The Pineapple Thief – Dissolution

von am 13. September 2018 in Album

The Pineapple Thief – Dissolution

Spätestens mit der 2016er-Schönheit Your Wilderness hat Bruce Soord seine Prog-Band The Pineapple Thief zur bestmöglichen Ersatzdroge gemacht, um die Abwesenheit von Porcupine Tree zu überstehen. Daran ändert sich nun durch Dissolution nichts.

Was auch daran liegt, dass der vorerst nur interimistisch aushelfende Zauberschlagwerker Gavin Harrison (ansonsten eben bei Porcupine Tree und King Crimson angestellt) mittlerweile nicht nur eine fixe und wertgeschätzte Bleibe in der Band von Bruce Soord gefunden hat, sondern seine technisch virtuose, butterweiche, wie selbstverständlich beeindruckende Gelassenheit auch symbiotisch in das Wesen von Pineapple Thief eingespeist hat. Harrison ist als gleichberechtigter Songwriter in der Band angekommen, während der Bandkern ohne verbleibende Reibungspunkte oder (zumindest nahezu) Gastmusiker gesetzter in sich selbst und in einer stillen Melancholie ruht, zu einer absolut runden Platte gefunden hat, die The Pineapple Thief als kontemplative Leisetreter formvollendet positioniert und Your Wilderness im direkten Vergleich wie vor innerlicher Unruhe brodelnd scheinen lässt.
Dissolution schmiegt sich in seiner wunderbar nuanciert in die Tiefe gehenden Produktion in ein unverfängliches Anti-Spannungsfeld aus sanftem Artpop und Easy Listening-Prog, mit dem die Band dezidiert weder sich, noch anderen weh tun will. Die betörenden Melodien und das behutsamere Songwriting wehen friedliche gehaucht, wollen keine dezidierten Ecken und Kanten zulassen.

Weswegen das elfminütige White Mist gewissermaßen auch den Höhepunkt der Platte liefert: Ausnahmsweise stellen sich The Pineapple Thief hier phasenweise beinahe auf die Hinterbeine und addieren vor allem durch die charakteristisch-markanten Gitarrenparts von Meister David Torn einen sehnsüchtig-experimentellem Dire Straits-Vibe, der – dezent aber doch – endlich für ansonsten schmerzlich vermisste Kontraste in den Klangfarben einer ausgesprochen mediativen Platte sorgt. Soord und Co. lassen sich dazu in seinen Sog fallen, in dem die Extase freilich dennoch niemals aggressive Ausbrüche tolerieren würde. Es gilt schließlich, die Kohärenz subtil schweigender Elegien auf Dissolution zu halten, die ohne Not zum offensiven Muskelspiel nach und nach ihre Schönheit einwirken lassen.
Im Opener Not Naming Any Names begleitet Soord nur ein melancholisch plätscherndes Klavier, setzt damit aber mit seiner weichen Verletzlichkeit das Stimmungsbild der Platte (und lässt esbeinahe absurd klingen, wenn er „Yeah, we will cause you pain“ im vollkommenen Gegensatz zur Doktin der Platte singt), während am anderen Ende Shed a Light als intime Gitarrenballade mit vorsichtigen Amplituden den Bogen adäquat schließt. Dazwischen fließt Try As I Might so zartschmelzend wie möglich brit-rockend, auf ungefährliche Riffs bedacht, während Soord spätestens im Refrain seine Vorliebe für geschmeidigen Pop nicht mehr kaschieren will, dafür auch jedes Element weichspült und lieber unverbindliche Akustikgitarren bringt, als den gleichförmigen Pegel hochzudrehen. Dissolution ist schon in diesem Aushängeschild angenehm zu konsumieren, liefert schöne Melodien, aber zeigt keinen Biss. Auch Threatening War liefert gutes Songwriting, steigert sich in einen dramatische Grandezza, die aber nichts zwingendes provoziert, sondern schwerelos träumend verführt, bevor Uncovering Your Tracks sich düsterer ausbremst. Begreift man das Album als ambient veranlagten Guide in die wattierte Transzendenz, zündet diese Veranlagung absolut vereinnahmend.

Was dabei dennoch bleibt, ist das Gefühl, dass Swoord (weniger kalkuliert, als vielmehr ein bisschen zu bequem im neu gefundenen Hrmoniegefühls eines konstant gewordenen Bandkollektivs) ohne tatsächliche kreative Gegenpole oder charakteristische orchestralen Arrangements vergangener Tage diesmal zu risikoscheu in den Windschatten von Porcupine Tree arbeitet – sich bis zu einem gewissen Grad in gemachte Betten legt, anstatt den Stier bei den Hörnern zu packen.
The Pineapple Thief wollen eben offenbar nicht die aufwühlende, überwältigende Katharsis sein, sondern das tröstende Pflaster auf einer kaum schmerzenden Wunde. Deswegen beginnt Dissolution auch stellenweise zu gefällig zu mäandern. Songs wie All That You‘ve Got (mit fein futuristischer Synthie-Patina), Far Below oder Pillar of Salt lassen schlichtweg schärfere Konturen vermissen, rieseln zu nebensächlich betörend nebenbei durch. Damit definieren The Pineapple Thief zwar das grundlegende, subersive Wesen von Dissolution zusätzlich verdichtend, arbeiten innerhalb der homogenen Grenzen aber doch zu beliebig und wenig intensiv. Insofern trägt Studioalbum 12 gleichzeitig etwas frustrierendes in sich und erzeugt doch auch einen ganz eigenen Zauber, der beruhigend wirkt und den kämpferischen, digital-kritischen Texten folgend seine eigene kleine Blase im Alltag entwickelt.
Wot Soord sich vielleicht einen Herzenswunsch erfüllt. Denn wahlweise füllt dies das Loch, das Porcupine Tree hinterlassen haben, sogar pflichtbewusster, als Steven Wilson dies mit seiner im steten Wandel befindlichen Solodiskografie aktuell tut. Ob es ohne die unausgegorene Unentschlossenheit vieler ihrer vorangegangener Alben allerdings für die Identität und Zukunft von The Pineapple Thief spricht, sich bis zur Selbstopferung diesem Stigma hinzugeben, kann hoffentlich nicht der Anspruch einer Band sein, die hiermit wieder einmal an einem Scheideweg angekommen ist.

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