The Tallest Man On Earth – There’s No Leaving

von am 9. Juni 2012 in Album, Heavy Rotation

The Tallest Man On Earth – There’s No Leaving

Another Side of Kristian Matsson: Anstelle von fünf Wochen war der Schwede diesmal fünf Monate im Studio. Die Zeit hat er genutzt, um seine knarzigen Songs dezent abzurunden und in die Breite zu ziehen. Und natürlich, um herauszufinden, dass Bob Dylan auch nach 1966 noch musiziert hat.

Grundgerüst und oftmals einzige Stütze der von Matsson so nasal vorgetragenen und unverkennbar an Dylans Schule orientiert intonierten Songs bleibt natürlich die wahlweise muntere oder niedergeschlagene Akustische. Immer öfter aber dürfen ins spärliche Instrumentarium auch Klänge eindringen, die auf den Vorgängeralben noch als exotische Ausreißer dagestanden habe. So ist etwa ‚There’s No Leaving Now‚ nicht nur die introvertierte Klavierballadenanknüpfung an den ‚The Wild Hunt‚ Schlußpunkt ‚Kids on the Run‘, sondern auch gleich meisterhafte Selbstkrönung in dieser Disziplin. Nicht nur in ‚Bright Lanterns‚ heult die einsame Pedal Steel im Hintergrund, während Matsson vorne schmachtet, aber nirgendwo anders passiert das derart herzerweichend schön. Der Einstieg ‚To Just Grow Away‚ ist hingegen eine gefühlvolle Soul-Entführung in die gemächlich schlapfende Bluesvariation bekannter The Tallest Man on Earth Muster, welche praktisch von vornherein vor Augen führt, dass sich da im Detail was getan hat: Die Arrangements sind dichter und ausladender ausgefallen, die Unmittelbarkeit steht hinter den großherzigen Melodielinien an, es darf ruhig mehr passieren, nicht unbedingt aber in aufdringlicher Art und Weise.

Revelation Blues‚ nimmt sich dies zu Herzen, eingängige Ohrenschmeichler dürfen von jeder Ingredienz ausgehen, ohne andere Punkte zu überfrachten. ‚There’s No Leaving‘ lässt mehr Dinge geschehen, fügt dem bisherigen Soundkosmos aus filigran-subtilem, insgeheim aber sogar regelrecht komplexen Folkgeschrammel neue klangliche Ebenen hinzu, ohne den Scheinwerfer von Matssons gewachsener Stimme und seiner Gitarre zu nehmen. Die Produktion ist dazu passend die bisher sauberste: freilich nicht klinisch steril, sondern organisch und geerdet, vollmundig. Das macht die umsichtigen Ergänzungen im Sound erst sinnvoll möglich und hofiert zudem die Tugenden der letzten Platten: Das überragende ‚1904‚ schwänzelt um all die Merkmale, die ein unsterblicher The Tallest Man on Earth Song braucht und stemmt mit ‚Wind And Walls‚ in bester ‚King of Spain‚ praktisch im Alleingang die Ansprüche an“Hitsongs“, deren Latte der Vorgänger ‚The Wild Hunt‚ trotzdem ein wenig zu hoch gelegt hat. Dass hinsichtlich ‚Little Brother‚ in diesem Zusammenhang mancherorts von „einem ‚Like A Rolling Stone‘ für eine neue Generation“ die Rede ist, ist natürlich Blödsinn, macht die Nummer deswegen aber nicht weniger ergreifend.

There’s No Leaving‚ wandelt mit bewährten Mustern einem unscheinbar anmutenden Evolutionsprozess entgegen, vorhandene Wachstumsschmerzen schmiegen sich wie Balsam auf die geschundene Seele. Will man unbedingt Nachwirkungen der gemeinsamen Tour mit Bon Iver erkennen, wird einem Matsson diese nicht gewaltsam verwehren, und doch hat der Mann aus dem Norden hiermit seinen Stil nicht nur markant verfestigt sondern auch erweitert. Der Tallest Man on Earth besingt immer noch die vom Leben und der Liebe Geknechteten, er tut dies mittlerweile mit einer Selbstverständlichkeit und einem unleugbaren Händchen für Ohrwürmer, die meilenweit von seiner selbstbetitelten EP von 2006 entfernt sind. Dass die Dylan-Vergleiche nicht zuletzt in der ausgesuchten Akustik-Folk-Nische auf Dauer haften bleiben werden, daraus macht der schmächtige Schwede letztendlich nur das Beste: Indem er sie nicht als Bürde, sondern als Motivation begreift. Und damit zu einem der konstantesten und vor allem besten Songwriter seiner Generation herangereift ist.

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