Radiohead – A Moon Shaped Pool

von am 12. Mai 2016 in Album, Heavy Rotation

Radiohead – A Moon Shaped Pool

A Moon Shaped Pool bietet keine visionären Zukunftsprognosen, dafür die versöhnliche und regelrecht entspannte Aufräumarbeit einer Band, die mit sich selbst im Reinen ist: Radiohead gönnen sich und ihrem Sound nach dem so dicht gedrängten The King of Limbs mehr Raum und treiben durch das feingliedrigste Werk ihrer Karriere hin zu einer perfektionistischen, unspektakulären Spektakel.

Like I’m falling out of bed from a long and weary dream/ Finally I’m free of all the weight I’ve been carrying“ singt Yorke im abschließenden Separator von eben jenem Vorgänger, dem auch im Rückblick wahrscheinlich schwierigsten Langspieler der Engländer. Knappe 5 Jahre später möchte man nun fast meinen, dass Radiohead anhand von A Moon Shaped Pool vorführen, wie sich das Befinden hinter diesen Zeilen anfühlt: den Schlaf noch in den Augen, die Altlasten hinter sich.
Immer schon griffen die Briten im Entstehungsprozess neuer Alben auf Kompositionen zurück, die sie über Jahre auf der Bühne verfeinert hatten und reifen ließen, bevor sie auf Tonträger gebannt wurden. Doch vollzieht A Moon Shaped Pool diesen Prozess des Loslassens expliziter als jede bisherige Veröffentlichung der Band, kommt mit (eklusive Daydreaming) gerade einmal drei restlos unbekannten/neuen Songs einer Zäsur im Schaffen von Radiohead gleich; einem friedfertigen und erstaunlich ruhigem Durchatmen, das reflektiert und auf Impulsgeber verweist, sich mit der Gegenwart arrangiert ohne primär Weichen für die Zukunft zu stellen. Ein zutiefst intimer Akt der Aussöhnung auf zahlreichen Ebenen also , der letztendlich – und irgendwo als nur zu logische Konsequenz – im über 20 Jahre alten True Love Waits mündet.

Aus der durchaus pathosschwangeren Gitarrennummer ist mittlerweile eine unendlich traurige Elegie geworden, umspült von sanften Lagen an melancholisch plätschernden Pianotupfern, ein Wehklagen in der Einsamkeit: „Just don’t leave/ Don’t leave“ fleht Thom Yorke immer wieder herzzerreißend.
Es ist spätestens dann nur zu naheliegend, dass A Moon Shaped Pool vor allem auch als persönliche Auseinandersetzung von Yorke mit der Scheidung von Rachel Owen nach 23 Ehejahren zu deuten ist, weswegen die versammelten elf Songs auf lyrischer Ebene die unkaschiert emotionalste Gangart neben In Rainbows einschlagen. „It’s no one’s business but mine/That all this love/Could be in vain/In you I’m lost„. Akzeptanz, so weh diese auch tun mag, ist eines der Grundthemen einer Platte, die wie das Vorgängerwerk von 2007 weniger daran interessiert ist den musikalischen Kosmos der Band neu zu vermessen, als ihn durch Feinjustierungen vital zu halten.
Wo A Moon Shaped Pool sich so vor allem auch die luftige Leichtigkeit seiner schier atemberaubend detailierten, vielschichtigen und lebendigen, warmen Produktion (das überholt selbst ein Happening and Killings) mit In Rainbows teilt, haben Radiohead 2015 allerdings kaum Interesse an dessen griffigen Songstrukturen, aufzeigenden Refrains, instrumentalen Hemmungslosigkeiten oder expliziten Ausbrüchen aus dem fließenden Reigen. Selbst wenn etwa das überragende Juwel Identikit sich von seinem sauberen Beat über überwältigend jubilierenden Choralgesänge in einen Rausch samt angedeutetem Gitarrensolo steigert, halten Nigel Godrich und die Band den Klang aufgeräumt, das Geschehen konzentriert, fein ziseliert und in seinem bedingungslosen Fokus zwanglos. Wodurch A Moon Shaped Pool als durchaus (selbst)referentielle Annäherung an den progressiven Artrock von OK Computer aus der hypnotisierenden Schnittmengen-Perspektive von In Rainbows und Amnesiac durchgehen könnte.

Und damit eben schon bald aufzeigt, dass die (übrigens in ihren Ursprüngen bis 2005 zurückzuverfolgende) Vorabsingle Burn the Witch alleine in ihrer zutiefst politischen Grundhaltung und dem relativ simpel gestrickten Strophe/Refrain/Strophe-Aufbaus durchaus auf eine falsche Fährte führte, was das Wesen der restlichen Platte angeht. So entgegenkommend und unmittelbar eingängig wie im immer hysterischer werdenden, die Gitarren gegen nervös in die Distortion schielende, beunruhigende Streicher eingetauscht habenden Opener wird A Moon Shaped Pool in weiterer Folge nämlich nicht mehr. Als durchaus charakteristischer angesehen werden darf da das viel Geduld fordernde, unmittelbar anschließende (und im Gesamtgefüge die Ausrichtung der Platte nach dem fiebrig-rockig nach vorne gehenden, im Kontext erst recht zu kurz gehalten wirkenden Burn the Witch als einziger unhomogene Punkt der alphabetisch angeordneten Trackliste) Mysterium Daydreaming, als sich immer weiter verdichtende Klavierodyssee mit seinem launig-tröstenden Streicherflackern: eine in sich gekehrte Katharsis.
Ohne deswegen ausnahmslos trist oder unbeschwingt zu werden hat Hast oder offensichtliche Schmissigkeit im Radius der Band aus Abington vorerst nur wenig Platz, viel mehr ist der textlich mit unergründlich tiefer Traurigkeit und Tränen gefüllte Moon Shaped Pool eine sich in die kultivierte Atmosphäre zurücklehnende Traumreise des Wohlklangs geworden, die den Hörer abholt, aber oft offen lässt, wohin der Weg exakt führt. Weswegen das vermeintlich ziellos plätschernden Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief als am weitesten draußen stattfindender Ausflug schon eher einer schimmernden Soundlanschaft, denn einem klassischen Song an sich gleicht.

