The Twilight Sad – It Won/t Be Like This All the Time

von am 19. Februar 2019 in Album

The Twilight Sad – It Won/t Be Like This All the Time

Das ausgiebige Touren mit The Cure hat Spuren hinterlassen: It Won/t Be Like This All The Time positioniert sich aber auch so (selbst)referentiell wie direkt zwischen No One Can Ever Know und Nobody Wants to Be Here and Nobody Wants to Leave, forciert die Aufgeschlossenheit zur Massentauglichkeit insgeheim offener denn je.

Über The Twilight Sad zu schreiben, ohne The Cure zu erwähnen, ist mittlerweile ja nahezu unmöglich geworden. Dafür verantwortlich ist einerseits Robert Smith höchstselbst, bekennender Fan der Band (in den Linernotes gar als „vambo / musical guidance“ aufgeführt) und expliziterer Förderer: Er führte The Twilight Sad als Supportact seiner Band unlängst erst aus Glasgow heraus rund um die Welt.
Andererseits positioniert sich das schottische Quintett auf seinem fünften Studioalbum, dem dritten seit der Zäsur mit No One Can Ever Know, ästhetisch abermals immer wieder dezidiert in der Erbmasse von Robert Smiths Flaggschiff – nicht nur, wenn beispielsweise in The Arbor die Stimmung der unter Wasser durch den Neben oszillierenden Gitarren- und Basssaiten eine flehende Sehnsucht evozieren, oder die anachronistischen Synthies in Keep It All to Myself strahlen, während die Melodien und Hooks von James Alexander Graham distanziert umarmen. Also ja: Der Einflussbereich von The Cure ist hier abermals zu jeder Sekunde allgegenwärtig, wahrscheinlich sogar mehr denn je.

Wo der keyboardschwere Darkwave von No One Can Ever Know darüber hinaus generell wieder dezidierter in den Sound von The Twilight Sad zurückgekehrt ist (wenn auch diesmal nicht als Trägermedium, sondern als texturierende Begleiterscheinung), die Synthies quasi eine Symbiose mit der gitarrenaffineren, eingängigen Ausprägung von Nobody Wants to Be Here and Nobody Wants to Leave eingehen, um eine dunkle, druckvolle Wucht zu beschwören, zeigt der assimilierende Mittelweg keinerlei Inkonsequenz.
Im Gegensatz zu etwa den Editors, die den radikalen Ästhetik-Umbruch in die 80er über In This Light and On This Evening für viele Generationskollegen ja überhaupt erst vorwegnahmen, rudern The Twilight Sad nicht zum fadenscheinigen Kompromiss zurück, sondern erweitern das Spektrum ihres assoziativen Referenz-Forschertriebes. Das postpunkig funkelnde [10 Good Reasons for Modern Drugs] beschwört mit ausgemergelt grummelndem Bass, minimalistischem Beat, Synthies etwa früh auch den Geist von Suicide und Joy Division, während das ätherisch-entschleunigte Sunday Day13 entrückt pulsierend den Ursprung des Albumtitels klärt und entschleunigt formlos ins Ambient-Meer wandert. Das leierende, sirenenhafte Gitarrenmotiv aus Auge/Maschine erinnert dagegen ebenso vage an My Bloody Valentine, wie im rohen, fast schon psychotisch an den Noise gelehnten Girl Chewing Gum trotz seines hymnischen Refrains die Träume von Kevin Shields abseitiger Shoegaze-Instanz durchscheinen. Und im abschließeden Videograms verleiben sich The Twilight Sad über ein Blade Runner-Cinemascope mit sanftmütig beschwörender Dramatik wiederum die flächige Grandezza von New Order ein.

Trotzdem lässt sich vor dem Hintergrund solcher fein nuancierter, subtil phasenverschiebender Facetten der Hang der Band zum (Selbst)Zitat ebenso wenig leugnen, wie jener zur phasenweisen gleichförmigen Monotonie (was auch an Interims-Schlagzeuger Jonny Scott liegt, der hier noch anstelle von Sebastien Schultz trommelt und mit seinem kraftvollen, repetitiven Spiel wie die zweite Silbe im Krautrock extrem straight betont) – samt altbekannt schwadronierender Theatralik.
Muss es aber auch kaum. Schließlich hebt die Qualität des nach und nach wachsenden Songwritings die gewisse Stagnation in Richtung Feinjustierung und öffnet den Sound der Band in zweierlei Hinsicht.
Zum Ersten hat sich nicht nur die Spannweite der Kompositionen verbreitert und die Pole zwischen Verzweiflung und Hoffnung näher zusammengeschoben. Symptomatisch dafür steht I/m Not Here [missing face], das mit stoisch drückendem Bass geradezu leichtfüßig in der Schere aus befreiend gelöster Form und beklemmenden Inhalt tänzelt, dabei aber im direkten Vergleich zur bisherigen Twilight Sad-Diskografie trotzdem an der Oberfläche bleibt: Die Band war schon einmal emotional intensiver und erschöpfender, wo die Klangpalette gewachsen ist, in die sich die das Album bettet.

Zum Zweiten – und im proportionalen Umkehrschluss zum klanglichen Wachstum – wurde die konzentriertere Dringlichkeit nach oben geschraubt. The Twilight Sad gehen nunmehr zielstrebiger nach vor, als in sich gekehrt zu verzweifeln. Nur wenige Monate nach dem Tod von Scott Hutchison ist die Leseweise des Albumtitels also bewusst Dual zwischen Optimismus und Pessimismus offen gelassen, holt jedoch stets packend ab und serviert mehr potentielle Hits, als jedes bisherige Album der Band: Das zwischen aufbrausend-dröhnender Wall of Sound und Nachdenklichkeit aufmachende Shooting Dennis Hopper Shooting; Die zielstrebig über kompaktem Rhythmus arbeitende Schmissigkeit VTr, in derverträumte Melodien immer dichter werden;  Oder der treibenden Chorus von Let/s Get Lost, ordentlich Tempo macht – sie sind nur die Spitze einer erstaunlichehn Ohrwurm-Konsistenz.
Das ergiebt in Summe vielleicht nicht das tiefgründigste und vielschichtigste Album der Schotten, aber wohl das am präsentesten das physische Momentum nutzende – eventuell ja sogar die Platte, zu der sich gar The Cure für eine ausgelassene Party im niederschmetternden düstersten Eck die Indiedisco überreden ließen.

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