Turbostaat – Nachtbrot

von am 7. Februar 2019 in Livealbum

Turbostaat – Nachtbrot

20 Jahre Turbostaat! Zum Jubiläum beschenken die Husumer sich selbst und die Fangemeinde mit ihrem ersten Livealbum. Sehr gut – näher als mit Nachbrot wird man einem Konzert der deutschen Ausnahme-Punkrocker nämlich kaum kommen können, ohne die eigenen vier Wände verlassen zu müssen.


Der gerade im Vinylformat superschick aufgelegten, mit Fotobuch ausgestatteten und im Vorverkauf auch trotz allem noch bewusst zu billig vertriebenen (ganz ehrlich: alleine diese Aktion spricht für die Bindung von Turbostaat zu „ihrem wichtigsten Mitglied“, den Fans!) Dokumentation gelingt nämlich das essentielle Element einer jeden Live-Veröffentlichung bisweilen geradezu selbstverständlich: Die Stimmung, das Flair und die Spannung einer tatsächlichen Show wurde weitestgehend mitreißend konserviert, der Funke springt über. Nachtbrot kommt infizierend, physisch greifbar und auch atmosphärisch einnehmend aus den Boxen, macht schlichtweg Spaß und ist authentisch.
Moses Schneider hat als Produzent insofern (wieder einmal) einen grandiosen Job gemacht, lässt die 82 Minuten ungehübscht und kraftvoll klingen, die doch sehr ausführlich veranschlagten 21 Songs strotzen vor der typischen Kraft und Dringlichkeit. Letztendlich bestimmt zwar auch die reichhaltige Quantität den Mehrwert der Platte, doch wer nicht unstillbarer Anhänger der Band ist, könnte über die volle Distanz schon den einen oder anderen latenten Durchhänger in der Aufmerksamkeit spüren – ein bisschen gleichförmig ist das Material der Band mit dem charakteristischen Sprech/Gesang zwischen Punk- und Indierock dann trotz der wohldosierten Dynamik in einer derart geballten Ladung auf Dauer dann doch.

An sich macht Nachtbrot allerdings wenig falsch – was vielleicht nur Verfechter der ganz frühen Phase der Band anders sehen werden. Nur wenige Songs von Flamingo und Schwan („Die ersten beiden Platten könnte man im Grunde mit ‚Ich kann das nicht richtig‘ und ‚Das war anders gemeint‘ charakterisieren und trotzdem (oder gerade deswegen) gefielen dem einen oder der anderen diese Platten …“) finden schließlich erst ein bisschen stiefmütterlich erst spät Platz in der Setliste, die zeitlich von Vormann Leiss (2007) und dem drei Jahre später nachfolgenden Das Island Manøver an dominiert wird. Dafür gibt es 18:09 Uhr. Mist, verlaufen vom ersten Tape überhaupt (Erst Denken – Dann schimpfen), außerdem mit Kriechkotze ein Cover von Dellwo.
Den Rest besorgen vor allem Stadt der Angst und Abolonia. Klar, dass sich da zahlreiche Favoriten nur so auffädeln. Mitten in einem solchen, Wolter, fordert Sänger Jan Windmeier die Menge auf „Lasst uns zusammen singen!“ Dabei gleicht das Publikum die äußerst rare Dichte an Zwischenansagen ohnedies zu jeder Zeit mit einer enthusiastisch vorgetragenen Textsicherheit aus. Aufgeführt ist dieser Chor der knapp 800 Besucher, die sich an den 3 Abenden im Leipziger Conne Island eingefunden haben, aus denen dieser Mitschnitt nahtlos zusammengebastelt wurde, übrigens im Booklet. Wenn Windmeier Nachtbrot später mit dem obligatorischen „Danke euch, dass wir das hier machen dürfen“ beendet, bleibt indes wie immer offen, wer hier eigentlich wem zu Danken hat – was sich am besten auf der nächsten Tour zu klären versuchen lässt. Einstweilen hätte es in besseres Geschenk als Nachtbrot für Fans kaum geben können. Alle anderen finden einen sehr guten Einsteigepunkt in das Schaffen der Band aus Husum. Insofern: Happy Birthday!

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