Vein – Errorzone

von am 17. Juli 2018 in Album, Heavy Rotation

Vein – Errorzone

I will not deny what I cannot delete“ brüllt Anthony DiDio irgendwann und trifft den aus vermeintlichen Jugendsünden keinen Hehl machenden Charakter von Errorzone damit ziemlich exakt: Das gefeierte Debüt seiner Band Vein klingt wie ein aus der Zeit gefallenes Attentat, das sich die prolongiert dunkelste Stunde des Metal zu Diensten macht. Believe the Hype!

Ebenso wenig subtil wie das (an das goldene Zeitalter von rotten.com mahnende) Artwork fallen Vein nach einer Reihe aufsehenerregender EPs gleich mit der Tür ins Haus und klären die Fronten mit dem vielleicht polarisierendsten Weg: Der Opener Virus://Vibrance hakt sich Drum & Bass-Elemente ein, als hätten Slipknot ihr Vorstellungs-Intro von Eyeless als vollwertigen Song mit Atari Teenage Riot-Referenz angelegt, bevor die heruntergestimmten Riffs im Mahlstrom aus bestialischem Gebrüll und massiven Breakdowns hereinbrechen, fauchen, quietschen und fiepen.
Vein speisen ihren zutiefst eklektischen Math- und Metalcore-Sound eben nicht nur aus chaotischen Hardcore-Elementen, sondern assimilieren über maschinell zuckende Gitarren und Industrial-Elektronik auch permanent ganz dezidiert den ungeliebten Geist des Nu Metal. Wo Errorzone ohne Alben von Code Orange, Dillinger Escape Plan, Glassjaw, Botch oder der Nachbarn Converge zwar praktisch unmöglich wäre, verneigt sich der chaotische Reißwolf der Platte zwischen den Zeilen explizit vor den späten 90ern und frühen 2000ern, wirft Korn, Spineshank, Videodrone, Mudvayne oder auch die Deftones in den wilden Strudel der assoziativen, aber nostalgiefrei durchgepusteten Referenzen. (Und macht die Geschmackspolizei drangsalierend in dieser Verortung übrigens tatsächlich alles besser, als der an ähnlichen Vorlieben und Epochen verankerte Einstand von The Fever 333).

Vein schaffen es, ihre drastische Frontalität ohne peinlich berührende Klischees umzusetzen, die Symbiose der Stile trittsicher organisch zu halten, und haben dadurch eine herrlich unwirsch brutale und jederzeit aggressiv unter Strom stehende Platte eingeprügelt, die ihre dissonanten Texturen über eine ungemein tighte Performance manisch, regelrecht psychotisch in den Nihilismus kotzt. Dabei bietet Errorzone jedoch die nötige Varianz in der Dynamik auf, um nicht abzustumpfen, setzt die nötigen Akzente im Songwriting, um die Intensität über perfekt knackig gehaltene 28 Minuten spannend zu halten.
Das Update Old Data in a Dead Machine lässt Melodien beispielsweise wie Halluzinationen in den Mix schweben, während Rebirth Protocol Corey Taylor sowie seinen Maskenmännern dankt und Broken Glass Complexion in alle Richtungen gleichzeitig eskalieren zu wollen scheint: DiDio croont, heult, growlt, rezitiert und schreit wie ein Berserker, wirft eine eingängige Hook der puren, unbändigen Energie seiner Band zum Fraß vor. Anesthesia probt dagegen ein mürbe machendes, gefühltes Interlude, als würden Vein auf einen verzweifelt sinkenden U-Boot im Sedativa-Wahn jammen und zum unmittelbar übernehmenden Demise Automation den Slebstzerstörungsmodus aktivieren.

Bis zum diesem Zeitpunkt malträtiert der durchgehend nahtlose Fluss von Errorzone durch hastige Attacken, bevor die zweite Hälfte der Platte sich etwas weniger am rauschhaften Momentum bedient, als dass die Dinge weitschweifender dekliniert werden und auch die Spieldauer der einzelnen Sprengfallen wächst.
Doomtech klingt deswegen wie die hirnwütige zwischen Nackenbruch und vagen Emo-Harmonien driftende Erinnerung an vor 20 Jahren, bevor Untitled epischere Soundwälle auffährt und der Titelsong in seiner versöhnlicher reduzierter unbarmherzig die Eingängigkeit anvisierenden, beinahe verträumten Hymnik der ideale, weil auslaugendere Schlusspunkt der Platte gewesen wäre. Der Epilog Quitting Infinity macht dabei danach kaum etwas falsch, lässt aber den Gedanken zu, dass Errorzone in seinen weniger überragenden Momenten auch mehr Form als Inhalt sein kann, Vein sich phasenweise eher durch ihre Ästhetik definieren, als durch kompositorisch markante Prägnanz – doch das fällt gerade im Kontext der Platte kaum ins Gewicht.
Denn letztendlich lässt es sich das streitbare Debüt dieser zyklisch veranlagten Band ohnedies auf eine simple Tatsache herabbrechen: Man muss ebensowenig reaktionär in der Vergangenheit feststecken, wie trendbewusst auf den Zeitgeist-Hype hören, um einen kompromisslosen Spaß an dieser anachronistischen Katharsis zu haben.

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