Jungstötter – Sustained
Nachhaltiges Understatement: Nach Love Is (2019) und One Star (2023) findet Fabian Altstötter mit dem intuitiv gestalteten Sustained abermals neue Ausdrucksformen für Jungstötter.
Gemeinsam mit Roui Zweifel, Manuel Chittka, Philipp Hülsenbeck, Sebastian Eppner und Caleb Salgado sowie Ronja Schößler, Ralph Heidel und Andy Aquarius folgt der mittlerweile 35 jährige Wieder-Wahl-Berliner einem 43 minütigen Geflecht aus lose mäandernden Improvisationen zu (mehr oder minder) 11 Songs, die strukturoffen und ungebunden durch eine ätherische Nacht gleiten, dem Ambient ein subversives Versprechen des Avantgarde-Pop beimengend. Enigmatisch und irgendwo auch unergründlich, gleichzeitig aber reif, rund und zu jedem Zeitpunkt schlüssig.
Das klingt phasenweise beinahe, als wäre Summer Make Good eine von Nick Cave produzierte Scott Walker-Platte im Geiste von späten Talk Talk gewesen. Meistens aber so, als würde die Erinnerung an Love Is heimlich, still und leise zu transzendieren beginnen. In (beinahe) jeder Nummer folgt Altstötter dafür einer Grundidee als Ankerpunk in experimentelle Trancen der Romantik – immer lose, aber niemals ziellos eingefangen; melancholisch, aber nicht hoffnungslos. Und letztlich mit weitaus mehr greifbaren Szenen, als es auf den Erstkontakt scheinen mag.
Allen voran natürlich die beiden Aushängeschilder der Platte.
Der mit Roomer-Gast Schößler zur elegischen Feuerstelle-Acoustic-Einkehr schwelgende Herold Again, der elegisch über knarzende und rostige Blasinstrumente und Cello im Unterholz wandelt, so weich und tröstend, während die Stimmen des Duetts wie so oft eher gehauchte Andeutungen bleiben.
Und auch Loud Fingers gibt sich fast gelöst und auf seine Weise beschwingt in den Groove zurückgelehnt, sitzt im schummrige Licht eines Ballsaal, in dessen Dunkle-Ecken-Peripherie die Sohlen quietschen und rutschen oder Springschnüre schnalzen rutschend. Das Schlagzeug schwoft zu diesem schemenhaften Training und das Panorama hinter der einnehmenden Melodie ist auf intime Weise cineastisch. Doch Jungstötter lässt lieber alles in sich zusammenfallen, als nach den Sternen zu greifen, und zieht sich zurück. Ein schönes Sinnbild für das Wesen Sustained.
Dass der Sound der Platte – also auch der Raum, der nur als Resonanzkörper leer zu stehen scheint und die Atmosphäre enorm verziert – absolut elementar ist, ist zu diesem Zeitpunkt einer zeitlosen Reise übrigens längst klar. Später, im Interlude Tag 10, wird man deswegen auch als natürlichste in die Umgebung von Loud Fingers zurückkehren: vertraut und doch anders.
Schon in Overturn klopft der Rhythmus dazu passend wie ein verspieltes Uhrwerk, beharrlich und unaufdringlich, hypnotisch und konstant, durch die behagliche Stimmung leitend. Als krautige Meditation, wenn man so will. Der Augenblick verrinnt mechanisch als Organismus. Jungstötter lässt sich auch von immer wieder impulsiv ins Geschehen rufenden Kinderstimmen nicht ablenken – im Gegenteil, er intoniert seinen Gesang jenseits von Bish Bosch beinahe mit einer altersmilde abgekämpften Müdigkeit, ohne Theatralik.
Eine ähnliche Dualität pflegt Tell This Lover. Was wie eine James Blake-Zeitlupe beginnt, gönnt sich nach und nach eine klar gezupfte Akustikgitarre, die aus einer lichten Folk-Session zu stammen scheint, und ihren Grandezza-Freigeist gegen das repetierte Sample-Loop aufwiegt.
Das schwere Sunk sinkt dagegen an den Tasten melancholisch in die Tiefe, wie eine der stillen Verzweiflungen aus Silent Hill, die jedoch eine Dylan-Mundharmonika und bräsige Bläser passiert. That Noise croont in einer Lounge, die sonst Bohren im Programm, für Jungstötter aber eine kammermusikalische Begleitung engagiert hat, die bei aller Neugier vor allem traurig ist. Dagegen ist das dunkel am Piano sinnierende, mit dezent wummerden Untertönen köchelnde Instrumental Possess beinahe hoffnungsvoll. Und fängt als Momentaufnahme Augenblicke aus der realen Welt in Kreuzberg ein, entrückt diese aber in den Kosmos von Sustained.
Man kann die einzelnen Stücke insofern zwar auseinanderdividieren und einzeln analysieren. Man kann wahrnehmen, wie die Trance Seaweed eine Ballade ohne offenkundige Griffigkeit ist oder Consume Me (Take 9) eine verführerische Ahnung von einem Ohrwurm einfängt, bevor Elastic (Avenue) nach seinem Bon Iver-Einstieg das federnde Jazz-Schlagzeug federnd pulsieren lässt, keine kompositorische Auslösung oder Klimax sucht, sondern sich ganz seinem ureigenen, eklektischen Stream of Consciousness ergeht.
Doch das würde dem im Detail so sorgsam und vielschichtig aufzeigenden Minimalismus der Platte eigentlich nicht entgegenkommen, hat Jungstötter mit seinem dritten Langspieler doch mehr als alles andere ein Album-Album aufgenommen, das ganzheitlich umspült und zu mehr als der Summe seiner Teile wird.


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