Slipknot – .5: The Gray Chapter

von am 27. Oktober 2014 in Reviews

Slipknot – .5: The Gray Chapter

Gitarrist Jim Root konnte Corey Taylor seinen Rauswurf bei Stone Sour wohl verzeihen: bei Slipknot ist er ja noch an Bord. Und wie zuletzt darf er dort neben allerlei Geknüppel sehr ähnliche Riffs anbringen, wie bei seiner Ex-Band.

Das Besetzungskarusell hat sich bei Slipknot (zwangsläufig) an anderen Positionen gedreht: Ausnahmeschlagzeuger Joey Jordison wurde Ende 2013 im mediengeilen Streit gegangen. Sein (mutmaßlicher) Ersatzmann Jay Weinberg füllt die Lücke nun mit besten Empfehlungen von Laura Jane Grace und der E-Street Band effektiv und an einigen Stellen glänzend, aber vor allem ohne sich Blöße zu geben – eine zweckdienliche Beinahe-Kompensation fügt sich anstandslos in den Bandkontext (was dann ja angesichts der großen Fußstapfen durchaus als Erfolg zu werten sein sollte).
Gravierender dagegen die Auswirkungen des Ablebens von Paul Gray, wenn auch vordergründig auf thematischer Ebene: neben dem kaum misszuinterpretierenden Albumtitel zieht sich die Verarbeitung des Verlusts als roter Faden durch die fünfte Studioplatte der Kombo aus Iowa, der Vorgabe des stimmungsvollen Doppels aus dem Intro ‚XIX‚ („This song is not for the living/This song is for the dead.„) und der halbballadesken, nach und nach ausbrechenden Großtat ‚Goodbye‚ folgend.

Musikalische hingegen macht sich der Wechsel zum vermuteten Ersatzmann Alessandro ‘Vman’ Venturella in keinster Weise bemerkbar: Slipknot spielen unbeirrt dort weiter, wo es ‚All Hope is Gonne‚ 2008 so unentschlossen an allzu vielen Songwriting-Rohrkrepierern zerrissen hat – bei der Schnittmenge aus knüppeldickem Metal der Marke Slipknot (der zwar nicht so recht weiß, wo er seine Wut hernehmen soll, aber in seiner Routiniertheit auch abseits innovativer Inspirationszündungen angenehm ungezwungen nach vorne drückt) und melodietreuem Alternative-Rock-Sprengseln, der sich nach Stadien sehnt und die Verkaufszahlen im Auge behält, wie das Stone Sour nun mal so praktizieren. Mögen Songs wie ein ‚AOV‚ also auch zuerst mit rasendem Irrsinn auf das Gaspedal steigen – im Refrain sucht die Band zumeist die stampfende, cleane, große Geste und lässt Taylor gewähren: der glättet mit seinem Klargesang viel zu viele Passagen der Platte.
Dass es dem 40 jährigen stimmlich abermals nicht gelingt eine gesunde Balance zwischen seinen beiden Bands zu finden schmälert die Durchschlagskraft der Platte und lässt ‚Vol. 3: (The Subliminal Verses)‘ entgegen aller Vorankündigungen nicht in Griffweite kommen. Letztendlich gelingt Slipknot diesmal aber deutlich besser, woran sie vor 6 Jahren noch gescheitert waren. Beim Zusammenfügen der Pole entfaltet sich der Albumfluss 2014 einfach nahtloser und facettenreicher, das Songwriting zieht  qualitativ an und Totalausfälle wurden vermieden – selbst wenn Songs wie ‚The One That Kills the Least‚ in ihrem vorhersehbaren Hin und Her aus Zuckerbrot und Peitsche ermüdend wirken können und zu lange 64 Minuten dazu nicht ohne Leerläufe auskommen.

Ungeachtet der subjektiven Vorlieben hangelt sich ‚.5: The Gray Chapter‚ dennoch an zahlreichen starken Songs ab, am stärksten sind Slipknot auch gar nicht mehr immer dann, wenn sie tackernde Double Bass-Attacken und wilde Gitarrenabfahrten als Grundlage stellen, unterhaltsam ist gerade diese Gangart trotz einer mäßig inspiriertem herangehensweise dennoch: ‚Sarcastrophe‚ tobt sich fünf Minuten im Schatten von ‚Slipknot‚ aus, ‚Lech‚ bolzt variantenreich durch das Unterholz; ‚Custer‚ nervt zwar mit unnötigen Effekten und bollert bisweilen gar prollig nahe an Korn, presst daneben aber mitreißend; auch ‚The Negative One‚ zeigt, dass die DJ-Abteilung im Hause Slipknot außer debilen Sirenentönen und überladenem Gescrache nichts zustande bringt und längst vor die Tür gesetzt werden sollte, während der Rest der Truppe nahezu alles richtig macht; ‚If Rain Is What You Want‚ ist praktisch Stone Sour mit Slipknot-Mitteln, passt aber als Rausschmeißer; ‚Killpop‚ entschädigt mit einer atemlosen finalen Explosion für seine etwas zu gallig geschleppten Radio-Schmalz-Gesang-Parts, während sich ‚The Devil in I‚ generell zu weit Richtung Festival-Hardrock verirrt, im Kontext jedoch wie so vieles hier funktioniert. ‚Nomadic‚ gelingt ungeachtet seines enorm eingängigen Refrains gar ansatzweise der gespannte Bogen zurück zur Wutbombe ‚Iowa‚. Dennoch: wer hier die alten Slipknot sucht, wird enttäuscht weiterziehen müssen. Die Durchschlagskraft, Energie, Nachhaltikeit und Ausnahmeausstrahlung der ersten drei Alben fehlt ‚.5: The Gray Chapter‘ nämlich über nahezu die volle Distanz, ebenso die wirklich herausragenden Nummern. Aber wo man grundsätzlich nicht glücklich mit der nunmehrigen musikalischen Ausrichtung von Slipknot sein muss, kommt man dennoch nicht umher anzuerkennen, dass das fünfte Studioalbum für die Band selbst ein gelungener Schritt auf das Spagat-Ziel hin ist, dass das Septett anvisiert hat. Nur das Artwork, das geht gar nicht.

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