SeeYouSpaceCowboy ‎- Songs For The Firing Squad

von am 15. Februar 2019 in Compilation

SeeYouSpaceCowboy ‎- Songs For The Firing Squad

Die Cowboy Bebop-Fans SeeYouSpaceCowboy haben sich die ziemlich unglückliche Markenbezeichnung Sasscore auf den Leib geschneidert, meinen damit aber im Grunde nur eine extrem kurzweilige ADHS-Zitate-Karambolage aus anachronistischem Screamo, math-affinen Metal-, Hard- und Grindcore.

SeeYouSpaceCowboy haben mittlerweile einen Deal mit Pure Noise Records an Land gezogen, weswegen das Label auch den bisherigen Backkatalog der kalifornischen Senkrechtstarter in Form der einsteigerfreundlichen Compilation Songs For The Firing Squad zusammenfasst: 13 Songs aus knapp zwei Jahren ergeben hier 18 Minuten an irrwitziger Spielfreude mit assoziativem Referenzen-Schub, der gewissermaßen ansatzlos jene um sich greifende Revival-Euphorie bedient, die im vergangenen Jahr mit dem Vein-Debüt Errorzone einen ersten Zenit erreichte: Das Material von Songs For The Firing Squad speist seinen Flashback-Sound aus den frühen 00ern, kennt trotz des jungen Alters seiner Urheber Heavy Heavy Low Low, Test Icicles und die goldenen Tage von MySpace, weiß den Backkatalog der San Diego-Nachbarschaft um Three One G zu schätzen und will die Frage beantworten, wie moshende Blood Brothers mit agressivem Stiernacken wohl gewütet hätten.

Mal klingen SeeYouSpaceCowboy also nach The Fall of Troy, dann wieder – und generell sehr oft! – nach frühen Daughters (etwa in You Don’t Understand The Liquor Is Calling The Shots Now Randy BoBandy oder mehr noch im hysterischen An Introduction For People Who Hate Introductions sowie dem psychedelisch-psychotischen Soap Opera Stardom Is A Single Is A Single Tear Drop Away), die prägenden Fear Before the March of Flames halten sowieso nicht nur als Blaupause für die Form der überlangen Trackliste und superkurze Songs dahinter her. Und wo Stop Calling Us Screamo am Ende gar gegen Primus gurgelt oder Fashion Statements Of The Socially Aware die Gangshouts auspackt, zerhacken die Derwische von SeeYouSpaceCowboy rasende Rhythmen generell spastisch durch exzessive Melodieabrissbirnen, fragmentarische Hooks und fiepende Gitarrenattacken, wüten sporadisch austickend im irren Chaos aus unheimlich heavy hereinbrechenden Breakdowns und vertracktem Frickeln. Sängerin Connie Sgarbossa brüllt dazu infernal, schreit sich in kreischender Hysterie die Stimmbänder blutig und growlt zum Death, rezitiert selten sogar beinahe am Spoken Word.
Ein Stilmix also, der so unberechenbar, dynamisch und mitreißend Errungenschaften der Vergangenheit in einen überschwänglich-juvenilen Kontext explodieren lässt. Phasenweise prätentiös vielleicht, aber durchaus authentisch. (Und das, obwohl Konzerte der Band mit einem nicht unwesentlichen Poser-Faktor – was primär am Publikum und einer irritierenden Menge an deplatzierten Bühnenbesuchern liegt – durchaus die Nostalgie-Euphorie trüben können, über die das Werk auch eklatant zündet). Vor allem aber: Verdammt unterhaltsam.

Für Neueinsteiger ist Songs For The Firing Squad als Kompendium aus der EP Fashion Statements of the Socially Aware, der Atrocities From A Story Book Perspective-Single sowie der Split mit Second Grade Knife Fight insofern eine tolle Sammlung, weil diese das bisherige Schaffen der Band nahezu komplett zusammenfasst (nur die Demo von 2016 fehlt verständlicherweise) und das Zusammentragen der kleinteiligen (und gerade hierzulande auch nicht so günstig zu erstehenden physischen) Formate erspart.
Für alle langjährigen (…) Fans hält sich der Mehrwert der Platte dagegen ohne soundtechnische Überarbeitung des Ausgangsmaterials deswegen jedoch zugegebenermaßen auch in Grenzen, sind wohl alleine die zwei neuen Songs der Platte interessant – diese aber alleine rechtfertigen die Anschaffung von Songs For The Firing Squad im Grunde.

911 Call: “Help I’ve Overdosed On Philosophy!” erhebt sein This Apparatus Must Be Unearthed-Flimmern im Noise gegen den Strich, dreht dann den androgyne Thomas Erak-Einfluss aufs Maximum und schwelgt dissonant in wellenbrechende Breitseiten. Self Help Specialist Ends Own Life beginnt dagegen wie eine poppunkige Riffrock-Annäherung an Milk Lizard, kotzt sich dann aber stakatohaft aus und takkert als nervös abgeklärtes Ringelspiel. Zwar zeigt sich auch hier, dass SeeYouSpaceCowboy noch gezielter an ihrem stilistischen Fokus, eher der allgemeinen Balance des bisweilen unausgegoren die Form über den Innhalt stellenden, impulsiven Irrsinn arbeiten müssen – weswegen Songs For The Firing Squad als offizielles Album an sich durch seinen zusammengewürfelten Spannungsbogen auch weniger gut funktioniert hätte, als es als Compilation nun jedoch ohne Atempause zündet.
Auch richtig, dass die den Sound der Band deffinierenden Idole im Grunde noch alles besser – und originärer – machten, als SeeYouSpaceCowboy es bisher tun. Allerdings stimmt das Potential, sei es auch durch die Sehnsucht nach postmilleniale Jugendsünden subjektiv kultiviert.
Schon jetzt lässt sich ungeachtet dessen jedoch schon ohne Wagnis (und mit langsam keimenden Hype vor Augen) prognostizieren, dass dieser Band (selbst mit prolongierten Skandal in der Biographie) eine große Zukunft über Szenegrenzen hinausgehend bevorstehen könnte. Auch wenn man diese nicht unter dem Banner Sasscore firmieren lassen muss.

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