YHWH Nailgun – Magazine
10 Songs in 11 Minuten. Die Experimental Rocker YHWH Nailgun halbieren für ihr Zweitwerk Magazine im Jahr nach dem Maßstab-Debütalbum 45 Pounds jedoch nicht nur die Spielzeit.
Die vorab angekündigte Spielzeit hat der Band aus New York viel Aufmerksamkeit gesichert, was Magazine freilich auch einen schweren Stand mit der Erwartungshaltung beschert. Was nicht das Problem des Quartetts ist. Denn die philosophiert eigentlich über existentialistischere Dinge.
Knapp 15 Monate nach 45 Pounds geht es Zack Borzone, Saguiv Rosenstock, Jack Tobias und Sam Pickard jedenfalls nicht darum, die Frage zu beantworten, wann weniger mehr ist, oder wie sehr man die bisherige Band-Formel mit knapperen Rahmen intensivieren, radikalisieren oder destillieren kann. Viel eher geht es darum, zu erforschen, wie die neue Form den Inhalt neu arrangiert, ohne die Essenz der Band zu verlieren.
„We’re trying to remove things that seem like they are “what YHWH is” and see what we’re left with, to find out what the band really is. Like removing the rototoms, making songs shorter, changing it from drum-forward to guitar-forward.“ so Borzone.
Neben der Spielzeit hat sich insofern auch das Tempo der Band gefühlt halbiert, während die Instrumente abseits des Schlagzeugs dominanter im Raum stehen, die Texturen den Mix einnehmen. „While we were working on it, we wanted to make it even tighter and smaller and put more in the little spaces.“ erklärt Borzone, wobei Rosenstock ergänzt, dass der Arbeitsprozess nicht nur einer der Reduktion war, was die Länge der Platte betrifft: „That’s why we switched from five to 10 minutes because you can’t really make something that feels more than a fraction of a song in less than a minute.“
Tatsächlich fühlen sich in dem kaleidoskopartig sedierten Prisma Magazine nur zwei Tracks unfertig an – diese sind jedoch beide darauf ausgelegt: Die pointillistische Battles-Reminiszenz des Titelstücks blendet nach 35 Sekunden als kürzestes Stück einfach mit einem abrupten Cut ab, und der fast tanzbare Closer To the Devil wählt ein frühes, fahles Fade-Out. Es geht eben doch auch darum Grenzen auszutesten – gegebenenfalls mit radikaler Konsequenz.
Auch sonst ist Magazine wie eine Collage aus Snippets angelegt, funktioniert dabei aber gar nicht so (selbst)kasteiend, sondern erstaunlich schlüssig: Der neue Zugang zu Form und Inhalt passt einfach zur Ästhetik der Band, eventuell sogar besser als der Versuch eines konventionell ausformulierten Songwritings. Zumindest im Kontext ergibt das alles schon Sinn und hat mehr oder minder stets Hand und Fuß, indem die Band Szenen kreiert, die man gerne ausführlicher erlebt hätte, die aber, wie Kunstgriff auf die Praktiken des Hardcore, im Ganzen nicht frustrierend in der Luft hängen.
Ghost of Love zappelt hibbelig röchelnd, wie eine rückwärts abgespulte Kirmes-Begrüßung, und richtet den exaltierten Fokus unmittelbar nach innen, auf eine brodelnde unaufgeregte Unruhe.Das tropikal verspulte Stillness Blues spielt sich so vor dunklen Drone-Drohgebärden wie die Kontur einer urgewaltig-monströse Psychose ab, derweil Innocent Sigh die Dynamik komplett umschichtet und in ätherischer Trance die Ahnung einer Melodie durch die Finger gleiten lässt und den Reiz der Unnahbarkeit zelebriert.
Hips on a Wheel ist eine verschroben aus dem Leim gehende groteske Masse, unter der die Rhythmik subversiv antaucht und gerade im schillernd poltertend, heiser leidendenden Ballerina steckt eine Art abstrahierte Catchiness. Die Präsenz, die die dramatische Drohgebärde Give Blood so eindringlich erzeugt, ist beachtlich, wohingegen Sewer Tree umso kontemplativer schleichend stolpert und stackst und Burns als ritualistischer Albtraum klackert und wummert.
Wenn überhaupt haben sich die Kontraste auf diesem Akt der Selbstdisziplin – nicht Verweigerungshaltung! – insofern sogar verschärft. Die Konzeptkunst geht jenseits der Kopfgeburt auf, man (nicht er)findet sich neu. Mit dem Momentum auf seiner Seite ist Magazine sogar gewissermaßen ein Grower – paradoxerweise also womöglich gar der Umkehrschluß zur immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne unserer Gesellschaft?
Weniger ist deswegen zwar jedenfalls nicht mehr, doch haben sich YHWH Nailgun erfolgreich eine neue Perspektive auf die Basis ihrer Identität abgerungen. Und nehmen damit auch vorab aufgekommenen Befürchtungen die Luft aus dem Segel, die knappe Spielzeit sei bloß ein sich selbst limitiertes, effekthaschendes Gimmick.


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