Womit diese unwirklichen 5 Minuten den Duktus einer Platte destillieren, indem sie als Neuankömmling im Songkatalog den Evolutionsprozess zahlreicher lange bekannter Kompositionen als andächtigen Fluss vorgeben und abrunden. Ein Ergebnis, in dessen sphärische Stimmung man auch ohne das Vorhandensein gravierender Knockout-Momente und dem Pflegen von eher impliziten Genieblitzen eintauchen und sich verlieren kann: A Moon Shaped Pool hält eine Vielzahl an sich summierenden Momenten purer, unspektakulärer Schönheit parat.
Wenn Jonny Greenwood im perlenden Decks Dark das London Contemporary Orchestra als Chor der Entrückung aufmarschieren lässt beispielsweise, bevor die Band hinten hinaus in einen relaxten Groove verfällt. Oder der allgegenwärtige modifizierte Folk, der in Desert Island Disk betört, als würde Nick Drake durch die Moon Safari gleiten, während Ful Stop auch im weniger-wummernden, mit stärkeren Konturen ausgestatteten Zustand für Krautrock-Druck samt Rhythmus-Verschiebungen und einer hermetisch abgeriegelten Extase sorgt.
Das unsagbar zarte Glass Eyes übernimmt hingegen das Zepter von Reckoner: Die Soundtrack-Arbeiten von Greenwood schlagen sich prägnant im nunmehr allgemein weniger elektronisch geprägten Sound nieder, immer wieder tauchen majestätische Streicher neben Piano und Gitarre aus dem Untergrund auf. In The Numbers sorgen sie etwa für Bond-artige Dramatik mit leise verglühendem Crescendo, nachdem man erst durch Damon Albarn‚eskes Klaviergeklimper sowie eine Ästhetik, die generell an Blurs The Magic Whip erinnert und die akustische Entspanntheit von Noels Riverman dem flüchtig bleibenden Spannungshöhepunkt entgegengesteuert ist. Das schunkelnde Present Tense klingt dann ganz nach den von Stanley Donwood versprochenen „strong warm winds of southern France„, wenn Radiohead ein Uhrwerk aus Akustikgitarren in einen Schleier aus sirenenhaft-weichen Chören kleiden und sachte tänzeln: „This dance/It’s like a weapon/…/Of self defense/…/Against the present/Present tense„.

Stichwort Standpunktverortung: Der spektakulärste Augenblick der Platte fand dennoch in nicht konservierbarer Form statt, abseits und im Vorfeld der versammelten 54 Minuten von A Moon Shaped Pool. Weil Radiohead es mit einem Rahmenprogramm für jedes Marketinglehrbuch geschafft haben, eine Albumveröffentlichung in der heutigen Zeit noch einmal als Event mit Ereignischarakter heraufzubeschwören, das die veröffentlichungstechnische Unberechenbarkeit von In Rainbows und The King of Limbs mit anachronistischem Charme in den Schatten stellt.
In die makellose Discografie reiht sich A Moon Shaped Pool abseits davon mit einer bisher von der Band ungenannten Leichtigkeit als fein nuanciert neben den Dingen schwebender Seelenbalsam ein – mit nur kleinen Schönheitsfehlern: Manche Gesangslinien wirken wie bereits auf Tomorrow’s Modern Boxes eher als gehobener Standard, denn atemberaubend das Herz aushebelnd, während Yorke Songs generell schon mitreißender dirigierte. Auf A Moon Shaped Pool fängt ihn jedoch seine Band geborgen und innig mit einer ruhig gesponnenden Album-Dynamik auf, die Radiohead diesmal eher auf unterschwellige Art und Weise ergreifend und berührend zeigt – ein paar instinktiver und energischer ausgelebte Augenblicke wären da im Gesamtfluss insofern wohl nur auf die ersten Kontakte hin erfüllender und befriedigender gewesen, als das stets kontrollierte Umfeld von A Moon Shaped Pool. Denn gerade diese Nüchternheit, in der sich jeder der fünf Musiker die eigene Egozentrik stets auch beherrscht zurückzuhalten scheint, macht nicht nur einen Gutteil des Klangerlebnises aus, sondern dürfte auch der nötige Preis sein, um nach dem 2011er Vorgänger und zahlreichen Soloausflügen wieder zu einem wärmenden Bandsound zurückfinden zu können. Ein Tausch, den man nach The King of Limbs geradezu ausgehungert nach mehr menschlicher Zuneigung nur zu gerne in Kauf nimmt.
Auch, weil er es einem im Jahr 2016 umso angenehmer macht damit zu arrangieren, dass Radiohead sich aus der uneinholbaren Vorreiterrolle zurückgezogen haben und sich nunmehr damit begnügen, schlichtweg erhaben über der Konkurrenz zu thronen – mit einem niemals überrumpelnden, behaglich in seinen Bann ziehenden und regelrecht unangestrengt anmutenden Meisterstück, das mutmaßlich das Spätwerk der Briten mit versöhnlicher Magie einleitet.

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