Silversun Pickups – Neck of The Woods

von am 17. Mai 2012 in Album, Reviews

Silversun Pickups – Neck of The Woods

Nicht noch einmal ein im Windschatten gegen ‚Carnavas‚ Sturm-laufendes Album wie ‚Swoon‚. Mit dieser Intention krempelt ‚Neck of the Woods‚ von innen heraus den unverkennbaren Silversun Pickups Sound um. Und wächst sich von einer Enttäuschung zum leistungsstarken Grower aus.

Immer noch provozieren die Amerikaner aus dem sonnigen Los Angeles Vergleiche mit jenem Alternative Rock, wie man ihn seit den 1990ern nicht mehr so einwandfrei in den Mainstream gezerrt gesehen hat. ‚Neck of the Woods‚ ist unverkennbar eine Silversun Pickups Platte geworden, die Zuordnung fiele mittlerweile wohl nicht nur den Millionen Käufern der ersten beiden Studioalben allzu schwer. Die androgyne, so bestimmend flehende Stimme Brian Auberts, der erdig grummelde Bass aus der Magengrube Nikki Monningers und Gitarrenfiguren, die sich kunstvoll um niemals zu direkte Rhythmusarbeiten drängeln. Nicht unumständliche Rocksongs, emotional ausfasernd und doch eingängig genug um dabei den Club mit Grunge-Momenten bedienen zu wollen aber das Stadion doch nicht vollends aus den Augen verlieren zu müssen. Indie Rock mit den Mitteln des alternativen Mainstreams – oder eben Alternative Rock mit den Mitteln des Indie-Mainstream. Man kommt auch bei ‚Neck of the Woods‚ nicht darum herum The Smashing Pumpkins an den Haaren herbeizitieren zu wollen. Silversun Pickups vermengen  ihren bittersüß nachtretenden Rock immer noch derart selbstverständlich nach dem großen Vorbild, als würden sie dies seit ‚Siamese Dreams‚ so geübt haben.

Strapaziert man die Pumpkins Analogie weiter, wäre ‚Neck of the Woods‚ wohl das Äquivalent zu ‚Adore‚ – wäre Jimmy Chamberlain inmitten der Aufnahmen von Billy Corgan wieder in die Arme genommen worden. Da ist diese vordergründig aus der Konserve entlehnt klingenden Rhythmusarbeiten in Songs wie ‚Simmer‚, ‚Make Believe‚ oder vor allem den ideologisch schon stark in der Elektronik verankerten ‚Here We Are (Chancer)‚ und dem Dance Rocker ‚The Pit‘. Silversun Pickups mischen eine nicht geringe digitale Komponente unter ihre breit ausgewalzten, mit hypnotischen Spacerock und Kraut flirtenden Shoegazesound, ohne klassiche Synthieflächen oder sich herausgebenden Keyboardarbeiten feil bieten zu müssen. ‚Neck of the Woods‚ ist dynamisch am etablierten Songwriting Auberts ausgerichtet, geht in die Breite aber nicht den Bombast, die Atmosphäre stets dicht gespannt. Die Veränderungen im Sound, sie passieren im Detail und ohne großes Aufsehen machen zu wollen. Würden Songs wie ‚Dots And Dashes (Enought Already)‚ nicht immer wieder aufs nachdrücklichste unterstreichen, wie prägend vor allem Monniger für den Sound der Band ist, wäre ‚Neck of the Woods‚ klar Joe Lesters Platte geworden. So aber ist das dritte Album auch jenes, das den bisher nachhaltigsten Eindruck eines Gemeinschaftswerkes hinterlässt.

Wofür es allerdings Zeit verlangt. ‚Neck of the Woods‚ ist die bis dato sperrigste Platte der Band geworden. Eine, die nicht mit überragenden Einzelsongs nach Werbeauftritten verlangt oder sich mit allzu zugänglichen Hooklines anbietet. „I’ve got one chance to move you”  oder „I love to play a sing-a-long“ heißt es da zwar, aber Aubert und Kollegen halten sich nicht an ihre eigenen Vorgaben, drücken ihren Rock düsterer und unheilverkündend durch dunkle Ecken, verschanzen mitreißende Hooks hinter Umwegen. Nur drei Songs bemühen sich, unter der 5 Minuten Marke ins Ziel zu kommen, Musterbeispiele wie ‚Bloody Mary (Never Endings)‚ oder ‚Skin Graph‚ wollen als eingängige Hits erarbeitet werden. Weil hinter rasanten Abfahrten wie dem mit ‚Bombtrack‚-Gedenkriff ausgestatteten ‚Mean Spirits‚ aber immer noch auf den ersten Blick klar die Band steckt, die einen mit ‚Carnavas‚ und ‚Swoon‚ drangekriegt hat, bleibt man am Ball; weil mit ‚Out of Breath‚ schon wieder einer der besten Songs traditionell am Ende steht. Immer noch ist das Musik, zu der man das Auto auf Höchstgeschwindigkeit brigen will, doch dreht man den Zündschlüssel diesmal erst, wenn die Sonne bereits untergegangen ist. Dem einen oder anderen Song wird man wohl wieder in unzähligen US Fernsehserien begegnen, ist das dritte Silversun Pickups Werk doch bei weitem keine zelebrierte Verweigerungshaltung, kein „Fuck You!“ an Zielgruppen – aber eben kein Schlachtlamm auf dem Opfertisch. ‚Neck of the Woods‚ ist ein klassischer Grower geworden, ein nachhaltiges Album einer Band, die sich freigeschwommen hat.

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