Queens of the Stone Age – Perfecth

von am 1. November 2026 in Album, Heavy Rotation

Queens of the Stone Age – Perfecth

Die Katakomben von Paris und eine die überstandene Krebserkrankung haben die Perspektive der Queens of the Stone Age verändert. Von Innen wie nach außen. Perfecth ist das polarisierende Zeugnis dieser Wandlung.

„Wir haben durch Alive In The Catacombs gelernt, dass wir Heaviness nicht rein durch Verzerrung erzeugen können, sondern auch durch Inhalte“ sagt der unlängst als Model in die französische Haupstadt zurückgekehrte Homme und singt dazu Zeilen wie „Never felt so alive/ As the day I almost died“.
Diese stammen aus Where the Goth Girls At?, dem dritten von insgesamt vier Single-Vorboten von Perfecth, der (seinem Edgelord-Namen entgegenarbeitend) massiv geschnepft polternd einer Bowie‘esken (Optik, Attitüde und) Dramatik frönt, und ein beinahe opulentes Finale ansteuert, das seine Klimax alleine schon dadurch krönt, wie cool wie Streicher von ausnahmsweise bratzenden Gitarren aufgewischt werde, und dadurch eine der wenigen fett rockenden Szenen der Platte zulassen. Auch Single Nummer 4 Run Away from the Mob, wiewohl ein Überbleibsel von Like Clockwork… mit Dave Grohl an den Drums, folgt strukturell diesem MO des abschließenden Aufbäumens nach einer relativen Verweigerungshaltung der Komfortzone, flaniert davor psychedelisch angeschoben aber dennoch vergleichsweise straight an klassischeren Queens-Territorien ausgerichtet aus dem Rahmen schielend.

Dennoch haben alle vier Herolde die Gewissheit vorweggenommen, dass Perfecth eine Herausforderung für Puristen sein würde.
Vor allem gleich Easy Street, das praktisch nur aus Gitarre und Handclaps bestehend auch eine Homme-Solo-Nummer sein könnte, die in einem so angenehm durchatmenden Schönklang mit Nikki Lane unendlich leichtgängig so luftig durch sonnige Straßen einer Halluzination entgegenwandert (und in seiner absoluten Reduktion natürlich die Frage aufwirft, wie ausgelastet gerade Ausnahme-Drummer Jon Theodore auf dem ironischerweise ersten Queens-Album mit Band-Foto-Cover ist), bevor Insignificant Other mit seinem verquer stacksenden Rhythmus die Beziehung mit Brody Dale verarbeitet (ein Schelm, wer in der Intonation von „Insignificant“ eine Beschimpfung heraushört!) – zumal die relaxt bluesige Launigkeit, die mit prägnant stolpernder Rhythmik aus der lässigen Nonchalance immer wieder ins Falsett kippt, nicht nur bereits aus dem Abspann von Catacombs bekannt ist, sondern als Überbleibsel von …In Times New Roman auch „the foundation of Perfecth and the song that we based the whole record off of“ darstellt.

Das stimmt übrigens nicht nur in stilistischer Hinsicht, sondern auch gemessen an der Wirkungsweise der vier Singles respektive des gesamten Materials dieser Grower-Platte: Wo der Erstkontakt ernüchternd unterwältigen konnte oder zumindest überraschen musste, funktioniert der ungewohnte Ansatz spätestens beim dritten oder vierten Durchgang grandios, hängt sein Ohrwurm-Potential um die Ecke gedacht fest, und macht auf eine eklektische Art süchtig, die den Queens exzellent steht.
Insofern war es wahlweise sogar kein enervierender Trend des Streaming-Zeitalters, sondern ein smarter Move, beinahe den halben Langspieler schon vorab auszukoppeln: Man findet sich deswegen nun erstaunlich schnell im ruhigsten, persönlichsten, subversivsten und neben Villains wohl polarisierendste Album der Diskografie zurecht, das (als Yin zu seinem Yang Era Vulgaris stehend) wohl den Eintritt ins Alterswerk  der Queens bedeuten könnte.
Einen latent triumphalen gar. Denn Perfecth ist ein Werk, mit dem in dieser Form noch vor einem Jahr kaum zu rechnen war; das man anhand der Singles dennoch erwarten konnte; und das subjektiv gesehen in dieser ambivalenten Ausrichtung noch besser ausgefallen ist, als erhofft.

It’s Only Love sitzt am Güterzug, der sich von Villains of Circumstance entfernt, schrammelt introspektiv polternd voran, und Streicher erzeugen eine bittersüß schwelgende Romantik. Ähnliche Arrangements gönnt sich später auch Mono, das delirant im Windschatten von (wohl nicht zufällig ebenfalls in der Catacombs-Setlist zu finden:) Kalopsia schunkelt, als hätten die Arctic Monkeys einer Desert Session beigewohnt, die krude aus dem Leim geht, derweil die folkig gezupfte Anmut From the Cliff auf seine Acoustic-Gitarren vor der minimal gehaltenen Percussion das Moon Shaped Pool-Flair in New Orleans („the sixth member of the band“ als „a dirty, magical, beautiful, dangerous, elegant place“) findet.
Der (im Streitfall nicht ideal ins Gefüge passend) adaptierte Post Pop Depression-Song Sunday verhält sich in der Queens-Version funky am Dancefloor galoppierend a la I Was Made For Loving You-meets-Blurred Lines in etwa wie China Girl zu China Girl (mit Jake Shears als Gast unter den Backingchor-Ladies) und der unangestrengte Folkrock von Phantom Limb ist einfach betörend weich und sanft und wie alles hier ganz auf den Gefühlshaushalt von Homme konzentriert: „Lonely, sittin‘ by myself, no poets here to interfere/ Well, this is my first time living, so, I could use a friend/ I admit it, I need help; let me be clear/ I need you here/ Is this your first time living?/ Just asking for a friend“.

Dass das nach vorne und hinten gleichermaßen blickende neunte Album der Gang dabei vielleicht sogar schon jetzt den Rahmen zu den Phantomschmerzen von Obscenery schließend in unter 37 Minuten hinten raus seinem Namensspiel-Titel entgegengesetzt keineswegs nach einem Perfektionismus in der homogenen Vielseitigkeit sucht, passt irgendwie schon zum übergeordneten Bild einer aus der Zeit gefallenen Momentaufnahme: Wie befinden uns schließlich offenbar mitten drinnen in einer der – nein, nicht aufregendsten, aber definitiv – spannendsten Karrierephasen der mehr denn je nur sich selbst (und sonst höchstens noch ihren kreativen Leitsternen) verpflichtet scheinenden Queens of the Stone Age.

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