Wintersleep – Wishing Moon

von am 26. Mai 2026 in Album

Wintersleep – Wishing Moon

Wintersleep haben ihre (mehr oder minder seit) seit 2019 dauernde Phase der Inaktivität beendet, indem die Kanadier mit Produzent Nicolas Vernhes’ (u.a. The War on Drugs oder Spoon) in dessen Studio in der Mojave Wüste ihre Komfortzone verlassen wollten. Dieser Vorsatz macht aus Wishing Moon ein zumindest ambivalentes Werk.

Eine erste tragische Erkenntnis zum Wiedersehen mit einer Band, die einen mittlerweile auch schon über zwei Dekaden begleitet: Man hat Wintersleep in den vergangenen sieben Jahren eigentlich gar nicht so wirklich schmerzlich vermisst.
Und das, obwohl zumindest die ersten vier Alben der Halifaxer (und dabei natürlich vor allem das Meisterwerk Welcome to The Night Sky von 2007) immer einen Platz nahe des eigenen Indie-Herzens haben werden.
Denn auch wenn die nächsten drei Platten der Kanadier – Hello Hum (2012), The Great Detachment (2016) und In the Land Of (2019) – immer noch ihre Momente hatten (respektive zumindest den ein oder anderen Song, der sich einen Platz auf einem Wintersleep-Best of verdient hätte), konnten sie nicht die emotionale Leidenschaft ihrer Vorgängerwerke weckend und verblassten vergleichsweise relativ schnell.
Doch ein Wiederhören im Zuge des Comebacks rückt die Perspektiven gerade: Enttäuschend waren vielleicht alle Platten nach New Inheritors, schwach aber keine einzige.

Vor diesem Hintergrund verhält es sich mit Wishing Moon bis zu einem gewissen Grad beinahe umgekehrt proportional: Studioalbum Nummer 8 ist keine Enttäuschung, aber dennoch das schwächste Album der Band.
Obwohl es es mit dem flotten, harmlos-schmissigen I Got a Feeling sowie dem folkrockig rumpelnd-schunkelnden Ohrwurm Abyss, der eine Art Damage-Sound-Hommage zur feierlichen Parade macht, zumindest zwei superb-charmante Instant-Hits gibt.
Und obwohl die Veteranen Paul Murphy, Tim D’Eon, Jon Samuel, Chris Bell und Loel Campbell diesmal betont frisch, knackig und griffig agieren, was Wishing Moon (trotz frustrierend handzahm und brav inszenierter Gitarren) aus dem Stand heraus motivierter und eingängiger vorstellt und Wintersleep zumindest zeilenweise Momentum zurückgibt.

Allerdings kommen die phasenweise arg simpel gestrickten Singalongs mit ihren zahlreichen Textwiederholungen („Transcendental I’m alive, I’m alone, I’m alive, I’m alone, I’m alive, I’m alone“. Oder „I got a feeling my love, I got a feeling my love“. Oder „Wait for the tide, wait for the tide.“ Oder…) immer wieder frappant an die Nerv-Grenze.
Und wo sich die Band auch zwei Ausfälle gönnt, die ihre Wurzel des Übels mutmaßlich dem Aufnahmeort verdanken (weil das ruppigere Stranger Now es sich im roboterhaften Stoizismus der Queens of the Stoooohoooooone Age gemütlich zu machen versucht, derweil Wait for the Tide wie eine trockene Symbiose aus Audioslave und Helmet zu grooven versucht, seine Stop-And-Go-Rhythmik aber einfach nicht in Gang bekommt) ist die grundlegende Substanz der restlichen Songs auch weitestgehend nur gut.

Der schöne Titelsong-Opener joggt mit züchtigen Gitarren wie ein psychedelisch Semi-Radiohead-Song mit krautigen Tendenzen und My Mind Always stackst dem selben Vorbild mit leichten Saiten hinterher – symptomatisch findet eine feine, ästhetisch einnehmende und nostalgisch abholende Grundidee nicht die nötige Inspiration, um sich zwingend aufzulösen und wird stattdessen zur Geduldsprobe.
Gale ist als naturalistisches Herzstück ausnahmsweise ruhig und bedächtig in sich gehend und blüht mit herrschaftlicher Haltung auf, derweil After You geduldig und verträumt in die hymnischen Halluzination eines bunten Warp-Tunnel-Wurmloch zieht.
Doch warum lassen sich Wintersleep dabei nicht einfach mal gehen? Warum zeigen sie keine Konsequenz im Verlangen, ihren Wohlfühlbereich zu verlassen? Wishing Moon ist jedenfalls  oftmals ein Verpassen von tollen Gelegenheiten. Und spielt seinen Indie am Ende solide nach Hause.
Redrawn stapft auf Samtpfoten soulig wehend und gönnt sich hinten raus eine niedlich-zurückhaltende Klavier-Patina, bevor das abschließende Trio schwächelt, ohne deswegen wehzutun: You & I als Jimmy Eat World-Rocker in beliebig und belanglos; All Eyes als okay zwischen rauer Kante und Harmonie-Sucht balancierende Bagatelle; und Like a God als geduldig ein epischeres Szenario andeutende Gefälligkeit.
Weswegen alle Kritikpunkte auch nichts an der abschließenden (wenngleich mit Fanbrille beurteilten) Erkenntnis ändert: Es ist anhand von Wishing Moon letztlich einfach schön, dass Wintersleep wieder zurück sind.


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