Ty Segall – Ty Segall

von am 13. Februar 2017 in Album

Ty Segall – Ty Segall

Die so unheimlich versierte Backingband vom Konzept-Ungustl Emotional Mugger hat Ty Segall für sein nicht ohne Grund zweites selbstbetiteltes Album behalten, die überdimensionierten Masken und der demonstrativ kaputte Wahnsinn sind jedoch abgelehnt: Der ruhelose Vintage-Meister legt eines seiner persönlichsten Alben bisher vor.

Wenn sich Ty Segall 2017 etwas vorwerfen lassen muss, dann, dass sich der 29 Jährige mit seiner technisch so grandios eingespielten Band im Rücken (Bassist Mikal Cronin, Schlagzeuger Charles Moothart und Gitarrist Emmett Kelly bilden neben Pianist Ben Boye die Freedom Band) dann und wann eine Spur zu vertraut am altbekannten Trademark-Katalog aus all dem patentierten 70s-Garage-Fuzz, den Retro-Riffs, den schmissig den Marc Bolan-Zitaten und Beatles-Verweisen bedient – Ty Segall im Grunde seines Herzens also eben durch und durch wieder so eine typische Ty Segall-Platte geworden ist, die mit einer verinnerlichten Zuverlässigkeit weiß, wie man erfrischend auf einen niemals versiegenden Baukasten eines unversiegenden Songwriting-Talents zurückgreift, aber abseits davon eben kaum grundlegenden neue Erkenntnisse für das Schaffen des unermüdlichen Retrokings liefert.

Was auch daran liegt, dass der gar nicht so heimliche Held der ohnedies der brillante Sound ist: Steve Albini hat als Engineer einen formidablen Job erledigt und das mitreißende Feeling, das Segall und seine meisterhaft eingestellten Jungs erzeugen, schlichtweg grandios eingefangen. Ty Segall lebt von einem weichen, warmen und gleichzeitig unmittelbaren und zwingenden Klang, der praktisch zeitgleich Krallen zeigen und streicheln kann. Die wuchtigen Drums, der packende Rhythmus, die heulenden Gitarren, die lässig abgehangenen Melodien und Hooks – alle Elemente zünden in dieser Umgebung natürlicher als vielleicht je zuvor.
Man ist mitten drinnen in dieser organischen Produktion, die die zuletzt prätentiös gewordene Ästhetik des getriebenen Segall auf eine bodenständigere, wenn man so will auch ehrlichere Ebene umleitet und die Ansätze der Vorgängerplatten kulminieren lässt.  „Mugger was a super-sketchy concept record thing, Manipulator was like, ‚I wanna do the cleanest, shiniest glam rock record.‘ They all have a thing, and the thing for this record was that I recorded it live with a band. It’s the same idea as Slaughterhouse, but with my songs. That’s gonna‘ be the band for the indefinite future, as well.

So unterstreicht das neunte Soloalbum des Kaliforniers dann auch die in der Vergangenheit schon öfter hervorgekehrte These, dass es Segall ganz hervorragend steht, wenn er jedweden Hang zur Kunstfigur ablegt und den Blick auf intimere Ebenen seines Songwriting gewährt. Ty Segall ist lyrisch immer noch abgedreht, aber bisweilen doch sentimentaler und unkaschierter emotional als seine Vorgänger. Etwa wenn Orange Color Queen sich als folkiger Akustikgitarrensong so liebevoll und bedächtig vor Segalls Freundin Denée kniet: „I’ve written her many songs, but I think this is my favorite. She has orange hair, and is my orange color queen. I rarely write songs like this, because it is so easy to sound disingenuous, but I think this one is pretty good.
Auch, weil die Balance zwischen Hart und Zart, zwischen zupackender Heavyness und verletzlicher Leichtigkeit hier mühelos gelingt und sich das homogen verwobene Sammelsurium immer wieder in neue Ausrichtungen wuchtet, Segall runder zum Punkt kommt, obwohl sich das Album hinten raus doch auch ein paar lose Fäden gönnt.

Das bratzt mal herrlich unverschämt groovend (Break a Guitar) und lehnt sich dann wieder als schleppend kullernde Nummer am Country zurück (Talkin‚), im ordentlich rumorenden The Only One platzt ein fieses Solo auf und das so melancholisch friedliche Take Care (To Comb Your Hair) stellt die tolle Gesangsleistung von Segall und die generell nuancierte Performance der Truppe eindrucksvoll auf ein Podest.
Über allem stehen dann auf einem abermals so starken Segall-Album allerdings das in Moll-Farben artig abwartende Papers, das seine Lauerstellung wunderbar funkelnd aufmacht, um als launige Schönheit zu umarmen, sowie das herrliche Doppel aus Freedom und Warm Hands (Freedom Returned): In 13 Minuten spinnen Segall und Co. da einen hippiesk durchgelüfteteten, halbakustischen Flowerpower-Poprock zu einem entspannt durchatmenden Husarenritt, der mit Queen-Gitarren und ätherisch lauerndem Prog-Horizont zum instinktiven Rock’n’Roll-Punk-Jam auswächst. Wenn die Band plötzlich an der Gangschaltung reißt, die Spannung zwischen giftig zupackenden Abfahrten, psychedelisch driftenden Ruhephasen und behutsam in den Arm nehmenden Freiheitsbestrebungen knistert und das alles hinten raus noch einmal furios in seiner Melodie explodiert, kippt einem doch derart befriedigend die Kinnlade runter. Perplexer entlässt da nur das abschließende Untitled: Kurzes Einzählen – und nach 13 Sekunden ist Schluß, ohne dass irgendetwas passiert wäre. So ganz ohne Irrsinn geht es dann eben doch wieder nicht.

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