Tu Fawning – A Monument

von am 2. Mai 2012 in Album, Heavy Rotation, Reviews

Tu Fawning – A Monument

Tu Fawning arbeiten daran, ihre progressiv alle Genremauern einreißende Stammesmusik zugänglicher zu machen. Und scheitern – natürlich – auf wunderbarste Art und Weise.

Man wird das Gefühl nicht los: Verlöre man die erhabene Stimme von Sängerin Corrina Repp auch nur einen Augenblick aus den Ohren, man wäre auf ‚A Monument‚ hoffnungslos verloren. Das in nicht einmal einem Jahr gezimmerte Zweitwerk der Band aus Portland erweist sich nämlich als beinahe ebenso verwirrender Irrgarten wie das Debütwerk ‚Hearts on Hold‚. Unwirklich begleitet Repp diese exzentrischen Songlabyrinthe, markiert den roten Faden und nimmt durch Kompositionen an der Hand, die innerhalb weniger Minuten mehr Haken schlagen, als andere Bands auf Albenlänge. Psychedelische Alternativskizzen sind das, mäandernd, rumpelnd-trockende Rhythmusentdeckungen, Folkrock in extremer Schräglage, karge Erkundungstouren durch die Welten von Menomena und Celebration und tränenreichem Doomjazz, waghalsige Ambientexperimente am Rande des Indierock, Bluesriffs mit verschmiertem Eyeliner über fiesem Afrobeat, ambivalent gespaltene Slo-Motion Totentänze und Cut-and-Paste Jamsession für epileptische Valiumabende. Mag man es nennen wie man will: Tu Fawning sind wenige Augenblicke danach ohnedies schon wieder ganz wo anders am Werken.

Und doch ist diese zelebrierte Exzentrik auf ‚A Monument‚ in weitaus konkretere Bahnen gelenkt, als noch auf ‚Hearts on Hold‚. Entstand das Zweitwerk erstmals als Gemeinschaftsprodukt unter der Federführung von Repp, streift ‚A Monument‚ deswegen immer wieder griffige Strukturen, die genug Reibungsfläche bieten um sich festzukrallen. Von Pop will man da nicht sprechen, obwohl es im verqueren Kontext eventuell sogar angebracht wäre – vielleicht eine weniger verschlungene Eingängigkeit samt hartnäckiger Widerhaken? Den versammelten Songs wohnt jedenfalls eine konkretere Zielfixierung inne als ihren zehn Vorgängern, natürlich kann wenig wirklich kompakt sitzen, wenn Nähte mutwillig zum Zerreißen gebracht werden.
Niemals vermitteln Tu Fawning dabei das Gefühl, wahllos Ideen aneinanderzuschrauben, das große Ganze bleibt stets im Fokus und der geheime Trick der Band ist der selbe geblieben: Wieder überrumpeln sie, kraxeln durch ihre undefinierbaren Genreversatzstücke und lassen den Hörer am Ende doch nicht dumm zurück: Die verhackstückten Wahnsinnsttaten bleiben zu jedem Zeitpunkt schlüssig, oder besser, sie werden es, denn natürlich verschlingt auch ‚A Monument‚ Zeit und Aufmerksamkeit, will erforscht werden und letztendlich geliebt. Tu Fawning schreiben eben mit und für den Kopf, vergessen aber niemals auf den Bauch: ‚A Monument‘ bringt eine tiefgehende Emotionalität in die Musik der Multiinstrumentalisten, die Beziehung zwischen Haege und Repp schlägt Wurzeln zwischen die Stühle.

Verstecken sich doch hinter den immer noch so düster schimmernden Monoliten verletzliche Schönheiten, die viel zu geben haben. In dieser leisen Dramatik ziehen filigrane Nebelschwaden aus dicken Orgeltrieben durch zeitlose R&B Gerüste wie ‚Blood Stains‚, ‚A Monument‚ lockert sich immer wieder für verstärkt eingesetzte, fließende Synthesizerpassagen. ‚Wager‚ drückt die unheilschwangere Stimmung bis zur ausbrechenden Noisegitarre vor sich her und erlaubt dann gar die Ahnung eines beinahe euphorischen Höhepunkts am Gemeinschaftsmikrofon. ‚Build a Great Cliff‚ wird in einer postapokalyptischen Welt trotz seiner verschleppten Beats die epische Einzugsmusik für die letzten Gladiatoren in der Arena sein, so sehr zeigt man hier auf. Die gedrückte Stimmung kratzt sich an sich selbst auf, die Atmosphäre verdichtet sich beklemmend: Einen schöneren, traurigeren Song als ‚To Break Into‚ haben Tu Fawning dann auch noch nicht geschrieben. Pianos klimpern wie von Geisterhand neben verschrobenen Saxofonen, ausgefuchstes Schlagzeug stellt sich zwischen verhalltene Rhythmen und lethargischen Afrikans-Tribal umgarnt die tiefen Töne als Grundlage. In einer geistreicheren Welt wäre dies Hipster Musik. Tu Fawning spielen dessen ungeachtet ihre soviel nahbarer gewordene, niemals greifbare Simplizitätsverweigerung als schizoide Balladensammlung für die dunkelsten Stunden der Nacht.

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1 KommentarKommentieren

  • Axhi - 13. Juli 2012 Antworten

    Tu Fawning haben bei mir Beirut als Lieblingsband abgelöst. Selten war Melancholie so schön vertont. Das Debut ließ ja bereits Großes erahnen, aber das hier bringt Tu Fawning auf ein ganz neues Level, was mir persönlich wirklich gut gefällt 🙂
    Liebe Grüße!

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