Tricky – Different When It’s Silent

von am 27. Juli 2026 in Album

Tricky – Different When It’s Silent

Sechs Jahre nach Fall to Pieces sind wir nach offizieller Zählweise beim 15. Solo-Studioalbum von Tricky angekommen. Und während man selbst auf eine ganz andere Ziffer kommen würde, ist Different When It’s Silent insgeheim sowieso vor allem Adrian Thaws‘ Vision von Mitch Sanders‘ Debüt-Langspieler.

Keine Ahnung, was genau Alan McGee in dem Material gehört hat, um die 58 jährige Bristol-Legende davon zu überzeugen, es nicht unter dem Banner eines weiteren Nebenprojektes zu veröffentlichen, sondern als reguläres Tricky-Werk: „Mate, this is a Tricky album. This is the best thing since Maxinquaye. This has got to be a Tricky album!“ soll er jedenfalls gesagt haben. Und liegt damit gar nicht mal so falsch. Auch, weil dem Oasis-Entdecker klar war, dass die Rolle von Workaholic Tricky auf seinen eigenen Alben nicht zwangsläufig die des Protagonisten sein muss.
Different When It’s Silent geht diesbezüglich aber tatsächlich sogar weiter, als viele der Koop-Projekte von Thaws, indem der Namensgeber und Strippenzieher hinter den Kulissen als Kurator und Regisseur agierend nach außen hin auf mehr denn je die Rolle eines unscheinbaren Nebendarstellers einnimmt, während er nominelle Erfüllungsgehilfen als Protagonisten einsetzt.

Wobei weite Strecken der Platte in dieser gewohnten Praxis insofern neue Wege gehen, indem nach Martina Topley-Bird und Marta als Musen diesmal Mündel Mitch Sanders – „he is like a nephew“ – als kommender Superstar zum Aushängeschild wird.
Die Aussage „This is the first album I’ve done with mostly male vocals“ kommt insofern einem Understatement gleich: Nur im deplatzierten Out of Place – das mit mehr Tempo nach vorne poltert und einfach unmotiviert abblendet – hören wir durch die mittlerweile beinahe auf eigenen Beinen stehenden Marta eine weibliche Stimme. Und das passt natürlich per se.

Doch auch Sanders füllt das sinistre Spotlight, das Tricky patentiert hat. Selbst wenn man festhalten muss, dass Different When It’s Silent nicht in letzter Konsequenz das Songwriting zu bieten hat, das er sich nach der Talentprobe Saloon von 2025 verdient hätte, weil die Kompositionen oft nirgendwohin führen, sondern um eine grundlegende Idee wie atmosphärisch dichte Skizzen zirkulieren.
Das gilt paradoxerweise selbst für Paris Maybe, einen von Tricky überarbeiteten Sanders-Song, der im eigenen Dunkelheit-Saft brät. Oder eher konsequenterweise. Wir haben es ja eben mit einem Tricky-Album zu tun. In all seiner symbiotischen Synergie.

I Still See Me There gibt dafür den Weg vor, schlurft düster und bekümmert um den dominanten Bass und müde Drums. Mitch singt melancholisch mit seiner Kopfstimme und Tricky flüstert dazu, derweil dezente Streicher-Arrangements ein cinematographisches Flair erzeugen und die catchy Hooks sofort hängen bleiben. I’m Yours schimmert im Weichzeichner mit mehr Drive und bratender Rock-Latenz, exemplarisch simpel gestrickt und repetitiv, schmissig und hittig abholend. Be Still in the Pain blickt ausnahmsweise zu einem elektronischeren Trip Hop-Groove und bringt die Strophe von Run Red Rambo mit dem fistelnden Falsett-Chorus von Sanders zusammen.
Der schlapfende Poprock von I Tried ist ebenso minimalistisch wie das mitternächtliche Drum’n’bass-Skelett So Cold, das mit einem hauchenden Stichwortgeber im Hintergrund mäandert, aber die Gewissheit nährt, dass Tricky seine eigene, mittlerweile wohl endgültig kaputte Stimme wohl nicht wiederfinden wird.

Cannon Fodder pulsiert nokturnal über einer kontemplativen Orgel und lässt den Tritt in den hintern vermissen, Because I Don’t Know shaked zurückhaltend an der Oberfläche des Tricky‘schen Signature Sounds.
Marinade stammt aus der Feder von Dope Lemon, einem Nebenprojekt von Angus Stone, mit neuen Spoken Word-Texten, die im Hall vor der Reduktion von Streichern baden, bevor ein rasselnder Beat übernimmt. Radana – mit Gastrap von… Radana! – funktioniert strukturell nach dem exakt selben Prinzip als wogendes Gerüst einer gefühlten Muggs-Produktion, die irgendwann entschleunigt wummert.
In Piano führt das titelstiftende Element in die Oper und Frontier Town adaptiert in 99 Sekunden durch Christian Pattemore (Forgotton Pharaohs) einen funky polternder Chant, bevor das an der Gitarre geschrammelte Hengrove Blues weich und zart den betörenden Bogen eines Sammelsuriums schließt, das zwar sicher nicht das Beste ist, was Tricky seit Maxinquaye gemacht hat. Doch zumindest im Ansatz liegt McGee tendentiell richtig: Mehr fesselnde Aura hatte schon lange kein Werk des britischen Genre-Paten mehr.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen