Slipknot, Behemoth [14.12.2019: Stadthalle, Wien]

von am 16. Februar 2020 in Featured, Reviews

Slipknot, Behemoth [14.12.2019: Stadthalle, Wien]

Da kann am Valentinstag nicht einmal der grottige Sound der Wiener Stadthalle den Spaß am unromantischen Tollhaus verderben: Mit einer satanischer Aufwärmrunde von Behemoth im Vorprogramm zelebrieren Slipknot derzeit ihren zweiten Frühling.

Die Grundlage dafür bildet mit We Are Not Your Kind die beste Platte der Band seit gut eineinhalb Jahrzehnten, mit der Slipknot im vergangenen Jahr über allen Erwartungen ja noch einmal (oder wieder?) an die Heydays ihrer ersten drei Studioalben anknüpfen konnten.
Seit dieser ersten Blütezeit bis zur Mitte der 00er-Jahre hat sich freilich einiges getan. Unter anderem die in obszöne Höhen gekletterten Preise am Merch-Stand, aber auch das Verhalten der Konzertbesucher an sich. Ein filmendes Publikum gehört ja mittlerweile zum guten Ton eines Konzerts – und die maskierte Manege von Slipknot bietet auch zugegebenermaßen gute Motive – doch wie exzessiv die unangenehme Mode-Praxis an diesem Abend ausgereizt wird, demonstriert dann schon eine eigene Liga. Dass bereits während des Intros außer Smartphones kaum noch etwas zu sehen ist, ist perfektionierte Penetranz, doch wenn Typen mittlerweile Videos von sich selbst beim Crowdsurfen oder prätentiösen Dompteuer-Anrühren des Circlepits machen müssen, ist dann nur noch lächerlich…und/oder so ein Generationsding, keine Ahnung. (Unabhängige Beobachtung davon: Nur wenige Bands mit so vielen Jahren im Business haben in jedem Fall ein derart auffällig jung nachrückendes Publikum).

Slipknot 2

Während sich die einen selbst bzw. potentielle Likes in den sozialen Medien feiern, wissen Slipknot natürlich, welches Spektakel man von ihnen erwartet.
Riesige Videowalls zieren das mehrstöckige, in die Tiefe gehende Bühnenbild, das neben Laufbändern für Sid Wilson (mittlerweile in einem Aufzug, der an einen als Kanzler Palpatine verkleideten Chucky erinnert, eher als tanzender Hypeman unterwegs) auch zwei fette Percussion-Balkon-Türme an jeder Seite parat hält, auf denen Shawn Crahan und der frisch enttarnte Tortilla Man auf Kanister eindreschen, Turnübungen vollführen oder sich in Pantomimen wie psychotischen Wiegengesten ergehen können. Die mitunter von den beiden gestemmten Mikrofone? Mutmaßlich rein dekorative Staffage.

Slipknot 3

Alleine das Setting der Show ist jedenfalls ein theatralischer Mikrokosmos, in dem permanent irgendetwas zu passieren scheint – und sei es nur das körperbetonte Spiel von Jim Root oder die vergleichsweise stoische Performance von Henker Mick Thompson sowie Bassist Allesandro Venturella, zwischen denen ein schweißnasser Corey Taylor das Pulikum fest im Griff dirigierend umhertollt.
Das Lichtgewitter dazu ist effektiv akzentuiert, zusätzliche Impulse wie Feuerwerke oder Knallkörper fesseln überraschend detonierend, während etwa das vermeintliche Fackel-Spektakel in Duality relativ eindruckslos als leere Geste verpufft.
Trotzdem haben Slipknot die Balance aus brachialem Effektgewitter und inszenatorischer Übersättigung stark verinnerlicht: Nie hat man das Gefühl, dass das Brimborium vom eigentlich essentiellen Teil der Show – nämlich den Songs – ablenken würde.

Was man Behemoth so nur bedingt unterstellen kann. In ihrer Rolle als Vorband fahren die Polen schließlich ein überbordenderes Programm am Anschlag, als es anderswo Hauptbands tun.
Ununterbrochen gehen während der 30 Minuten Spielzeit Feuersalven zwischen den Musikern hoch, werden Rauschschwaden und Trockeneis in die Stadthalle geschossen und vom stark maskierten Kutten-Beginn weg wechselt nicht nur Nergal (der auch klerikale Mützen ausführen und sich in okkulten Weihrauch-Prozessionen ergehen wird) das Outfit, sondern soll die ganze Band letztendlich in Kunstblut verschmiert auf der Bühne stehen. Dazu gibt es ständige Animations-Litaneien und Unterhaltungs-steigernde Aufruge. Nach dem Ende des überragenden Chant for Eschaton 2000 kommt das Quartett Nergal, Inferno, Orion und Seth sogar noch einmal im Nebel auf die Bühne, um Coagvla als Trommelstück zu zelebrieren.

