The History of Apple Pie – Out of View

von am 8. Februar 2013 in Album

The History of Apple Pie – Out of View

Nicht die beste Zeit um sich im Shoegaze-Business einen Namen zu machen: The History of Apple Pie täten sich 22 Jahre nach ‚Loveless‚ trotz ihres markanten Namens auch ohne des plötzlichen My Bloody Valentine- Comebacks ‚m b v‚ schwer, beständig Oberwasser zu behalten.

Der Vergleich hinkt natürlich ebenso, wie er der jungen Band aus London gegenüber schlicht unfair ist, zielen The History of Apple Pie doch Lush hin, Lush her eher in die jüngst so populäre Abzweigung zwischen Twee Pop und Indierock. Also dorthin, wo man mit Kollegen wie The Pains of Being Pure at Heart, Yuck oder Veronica Falls in bester Gesellschaft ist – und generell lieber ‚Isn’t Anything‚ als ‚Loveless‚ hört. Die benutzten Zutaten von The Historie of Apple Pie sind deswegen auch eher Genrekonservativ gewählt: viel Delay und Hall auf den Instrumenten, vor allem auf den weitläufigen Gitarren; kraftvoller Rhythmusunterbau ohne sichtbare Muskeln; verträumt-entrückte Gesänge, manchmal im Doppel von Stephanie Min und Bassistin Kelly Owens vorgetragen und zu einem nicht geringen Teil aus „Uhs“ und „Ahs“ und „Ohs“ zusammengesetzt. Wo die Stimmung bei zahlreichen Konsorten schon mal in die betörende Dunkelheit kippen darf, scheint beim flotten Pop des Quintets stets die Sonne, eine beschwingte Grundharmonie überspannt die kompletten 42Minuten.

The History of Apple Pie klingen so in erster Linie unheimlich fluffig und niedlich in ihrer naiven Rockgeste – in den besten Momenten (nämlich denen, in denen die mehr Rock als Pop sind) dazu gut gelaunt keck, in den zu penetrant am Wohligkeitstopf naschenden (also den weniger rockigen) jedoch auch geradezu manisch süßlich. Songs heißen ‚I Want More‚ oder ‚You’re So Cool‚ und wirken dabei stets rundum verliebt, euphorisch im eigenen Schaffen und die Sonne über dem Strand untergehen sehen wollend. Womit sich The History of Apple Pie kaum von verwandten Bands unterscheiden und der Speerspitze des Genres doch merklich hinterhercheln – mit dem unmittelbaren Einstieg Dank ‚Tug‚ und dem darauf folgenden allgemeinen Spielwitz können die Engländer ihre Austauschbarkeit jedoch über weite Strecken geschickt übertünchen. Die sich wohldosiert nach 80er Jahre-Hardrock-Soli verzehrende Leadgitarre ist dabei vor allem in ersten Drittel der Platte ein nettes Gimmick, vermag es jedoch im Alleingang nicht, dem Sound der Band genug Eigenständigkeit – oder zumindest einige Ecken und Kanten! – zu verleihen, um nicht in der Masse unterzugehen. ‚Out of View‚ verschwimmt in einer Summe aus viel Talent, freundlichen Melodien und einem grundsätzlich knackigen Malen-nach-Zahlen-Songwriting des Shoegaze-Pop, die sich eher als absolut gefällige Hintergrundbeschallung hervortut, denn als bedingungslos zwingende Ohrwürmer oder Hits: die wirklich unwiderstehlichen Hooks forcieren die fünf Jungspunde nicht.

Schlecht machen The History of Apple Pie ihre Sache damit allerdings keinesfalls und niemals – allerhöchstens phasenweise etwas zu beliebig. Momente wie das U2-verschossene Rockgeplänkel ‚Do It Wrong‚, der durch geschickten Pedal-Einsatz erzeugte Eindruck von Elektronik in ‚See You‚, die nach epischen Szenario verlangende Sägegitarre im Mittelteil von ‚I Want More‚ oder der verschleppte Konservenbeat von ‚Long Way to Go‚ gehen in der Gleichschaltung des Songwritings beinahe unter – letztendlich können und wollen die Londoner nie aus ihrer Haut und ihren Gewohnheiten ausbrechen. Zu gleichförmig plätschert ‚Out of View‚ so in Summe sympathisch dahin, verliert sich gelegentlich in der vorgegebenen Schwierigkeit der Umstände, derartiges aufs die gesamte Spieldauer ausgedehnt nicht restlos spannend halten zu können und macht deswegen letztendlich gar keinen Hehl aus seiner Existenzberechting: durchgängig souveräne Genre-Mittelklasse-Qualität darzustellen, gemacht für nimmersatte Szenefreunde. Und bräuchten Yuck demnächst eine Vorband gäbe es aktuell wohl niemanden, dem man den Job lieber anvertraut sähe. Mit aktuellen Klassenbesten oder legendären Genrekönigen will sich dieses Debütalbum nämlich gar nicht  anlegen – dafür ist ‚Out of View‚ schlicht zu nett.

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