Slipknot – We Are Not Your Kind

von am 15. August 2019 in Album

Slipknot – We Are Not Your Kind

Die prolongierte Wiedergeburt von Slipknot führt mit We Are Not Your Kind tatsächlich weitestgehend zurück zu alten Stärken und neuen Perspektiven zwischen durchschlagender Härte und brutaler Eingängigkeit. Zumindest bekommt bekommt Vol. 3: (The Subliminal Verses) einen durchaus würdigen Nachfolger.

Ein Comeback, mit dem man in dieser Stärke nicht rechnen musste. Nicht nach den zwei enttäuschenden Vorgänger-Alben, nicht nach fünf neuerlichen Jahren Auszeit, die abermals durch personelle Streitigkeiten, Scheidungskriegen und Depressionen geprägt waren.
Doch wo Slipknot auf All Hope is Gone und .5: The Gray Chapter das solide Gesamtbild bestenfalls durch einzelne Highlights nach oben ziehen konnten, hat sich der längste Arbeitsprozess an einem Album für die merklich wieder zu einer Einheit zusammmengewachsene Band (auf der ersten Veröffentlichung ohne Chris Fehn) nun allerdings ausgezahlt: We Are Not Your Kind kommt ohne Ausfall daher – endlich ist wieder jeder Song erinnerungswürdig und überzeugt sowohl vom Songwriting, als auch der Performance her! – hat zahlreiche herausragende Hooks und zwingende Brecher auf Lager, öffnet sich vor allem in der zweiten Hälfte zudem einigen Richtung Industrial schielenden Experimenten und wirkt trotzdem als geschlossenes Ganzes kohärent.
Dennoch muss man die teils überschwänglichen Begeisterungsstürme, die We Are Not Your Kind 20 Jahre nach dem selbstbetitelten Debüt nun mitunter auslöst, nicht bedingungslos unterschreiben. Immerhin schmälern einige sich (mehr oder weniger) ärgerlich summierende kleine Schönheitsfehler den nichtsdestotrotz klar über allen Erwartungen liegenden Gesamteindruck, was verhindert, dass die Platte qualitativ tatsächlich das Niveau der ersten drei Studioalben erreichen würde.

Am gravierendsten ist das wohl der nicht immer kontrollierte Hang der Band, brutal die Härte drangsalierende Strophen möglichst eingängig mit die Hymne suchen wollenden Refrains zu penetrieren.
Das mit der Dringlichkeit einer Urgewalt polternde Nero Forte ist so über weite Strecken nichts anderes als ein Triumphzug – dem eine fast schon absurde fistelnde Akkord-Progression für den Chorus verpasst wurde, die (der wie immer grandiose) Corey Taylor zumindest in trockene Tücher quasi-rappt. Ein interessanter Kontrast und kompositioneller Fremdkörper mit dem man sich aussöhnen kann – trotzdem vor allem eine Verschwendung, eine Verwässerung. Ähnlich unpassend die Brechstange von Critical Darling, die ihren superb in den Dreck rumorenden Gitarrenwahn für eine aufdringliche Festivaltauglichkeit verkauft und keine homogene Spannweite kennt. Orphan fährt später zwar beispielsweise eine ähnliche Schiene, bekommt die Amplituden aber organischer hin, hat zugegebenermaßen eine weniger große Fallhöhe zwischen den Parts, und ist somit das unspektakulärere, aber eben auch rundere Stück.
Es hätte trotzdem phasenweise eine Art Anti-Rubin gebraucht, der Slipknot manchmal vom zu melodiösen Weg abgeraten und die Band noch weiter zurück in Oldschool-Gefilde geführt hätte – wie im großartig kompromisslos riffgroovend nach vorne gehenden, ohne anbiederndes Silbertablett enorm eingängig zündenden Red Flag, das so auch als Überbleibsel der ersten beiden Alben durchgehen könnte, wenn eine gewisse Stumpfheit zwar mit Ideen haushält, aber dafür eine veritable Abrissbirne auf der Überholspur darstellt.
Dass Greg Fidelman allerdings nicht der richtige Typ ist, um Grenzen zu setzen oder Wurzelbehandlungen mit effektiver Kompetenz zu betreuen, hat der mittlerweile zum Stammproduzent von Slipknot avancierte Handwerker ja bereits von Hardwired… to Self-Destruct über Lulu bis World Painted Blood ausdrücklich unter Beweis gestellt.

