Ostraca – Thread
Etwas mehr als ein Jahr nach ihrem fabelhaften 2025er Kleinod bauen Ostraca mit dem fast doppelt so langen Thread das Hohheitsgebiet von Eventualities weiter aus.
Waren die 20 Minuten aus dem Vorjahr ausgeschrien noch ein neuerlicher imposanter Evolutionsschritt für die ohnedies immer besser werdende Band aus Richmond, greift die Hebelwirkung für Bassist Gus Caldwell, Gitarrist Brian Russo und Schlagzeuger John Crogan diesmal gefühlt die erarbeitete Basis sichernd in die Tiefe, als wolle man die im vergangenen Jahr eingeschlagenen Pfade noch kompletter und ergiebiger erkunden – Stagnation will man das insofern eigentlich auch auf keinen Fall nennen!
Uncollected nimmt sich nachdenklich Zeit um in Gang zu kommen, eskaliert dann aber rasch und wild keifend zu den trocken tackernden Trademark-Drums und einer grieselig ihr Riff nach vorne treibende Gitarren. Dass sich die Nummer widerwillig abbremst, um sofort wieder Spannungen aufzubauen, ist dann Ausdruck der immensen Dringlichkeit, die Ostraca selbst in den kontemplativen Phasen der Platte an den Tag legen.
Und diese musikalisch weniger aggressiven Ausrichtungen nehmen – selbst wenn die Vocals beinahe immer unwirsch schreiend bleiben – auf Thread gefühlt mehr Raum ein als bisher.
Enmiserate übernimmt zwar im straffer gezogenen Sound nahtlos von Uncollected, drosselt das Tempo aber schwelgend. Gesanglich bleiben die Daumenschrauben angezogen, doch ein Piano tröpfelt melancholisch und harmonisch gesungene Backings addieren ein zusätzliches Gespür für Melodie – wenn zur Mitte hin Kerosin in das verträumte Taumeln gekippt wird.
Und klar: Sicher erfinden Ostraca ihren MO hier keineswegs neu und verlassen sich strukturell und ästhetisch im Grunde auf etablierte Tugenden, entlang derer es weitestgehend keine wirklichen Überraschungen oder Risiken geben muss. Sie balancieren das Spektrum aus Anmut und Aggression aber eben auch einmal mehr mit Referenz-Klasse in ihrem Metier, gestalten die Kontraste in der Bandbreite gewohnt dynamisch, weich und rund – vielleicht sogar eine Ecke zu routiniert, um ganz das Niveau von Disaster (2023) und Eventualities (2025) zu erreichen.
Doch Song for November ist schön und betörend, weht den Emo klopfend nach vorne und hat eine starke Gitarrenlinie. Der Mittelteil zieht sich zurück, zu einer Art ruhig pendelnden Introspektive in einer Lagerhalle, in der eine entschleunigt pendelnde Have a Nice Life-Atmosphäre herrscht, die Sehnsucht nach den tragisch-malerischen Postrock-Score-Welten von Mono hat – freilich nochmal nach Ostraca-Art radikalisiert.
Ganymede baut tänzelnd seine Intensität auf, kippt dann jedoch gedankenschwer in ein somnambules Tauchen, das den Bass tief und die Gitarrenlinie wie gespiegelte Sonnenstrahlen auf dem Meer funkeln lässt.
Und dann bricht die Band hinten raus doch noch aus. Freedom From Pain wütet plötzlich so harsch in den Blackened Crust, kloppt punkig und hat eine bestechend aggressive Energie, die sich zwei Minuten lang herrlich hemmungslos auskotzt. Selbst die typisiert folgende Einkehr stampft wie ein Derwisch um sich schlagend.
Greater Darkness (Something Worse) setzt dagegen vor einer Slint’esken Landschaft auf einen ungewohnten – und ungewohnt polarisierenden – Klargesang, der sich zu einem wüsten Wirbelwind voll finsterer Zukunftsaussichten echauffiert „The nightmare leaves its mark upon you/ To prove that it is real/ This hell will continue/ Until it becomes something worse„.
Der einzige Hoffnungsschimmer ist da, dass die so konstanten Ostraca selbst eine zuverlässige Bank sind. Und bleiben werden.


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