Rancid – Honor is All We Know

von am 30. Oktober 2014 in Album

Rancid – Honor is All We Know

Sechs Jahre nach dem mit seinen Vorzügen hinter dem Berg haltenden ‚Let The Dominoes Fall‚ stellen die Kalifornier unter Beweis, dass sie den unkomplizierten Zug zum Hit immer noch so mühelos aus dem Ärmel schütteln, wie sonst keine andere Band im Punkrock. Was ihnen bei aller Back to the Roots– Leichtigkeit aber etwas abhanden gekommen ist, sind Maß, Ziel und Gewicht.

Nach dem bisweilen verhalten aufgenommenen Vorgänger scheint sich ‚Honor is All we Know‚ als kompaktestes Kraftpacket der Rancid-Discography (in 31 Minuten schaffte es nicht einmal das Debüt über die Ziellinie) förmlich unter der angetretenen  Beweislast zu biegen. Denn um es vorwegzunehmen: ja, der Kniff mit den Killermelodien und gnadenlosen Hooks sitzt wieder unfassbar eng bei Rancid.Honor is All We Know‚ knallt einem die Ohrwürmer und nonchalant zwingenden Hits praktisch ohne Unterbrechung um die Ohren, hat zumindest ein Dutzend an hochinfektiösen Singles an Bord und ist als enthusiastischer Schritt zurück eine akkurate Frischzellenkur für das im Durchschnitt 50 jährige-Gespann.
Wo dabei allerdings ein Problem liegen kann, zeigt sich, wenn ‚Raise Your Fist‚ in gerade einmal drei Minuten seinen Refrain gefühlte drölfzig Mal repetiert oder der monotone Reggae von ‚Everybody’s Sufferin‚ seinen Orgelgroove auf Endlosschleife stellt und Tim Armstrong plötzlich mit jamaikanischem Akzent nölt.

So mitreißend das achte Studioalbum der Band entlang seiner geradezu unheimlichen Eingängigkeit und passgenauem Punk-Roots-Spielwitz auch unmittelbar zündet, so schnell läuft die Platte auch immer wieder Gefahr ein unbefriedigendes Übersättigungsgefühl auszustrahlen. Rancid klingen auf ‚Honor is All We Know‚ rund um an der Grenze zur Selbstpersiflage rausgehauenen Solidaritärts-Gangshouts bisweilen seltsam oberflächlich und wenig gewichtig, allzu leicht über- und durchschaubar: schnurstracks sprintet das Quartett mit der Brechstange und plumpen „Wir Bros gegen den Rest„-Lyrics von Strophe zu Chorus zu Strophe zu Chorus zu Chorus, für die Bridge bleibt da nicht nur in der gangshoutenden Comeback-Meldung ‚Back Where I Belong‚ nur wenige Sekunden Zeit. Nicht, dass man sich von der Band Prog-Epen mit immensem Tiefgang erwarten würde, aber das auf ‚Honor Is All We Know‚ gefahrene Programm haben Rancid früher schlichtweg schon besser kalibriert hinbekommen.
Zugegeben: bei all der knackigen Griffigkeit ist diese immense Direktheit einerseits nachvollziehbar, andererseits spielt die Stromlinienförmigkeit der Platte der Langzeitwirkung nicht unbedingt entgegen. Zurück bleibt so das Gefühl, dass Rancid oftmals Substanz zugunsten der Unmittelbarkeit geopfert haben, sich lieber an vorhersehbaren Strukturen austoben, als auch nur eine aus dem Raster fallende Sekunde zu riskieren, die man nicht ad hoc mitgrölen kann. Der Balanceakt vom explosiv-euphorisierenden Reißer zum überdauernden Instant-Ausnahmesong gelingt Tim Armstrong, Matt Freeman, Lars Fredriksen und Branden Steineckert damit diesmal nicht, ein weiterer Band-Klassiker ist ‚Honor is All We Know‘ keiner geworden – eine (unerwartet) potente Rückmeldung, deren Sprengkraft wohl erst im Livegwand richtig einzuschätzen sein wird aber sehr wohl.

Rancid werden eben nicht nur ausnahmslos an sich selbst gemessen, sondern wissen natürlich auch nur zu gut, wie man die etablierten Trademarks in einen atemlosen Rausch steckt, der vielleicht nicht das unstillbare Suchtgefühl ihrer besten Arbeiten entfaltet, aber über seine stringente Distanz schlicht und einfach Spaß macht. Auf einer reinen, unverbindlichen Unterhaltungsebene funktioniert ‚Honor is All we Know‚ absolut schmissig und verwandelt sich ohne Experimente beim Songwriting im druckvollen Bret Gurewitz-Produktionsgewand zu einem kurzweilig vorbeisprintenden Sammelsurium an dynamischen Energieschüben.
Das Ska-affine ‚Evil’s My Friend‚ swingt bis die Hüften wackeln; ‚Malfunction‚ flirtet mit supergeschmeidigem Powerpop; ‚Grave Digger‚ gibt den kompromisslosen Streetpunk; immer wieder tauchen Beach Boys-Harmonien im Hintergrund der Oi-Rotzer auf, der Titelsong surft so herrlich schräg geröhrt daher wie das nur Rancid dürfen: ‚Honor is All We Know‚ bekommt einen Extrapunkt für die charismatische und sympathische Spiellaune, die dieser sich selbst nicht zu ernst nehmenden Party aus jeder Pore trieft. Dass da mit ein paar zusätzlichen Songs und etwas mehr mehr Willen zur Abwechslung/Innovation sogar noch deutlich mehr drinnen gewesen wäre, traut man sich den alten Helden kaum vorzuhalten: „You drew blood with the wrong crew/ now we’re through with you“ zieht ‚Now Were Through With You‘ klare Fronten. Und vielleicht geht es hierbei eben ohnedies in erster Linie darum, der Welt ohne Umwege zu zeigen, dass man es noch draufhat. ‚Honor Is All We Know‚ wuchtet seine Karten mit jugendlicher Frische unmittelbar auf den Tisch. Wer braucht da schon Trümpfe in der Hinterhand?

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1 KommentarKommentieren

  • Hannes - 8. November 2014 Antworten

    Perfekt getroffen! Das Album wirkt sehr schön frisch und macht auf mich direkt einen besseren Eindruck als sein Vorgänger, schon allein dem großartig oldschooligen Opener sei Dank. Nach öfterem Hören macht sich dann aber doch ein Unterschied zu den Alben bis einschließlich Indestructible bemerkbar – die hatten irgendwie doch etwas mehr „Persönlichkeit“. Mal abgesehen von „Every Man Alive“ (klingt wie schwächere, uninspirierte DKM im Refrain) und „Everybody’s Sufferin‘ “ (eintönig) finden sich hier trotzdem haufenweise wunderbar eingängige Hits. Alles in Allem eine gelungene Platte!

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