Den an sich unfassbar cheesy Kinderchor von Unsainted hätten so jedenfalls wohl weder Rubin noch Ross Robinson zugelassen. Dass Slipknot ihn nichtsdestotrotz zum extrem catchy Spektakel mit absoluter Ohrwurmgarantie prügeln, spricht im Grunde einerseits für die aktuelle Formkurve der Band an sich, andererseits aber auch für die kaum gebändigte Übersättigung, den Chorus derart oft und aufdringlich wiederholen zu dürfen.
Ein paar Kürzungen hätten We Are Not Your Kind darüber hinaus ohnedies gut getan. Das neondüster verspulte Intro Insert Coin, das verführerisch-psychedelisch ein bisschen zu ausführlich ausgelegte und den Fluß der Platte zu diesem Zeitpunkt ein klein wenig ausbremsende Death Because of Death, sowie die redundante Fahrstuhlmusik zum Appartment von Rosemary’s Baby in What’s Next, sind allesamt stimmungsvolle Interludes, aber letztendlich nicht essentiell für den albumübergreifenden Spannungsbogen, der ohnedies im dritten Drittel dezent schwächelt.
Das überragende, aber in seiner Gas-gebenden Form deplatzierte Solway Firth ist als Finale ein Ende-mit-Knall-Statement, aber von der Dynamik her verschwendet, nachdem das überlange Doppel aus My Pain (eine erstaunlich minimalistische Nummer, die als fast schon sphärischer Synthpop auch auf einem einsamen Keybard entstanden sein könnte!) und Not Long for This World (das sich mit innerer Ruhe versöhnlich zu dramatisch Geste aufschwingt, zwischen Laut und Leise verschlungen bereits der ideale, wandelbare Abspann mit großer Bandbreite gewesen wäre) in seinem Mut zum Experiment den einen oder anderen leeren Meter gönnt, die Platte eigentlich bereits von der Betriebstemperatur geholt und ausgebremst hat.
Wo die Band die starke Standalone-Single All Out Life für den asiatischen Markt als Bonustrack verschwendete und leider niemals sonst die packende Intensität des herrlich konsequenten Solway Firth erreicht wird, wäre We Are Not Your Kind die eine oder andere (strukturelle und formhafte) Kürzung insofern also ebenso entgegengekommen, wie ein minimales Umschichten der Trackliste.

Mit jedem Durchgang spielen diese Punkte jedoch eine weniger gewichtige Rolle, treten für die fesselnde Heavy Rotation weiter in den Hintergrund. Dann positionieren sich Nummern wie Birth of the Cruel mit seinem ordentlich walzenden Refrain irgendwo zwischen solider Routine und potentiellem Fanfavoriten; dann wächst das atmosphärische A Liar’s Funeral als zurückgenommen inszenierte Akustikballade trotz seines etwas einfallslos aufbäumenden Pre- und harmonischem Haupt-Chorus zum gefühlvollen Mittelpunkt der Platte, selbst wenn der emotionale Impact (auch wegen der gewohnt plumpen Lyrics im Allgemeinen) überschaubar bleibt; dann klimpert Spiders seinen rumpelnden Beat suspenceartig über eine zwilichtigen Finsternis, könnte dicht neben Nine Inch Nails stehend ein gruseliger Horror-Pop sein, der durchaus neue Perspektiven für Slipknot öffnet, auch, indem er Craig Jones unglaublicherweise als Musiker einsetzt.
Dann rufen die Maskenmänner quasi im Speziellen wie Allgemeinen einerseits so vieles davon ab, was man an der Band vor knapp zwanzig Jahren zu lieben gelernt hat und machen die gleichzeitig auch für künftige Abenteuer fit. Sie entfachen eben diese kaum mehr für möglich gehaltene Euphorie um den Slipknot-Zirkus mit einer authentischen Frischzellenkur, die hungrig und kaum kalkuliert klingt, schlichtweg unterhaltsam ist. Letztendlich wird deswegen auch weniger die ärgerliche Frustration über all das liegen gelassene Optimierungspotential und den Fakt überwiegen, dass der Band hier mehr als nur ihr bestes Album seit knap 15 Jahren gelingen hätte können, nein eigentlich müssen, als eher eine neu entfachte Leidenschaft für die Band. Chapeau!

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