Thrice – Horizons/West
Sehr erfrischend: Für Horizons/West, ihr viertes (sehr) gutes Reunion-Album am Stück, vertrauen Thrice nicht nur dem Autopiloten – wenngleich weniger konsequent, als in der Eingangsphase der Platte proklamiert.
Blackout erwacht düstern und mysteriös im elektronischen Ambient. Die sparsamen Drums agieren reduziert und verschwaschen im Hintergrund einer gedankenverloren sinnierenden Zeitlupe, die polternd in dröhnenden Schüben aufgeht. Irgendwann skandiert Dustin Kensrue „Black out the moon, black out the stars, black out the sun!“ als Schlachtruf. Seine Band beginnt Dampf zu machen, zieht die Spannungen an, und lässt letztlich einen extrem stimmungsvollen Opener von der Leine, der ideale Rahmenbedingungen für Gnash geschaffen hat – die wohl heavieste Nummer, die Thrice seit Ewigkeiten geschrieben haben. Wie das Quartett da ein groovendes Riff moduliert, den Refrain erstaunlich plättend brät und den Abgang dann mit zäh blastenden Drum-Salven geradezu metallisch hinausschiebt, hat gefühlt sogar etwas von einem O‘Brother-Aushängeschild.
Auch im weiteren Verlauf wird Horizons/West aus der über die drei direkten Vorgänger gepflegten Komfortzone ausbrechen und unterschiedliche Phasen aus dem ersten Leben von Thrice einflechten – nur nicht mehr derart kompromisslos. Denn wenn sich auch viele Strophen ambitionierter und hungriger aus dem konventionellen Band-Raster lehnen, gehen die Refrains doch stets auf Nummer Sicher.
Undertow wird auf einen elektronischen Beat gebaut, träumt mit flüchtigem Acoustic-Pluckern von sphärischer Kontemplation, ist aber vor dem Ausklang im Nebel um Twin Peaks eigentlich nur die Grundlage für einen kraftvollen Alternative Rock-Chorus. Hinter dem ätherischen Interlude Dusk braut The Dark Glow aus einer Melange der Elemente-Quadrilogy einen breitbeinigen Stadion-Standard vor dem nachdenklichen Epilog. In Vesper Light kontrastiert das zerbrechlich-säuselnde Falsett mit folkigem Fingerpicking und sanftem Perlen bittersüß den bittersüßen Kontrast für pathetischen Stoizismus, der nach der Jambi‘esken Bridge triumphal in die Vollen geht und der Platte eine heroisch gestikulierenden Höhepunkt besorgt.
Ganz so, wie es die grundlegend auf Zuverlässigkeit setzenden Ankerpunkte der Platte grundlegend versprochen haben – wenn gleich Albatross als typischer Thrice-Post-Reunion-Hit voll hymnischer Sehnsucht und etwas zu zugänglich gestrickter Struktur zündet; Holding On locker und schmissig, energisch und straight den zugänglichen Ohrwurm macht; Crooked Shadows als nicht besonders spannender Standard mit heiseren Post Hardcore-Backings zwischen Fugazi und Sparta gewürzt wird; oder das eilige Distant Suns so luftig und zügig über leicht episch strahlenden, erhebenden Arrangements so etwas wie die In Rainbows-Perspektive der Band darstellt.
Dass dabei stets alle Instrumente im Sound und Mix präsent sind, das Sequencing trotz der relativen Vielseitigkeit sehr rund ausgefallen ist und die Platte ohne Ausfall auf starkem Niveau einem guten Fluss folgt, lässt Horizons/West dann durch den Closer Unitive/West auch noch einmal verdient aus dem Korsett herauswachsen – indem Kensrue vor abseitigem Instrumentarium („tines and bells at a playground his kids go to“) poetisch in sich geht, während seine Band wie esoterisch bimmelnde Klangschalentherapeuten eine Verbindung zwischen Unitive/East und Erinnerungen an ihr verdammt kurzweiliges zwölftes Studioalbum verursachen, sich alle Zeit der Welt nehmen und den nötigen Raum lassen, das nicht begeisternde, aber doch interessanteste (und wohl auch beste) Gesamtwerk seit dem Comeback noch einmal auf existenzielle Weise reflektierend nachhallen zu lassen.


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