White Ward – Love Exchange Failure

von am 30. September 2019 in Album

White Ward – Love Exchange Failure

Um Love Exchange Failure über den 2017 mit Futility Report angezeichneten Horizont hinauswachsen zu lassen, haben Yurii Kazarian und Andrii Pechatkin die Besetzung von White Ward vollständig ausgetauscht. Das Ergebnis gibt diesen drastischen Schritt nun jedoch weitestgehend recht.

An den grundlegenden Polarisierung der Band aus Odessa hat sich dabei nichts geändert – immer noch vermessen die Ukrainer die Spannweite zwischen schmeichelndem Darkjazz und harrschem Blackgaze. Allerdings hat sich die Perspektive und Gewichtung seit dem Debüt geändert, wenn auch nicht so drastisch wie es das personelle Karussell suggerieren könnte. Love Exchange Failure dehnt den Einfluss des Jazz noch einmal deutlich aus, macht die Noir-Flächen nicht mehr zu Segmenten, sondern zu den grundierenden Flächen, auf denen Blastbeats und Gekeife drangsalieren.
Das Problem ist dabei nicht, dass eben jene Black Metal-Aspekte nicht ganz die Qualität von Futility Report erreichen. Immerhin haben White Ward in dieser nur auf den ersten Blick kaum spektakulären Ausprägung ihres Sound über eine zum Hardcore tendierende, geradezu knackige Griffigkeit durchaus eine eigene Handschrift gefunden.
Es erweist sich vielmehr als problematisch, dass das nominelle Quintett die Übergänge zu diesen beißenden Aggressoren nicht formvollendet rund gestaltet, das Songwriting oft zu abrupt in den Berserker-Modus kippt.

Nachvollziehen lässt sich dies gleich am Opener und Titelsong. Dort ziehen düstere Field Recordings und urbane Soundscapes mit entfernten Sirenen in die Stimmung. Ein bedächtiges Piano breitet sich dazu aus und langsam streicht ein Besenschlagzeug ins Geschehen, das Saxophon weht durch kalte, aber friedliche Nächte, und man ist mitten drinnen in Welten voller rauchiger Kellerbars, für die normalerweise Bohren & der Club of Gore, das Killinanjaro Darkjazz Ensemble oder Angelo Badalamenti zuständig sind – wenn auch nicht gänzlich auf dem selben tiefenwirkenden Niveau wie die übermächtigen Referenzen. (Und aus dem gefälligen Mitternachts-Schwofen heraus traumwandelnd schwelgend schon gar nicht im unberechenbaren Hunger eines tatsächlichen Jazz agierend).
Doch White Ward entfalten da eine wunderbar imaginativ schwelgende Atmosphäre. Wenn die Gitarren elektrischer und die Dichte drückender wird, ein bisschen Earth‚esk bratend, passiert die Eskalation in den tackernden Blackgaze mit seinem vergleichsweise verständlichen, unmittelbar packenden Gekeife jedoch so vorhersehbar überfallsartig. Dass die Riffs danach massiv gedeihen, mit der leisen Ahnung einer Psychose in den Texturen, die irgendwann sogar ergebende Chöre andeutet, ist ein guter Trost. Die Nummer wirft sich aufopfernd, verrucht und aggressiv in die Presche einer energischen Breitbeinigkeit, hakt die Texte beinahe eingängig stakkatohaft hinaus: Am besten sind White Ward, wenn sie die beiden Extreme ihres Sounds in Einklang gebracht haben und symbiotisch funktionieren lässt.

Mit jeder weiter voranschreitenden Minute wird jedoch offensichtlich, dass die Alchimisten ihres Faches über den anhaltenden Evolutionsprozess aber längst an anderen Dingen interessiert sind, weitere Grenzen erforschen wollen. Hinten raus wird Love Exchange Failure auf die angestammte Basis gebaut immer weiter aufmachen, offenen Welten mit einem noch größeren melodischen Wohlbefinden erforschen und alleine dadurch den Spannungsbogen über nahezu die vollständige Spielzeit von 68 Minuten spannend halten.
Bis dahin überstürzen White Ward jedoch nichts, entwickeln die neuen Ästhetiken im homogenen Fluß ankündigend. Poisonous Flowers of Violence eint seine Kontraste im aufplatzenden Hass vor allem über eine schmissige, klare Gitarrenlinie und der fesselnde Mahlstrom Dead Heart Confession definiert, dass White Ward rundum kompetente Songwriter sind, die nicht nur Segmente und Motive aneinanderreihen.
Doch erst wenn Shelter die Strukturen als am Noise aufgeriebene Klanginstallation auflöst, findet Love Exchange Failure die Freiheiten, um zu seiner tatsächlichen Größe heranzuwachsen – auch wegen der offenen Hästeliste Gästeliste am Mikrofon.

No Cure for Pain addiert erst einen unbekannten Groove in die Lounge und streckt sich dann immer hymnischer zur Decke, soliert gar schwindelfrei, und lässt den am Goth rezitierenden Klargesang von Vitaliy Gavrilenko neben gregorianischen Chants in den Pathos wuchern. In Surfaces and Depths führt die weibliche Linie von Renata Kazhan zu einer ätherischen Alternative Rock-Ballade, bevor das kontemplativ von Ivan Kozakevych geführte Uncanny Delusions mit Type 0 Negative-Flair irgendwann die Spannungen anzieht und in einen dringlichen Black Metal-Rausch kippt. Der mit fetten Akzent vorgetragene rezitierende Part ist vielleicht schwülstig – der sludgig zum Geschwindigkeitskoller gebrüllte Nachsatz dafür aber umso zwingender. Und dass Love Exchange Failure mit postmetallischem Isis-Ambiente progressiv ausklingt verdeutlicht dann ohnedies nur, dass der eingeschlagene Weg von White Ward mit gesunderem Kern – um die Konstanten Kazarian und Pechatkin – und freien Radikalen drumherum noch großes verheißen könnte.

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