Placebo – Placebo RE:CREATED

von am 22. Juni 2026 in Sonstiges

Placebo – Placebo RE:CREATED

Von Tricky inspiriert spendieren Brian Molko und Stefan Olsdal dem selbstbetitelten Debütalbum ihrer Band zum dreißigsten Geburtstag eine erstaunlich wertvolle Überarbeitung – Placebo RE:CREATED.

Mehr als ein Geschenk für die Fans ist dieses Update jedoch vor allem eines für den Placebo-Frontmann selbst, indem er endlich seinen Frieden mit dem so lange verhassten Erstlingswerk schließen konnte.
Wobei gar keine komplette Neuaufnahme – wie etwa bei Incubus oder Muse vorgemacht – notwendig war, sondern „nur“ eine umfassende Restauration in Form eines Remaster und Remix sowie der Hinzunahme neuer Spuren. Mit Ausnahme des Didgeridoo in I Know (das nunmehr durch einen Synthesizer ersetzt wurde…der wie ein Didgeridoo klingt) wurde tatsächlich kein Element des ursprünglichen Albums entfernt.

Oder wie Molko es sagt: Placebo RE:CREATED ist mehr oder minder nahe dran, wie das Debüt der Band schon vor 30 Jahren inszeniert worden wäre, wenn man das Studio seinerzeit bereits als zusätzliches Instrument begriffen hätte. Ein Director’s Cut, „that sees the band revisiting their original master tapes through the lens of three decades of live performance. The release brings the record into the 21st century sonically, completing the album’s vision while meticulously preserving its original integrity. It is a balance of modern evolution and preservation; a polished statement on the work that started it all.

War im Vorfeld durchaus Skepsis angesichts des Geburtstags-Projekts erlaubt – immerhin ist das 1996er-Original als Keimzelle der Placebo-Identität nicht nur im historischen Pop-Kontext ikonisch, sondern auch innerhalb der eigenen Diskografie in einer ganz eigenen Nische thronend (selbst wenn der eine oder andere Nachfolger dieses Einstand dann qualitativ noch überflügeln sollte) -, erweist sich das modernisierter Update nicht als befürchtetes Sakrileg, sondern rundum als Gewinn für das zugrunde liegende zeitlose Grundmaterial.
Zumal das Ergebnis zumindest auf den ersten Blick gar nicht so radikal vom Ursprung abweichend auszufallen scheint, wenn man ältere Songs wie beispielsweise Bionic in ihrer zeitgemäßen Darstellung auf jüngeren Touren im Ohr hat. Doch genau genommen hat sich wirklich einiges getan.

Generell ist die Produktion nun deutlich fetter, massiver, lauter und druckvoller ausgefallen, wo vor drei Dekaden noch eine rauere DIY-Schnittigkeit herrschte. Gerade in den flott rockenden Songs wie den Parade-Singles 36 Degrees oder Nancy Boy pressen die wuchtig inszenierten Saiteninstrumente muskulöser und heavier, derweil die Drums mehr Punch und Drive zeigen und von Come Home weg eine grundlegend sattere Physis mit raumfüllenderer Dynamik und Dringlichkeit erzeugen.
Addierte Keyboard- und Synth-Flächen (siehe etwa Lady Of The Flowers) leuchten dagegen vor allem die ruhigen Stücke atmosphärischer und vielschichtiger aus, runden alles vielschichtiger und reichhaltiger texturiert ab, machen das Gesamtpaket runder und geben Nummern wie Teenage Angst melancholisch mehr sehnsüchtige Breite statt der rotzigen Verzweiflung. Was allesamt Faktoren sind, wegen derer man die neue Version der alten vorziehen kann – aber (durch die mitunter übertrieben Reverb-intensiven Steroide eben auch viele der rohen Kanten abgeschliffen wurden) nicht zwangsweise muss.

Und während sich sowohl die Puristen wie auch die Reformfreunde zumindest über die Vorzüge der Anpassungen der Trackliste einig sein sollten (weil der Hidden Track H.K. Farewell als Hall-schwangerer regulärer Closer ebenso gut ins Gefüge passt, wie die Integration der B-Seite Drowning By Numbers direkt davor), dürfte Molko selbst sich in der reichhaltiger grundierenden Umgebung, in der er seinen Gesang dominanter nach vorne und oben geholt hat, und sie wie in Bionic eindringlich verdoppelt, auf jeden Fall deutlich wohler fühlen. Es kann sich eben erfüllender anfühlen, ohne dem Vertrauten den Rang ablaufen zu wollen.
Gerade wenn man das Original zwar liebgewonnen hat, es einen aber zugegeben auch nicht in letzter Konsequenz gepackt hat, macht Placebo RE:CREATED subjektiv betrachtet jedoch nahezu alles richtig (und, tja, tatsächlich besser), um sich neu in einen immer schon zeitlosen, nunmehr modernen Klassiker neu zu verlieben.

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