Warning – Rituals of Shame
Schien es zuletzt noch so, als hätte Patrick Walker zumindest ein gewisses Maß an glücklicher Zufriedenheit gefunden, stürzt er sich jetzt, mit den wiederbelebten Warning, einmal mehr in schier unendlich bekümmerte Rituals of Shame.
Obwohl der 48 jährige Brite exakt zwei Dekaden nach dem letzten Album seiner ersten Band wieder deutlicher als seitdem in den Doom wandert, sind die Grenzen zwischen – den mittlerweile neben Walker und Gitarrist Wayne Taylor sowie Bassist Marcus Hatfield durch Neo-Schlagzeug Andy Prestidge personell vervollständigten – Warning und 40 Watt Sun gerade im Fahrwasser des heavier ausgefallenen Little Weight zwangsläufig fließend.
Natürlich wegen des Songwritings und der grundlegenden Ästhetik, aber auch klanglich. Produzent Chris Fullard inszeniert das Comeback-Werk in einer zum The Arch Studio umgebauten 140 Jahre alten ehemaligen Kirche gemeinsam mit Adam Gonsalves (Mastering) und Tom Dring (Drum Engineer) deutlich satter und voller, als es die beiden ikonisch verehrten Genre-Klassiker The Strength to Dream (1999) und Watching from a Distance (2006) waren. Er poliert die Band auf sauberere Weise größer, runder und kraftvoller – gerade was die Rhythmussektion angeht – und auch die Gitarren klingen nun noch anmutiger, wo sie früher roh und ungeschliffen eine zähe Massivität pflegten.
Auch deswegen hat Rituals of Shame im direkten Vergleich zu seinen beiden bisweilen schroffen Vorgängern eine neue Art der effektiven Unmittelbarkeit für Warning gefunden, die, mit einer relativen Bekömmlichkeit einhergehend, 45 Minuten Spielzeit trotz eines monolithischen Charakters (im positiven wie latent negativen) eigentlich gar nicht erst als überwältigenden Brocken anlegen.
Nur das auf jeder Ebene düster und zäh veranlagte Herzstück Night Comes Down („The darkness grew so strong/ It even moved the stars to/ Try to find a place to hide“) schleppt sich etwas sperriger entlang des pathosschweren Wehmuts, dramatisch klagend, und sorgt mit seiner hakelig schleichenden Art dafür, dass das Suhlen in der Trauer nicht zu reibungslos abläuft, und man sich in den Arm genommen auch etwas erarbeiten muss: „And the night comes down over me/ Pregnant with pain/ Burying me piece by piece.“
Zeilen wie diese zeigen jedoch auch, dass, so homogen der Übergang von 40 Watt Sun auf den ersten Blick zumindest in mancherlei Hinsicht funktioniert, sich vor allem auf inhaltlicher Ebene jedoch praktisch sofort jene Abgründe auftun, die der immer am offenen Herzen erschütternde Walker nur mit Warning erforscht.
Vor allem der herausragende Titelsong und Opener wringt die bittersüße Trademark-Melancholie in purer, flehender Schönheit aus, badet in einer tieftraurigen Sehnsucht und kann die Augen nicht vor der emotionalen Tragik des Seins verschließen, die alsbald ihr Mantra findet: „I can’t closе my eyes to it“ wiederholt Walker immer wieder, steinerweichend verzweifelnd. „I can’t close my eyes/ I can’t raise a hand/ To cover my eyes to the hell of it all“.
Allerdings stellen Warning jeder Ohnmacht all ihre Stärken entgegen und lösen den Song in einer ergreifenden Grandezza auf. Die Gitarren thronen bedrückend erhaben und Walker hält der prosaischen Wucht der simplen, profanen Melodien und Riffs, die kein Spektakel zelebrieren, einen poetischen Spiegel vor, weil die Einsamkeit kein Entrinnen darstellt.
„Trembling and dumb between us is the test of a love that I can’t win/ You’re watching my eyes, but you don’t know the flame I’m feeding/ Where all time exists/ It’s easier to separate the silence from the face that I hide when l am“. Und weiter: „And here, in the central hour of my life, all experience bursts in on me/ Pulling me into the shame of the most base rituals of humiliation/ It’s not in the darkness of certainty that I need you most/ But in an ever-living, self-defeating horror that follows me wherever I fall“.
Pallbearer vermissen derart unter die Haut gehenden Momente seit vielen Jahren, sonst sind sowieso nicht viele Genre-Kollegen überhaupt in dieser Intensität dazu fähig. Und auch Rituals of Shame selbst nur noch annähernd.
Walker sucht keine Vergleiche, Lösungen oder Antworten, drängt keine Schuldzuweisungen auf. Er bleibt abstrakt und universell, geht in einem Akzeptieren, Reflektieren und Sinnieren über unverrückbarer Zustände auf. Tischt ein Labsal des Fatalismus auf, wo bodenloses Unglück nicht allein Elend bedeuten muss, sondern auch der Nährboden für eine andächtige und majestätische Haltung sein kann. Selbst wenn er – egal für welche Plattform – bereits noch grandiosere und erfüllendere Stücke geschrieben hat und es sowieso kein Happy End geben kann.
Denn derweil der Instant-Pleaser Stations bereits vorab dafür gesorgt hat, dass sich kein Fan Sorgen darum machen musste, dass diese (mit dem guten Standard Landing Lights auch nur einen weniger hochklassigen Song an Bord habende) Rückkehr in qualitativer Hinsicht überzeugen würde, finden sich im Umkehrschluss und Verlauf eben höchstens minimale Spuren eines weitestgehend getilgten Optimismus, sei er auch noch so zweckmäßig – „Whatever you leave me/ You leave me alive“ heißt es in dem Herold beispielsweise.
Doch die abschließende Machtdemonstration Teacher kann nicht aus ihrer Haut oder mit Dingen abschließen, gönnt seinem abrupten Ende deswegen auch nur vermeintlich einen versöhnlichen Anstrich, bevor sie einem so befriedigenden, schmerzhaften und niederschmetternden (wiewohl niemals trostlosen) Album – das praktisch exakt das ist, was man sich von dieser Rückkehr erhofft hat… nur eben nicht mehr – kurzerhand den Boden unter den tragischen Füßen wegzieht: „But I can’t see beyond you/ And I can’t count to the ways I love you“.


Kommentieren