Wüsste man nicht um die eigentliche Qualität von Behemoth, müsste man in dieser schier erdrückenden Fülle an überhöhten Gimmicks annehmen, die Band würde von fehlender Substanz ablenken wollen.
Dabei läuft an sich wenig falsch – wenn man auch unter den erschlagenden Drums wenig aus dem indifferenten Brei herauskristallisieren kann. Selbst die Songs der aktuellen, nur guten Platte I Loved You at Your Darkest zünden, gerade das ausgedehnte Bartzabel beeindruckt, Bänke von The Satanist und ältere Standards sind ohnedies sichere Angelegenheiten.
Dennoch scheint die Konstellation aus Behemoth und Slipknot am Papier besser zu funktionieren, als in freier Wildbahn. Zwar beklatscht das Publikum artig all die kitschigen Gesten, applaudiert der rasenden Härte und manischen Durchschlagskraft – doch so richtig will der Funke nicht überspringen. Die interessierte Menge bleibt statisch und distanziert, wohlwollend, selektiv fasziniert, die Pommegabel brav ausfahrend. Vielleicht werden Behemoth die Früchte dieser Tour also auch erst im Nachhinein ernten können.

Setlist Behemoth
Solve
Wolves ov Siberia
Daimonos
Ora Pro Nobis Lucifer
Bartzabel
Rom 5:8
Blow Your Trumpets Gabriel
Ov Fire and the Void
Chant for Eschaton 2000
Coagvla

Eventuell dauert es für Slipknot nach der langen Umbaupause zwischen den Sets (mit schmissigem 80er Soundtrack von Simple Minds über Blondie bis zu Billy Idol, sowie betuchter Werbung für den offiziellen Slipknot-Whiskey und entsprechende Kreuzfahrten untermalt) deswegen einen Moment, bis die Betriebstemperatur erreicht ist. Der Umstieg von Insert Coin zu Unsainted wirkt zumindest holpriger als intendiert, während die chorale Eröffnung auch nicht derart hymnisch und inbrünstig gestemmt wird, wie es möglich gewesen wäre.

Geburtswehen, die sich schnell relativieren. Die Songs von (und rund um) We Are Not Your Kind zünden großteils beinahe ideal inmitten der alten Klassiker aufgehend, fügen sich stimmig in die verdammt kurzweilig gestrickte Setlist ein, die annähernd eineinhalb Stunden wie im Flug vergehen lassen. Nero Forte funktioniert mehr noch als Solway Forth und das titelstiftende All Out Life als absoluter Killer, leidet (wie der gesamte Abend) höchstens unter den erschreckend dünnen, viel zu wenig physische Präsenz im Mix bekommenden Vocals, während die Rhythmussektion generell auch dumpf bollernd über die Gitarren fährt und keine Nuancen zulässt.
Der Stimmung (und der intensiven Spielfreude der Band) tut diese klangliche Hässlichkeit keinen Abbruch. Vor der Bühne entsteht schnell Bewegung, schwer zu sagen, welche Nummer am auslaugendsten ist – weswegen die in schwarzer Drone-Dunkelheit abgehaltenen Phasen (und Zwischenansagen) auch durchaus willkommene Atempausen darstellen.

Dass das so ermüdend plumpe Psychosocial (übrigens als einziger Vertreter von All Hope is Gone) frenetisch gefeiert, Material von .5: The Gray Chapter hingegen komplett ignoriert wird, kann man live verstehen, während all die Hits und Evergreens der ersten drei Studioalben (ganz ohne Nostalgie bemessen) als purer Zündstoff nichts von ihrer Durchschlagskraft verloren haben – und trotz entfachender Euphorie eben (wie im schlimmsten Fall Vermillion) bis zu einem gewissen Grad an der (wie immer mit enorm freundlichem Personal punktendem) Location scheitern müssen….dies aber nicht tun.
Slipknot knüppeln über alle Widrigkeiten hinweg, kompromisslos und infektiös, liefern deswegen in Summe auch martialisch gutes, massentaugliches Metal-Entertainment, ohne Längen und weitestgehend keinen prolligen Beigeschmack evozierend, dazu tatsächlich authentischer, als man das angesichts der Umstände für möglich gehalten hätte. Verifizierbar übrigens durch ein paar tausend Instagram-Profile.

Setlist Slipknot
Insert Coin
Unsainted
Disasterpiece
Eeyore
Nero Forte
Before I Forget
New Abortion
Psychosocial
Solway Firth
Vermilion
Birth of the Cruel
Wait and Bleed
Eyeless
All Out Life
Duality

Encore
742617000027
(sic)
People = Shit
Surfacing
‚Til We Die

 

 

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