatralischem Gesang und aufkeimenden Chor in sinistrer Atmosphäre ins Ohr. Überhaupt: abseits der allzu gefällig vorbeitreibenden Mittelpassage hat ‚Pale Communion‚ seine stärksten Phasen – einerseits in der Eingangsroute, mehr aber noch im deutlich aufdrehenden Finallauf.
Das wunderbar freigeistige ‚River‚ wird etwa geradezu erhaben auf friedfertigem Folk erbaut, zieht im packenden Abgang sogar die Zügel enger; launisch-bedrohliche Streicher heben Opeth dann in ‚Voice of Treason‚ mit verzweifelter Grandezza auf die große Bühne, bevor die Schweden nach nahtlosem Übergang zu ‚Faith in Others‚ vor dezent in Szene gesetztem Orchesterbrimborium feindosierte Neuerungen im Soundbild wagen und in trauriger Schönheit verglühen.

Durch diese minimale instrumentale Expansion umgehen Opeth auf den letzten Metern auch eines der größten Manko der Platte: Spannungsbögen werden ohne Überraschungseffekt oder Aha-Effekt aufgelöst, eine gefühlte Vorhersehbarkeit verbindet sich mit einer soliden Routiniertheit. Und es stimmt schon: vielleicht leidet ‚Pale Communion‚ ohnedies vor allem unter dem überragenden Schatten seines Vorgängers. Das dann aber eben auch nicht, ohne zuletzt verprellten Fans wieder dezent den kleinen Finger zu reichen.
Dennoch bietet die Platte durchaus klare Erkenntnisse, nicht alle davon sind neu. Opeth als King Crimson verehrende, Steven Wilson folgende Retro-Progrockband funktioniert einfach, mag dies auch die Fanlager weiterhin spalten; spannender, perspektivenerweiternder oder besser als auf ‚Heritage‚ (oder selbst dem großartigen ‚Delivarance‚ als ersten Gehversuch in die Richtung) bekommen die Schweden diesen Stil bis auf weiteres allerdings nicht zustande.
Im Idealzustand hätte Åkerfeldt mit ‚Pale Communion‚ wohl nämlich ähnliches glücken sollen wie Michael Gira mit ‚To Be Kind‚ in Relation zu ‚The Seer‚ – die Feinjustierung etablierter Ansätze am Zenit. Daran scheitern Opeth, erschaffen nach bekanntem Muster eine nur bedingt fesselnde Reise mit durchaus eigenständiger Atmosphäre, auf der die Schweden vor allem sich selbst und ihrer Versiertheit den Bauch pinseln, deren herausragendes letztes Drittel aber für viele leidlich mitreißende Passagen entlohnt. Selbst eine schwächelnde Opeth-Platte ist eben immer noch stärker als ein Gros vergleichbarer Produkte. Mag es diesmal auch für kein weiteres Meisterwerk reichen: einen Ausfall weist die Discographie der Band nach wie vor nicht auf.

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[Am 30. Oktober gastieren Opeth in der Arena, Wien. Tickets via Öticket]

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