Ty Segall – Emotional Mugger

von am 11. Februar 2016 in Album

Ty Segall – Emotional Mugger

Ich war gelangweilt und ausgebrannt, was geradlinige Gitarrenmusik anging“ erklärt der Ty Segall, und legt deswegen nach dem relativ geradlinigen Gitarrenalbum ‚Manipulator‚ ein Novum in seiner ausufernden Discographie vor: Sein achtes  Studioalbum seit 2008 ist insofern eine Premiere, als dass es durchaus den Eindruck erzeugen kann, es erstmals mit einem Fehlgriff des 28 Jährigen Worcaholic zu tun zu haben.

Dieser Eindruck revidiert sich mit jedem Durchgang. Weswegen man sich vielleicht gleich vorab darauf einigen darf, es mit dem hinterhältigsten Grower der Veröffentlichungsgeschichte Segalls, zumindest aber mit einer Platte zu tun zu haben, mit der man so nach dem ausführlichen ‚Manipulator‚ einfach nicht rechnen konnte. Der sauberere Sound, die aufgeräumtere und zugänglich seine Hits hofierende, professionelle Ausstrahlung des direkten Vorgängers ist auf ‚Emotional Mugger‚ jedenfalls nahezu vollends zugunsten einer verschrobenen Rohheit gewichen, einer kantigen Dekonstruktivität, die die Errungenschaften von ‚Manipulator‚ sogar ins Gegenteil kehren: Segall hat 40 Minuten lang Lust an chaotischeren Zuständen, an einer drückenderen Stimmung, vermutlich bedingt durch das zweite (natürlich tolle!) Album von Fuzz auch an einer härteren, rockenderen Gangart, an dröhnenden (na klar!) Fuzz, schleppenderen Drums und heavier bratzenden Gitarren. Wenn ‚Manipulator‚ also die leichtfüßige Einladung in den Kosmos des Kaliforniers war, ist ‚Emotional Mugger‚ als garstiger Unruhestifter der potentielle Rausschmeißer, als  schmutzig rockende Kehrseite der Medaille aber vor allem die nächste Facette eines sich in der Form seines Lebens befindlichen Tausendsassas.

Segall zwingt sich mit dissonanter Unberechenbarkeit aus der eigenen Komfortzone, typische Gewohnheiten punkig aus dem Fenster lehnend. Neben alten Verbündeten wie Mikal Cronin tummeln sich deswegen auf ‚Emotional Mugger‚ nicht nur vermeintlich neue Gesichter wie Melvins (und Broken Bat) Drummer Dale Crover , während No Age-Spezi F. Bermudez der Produktion kongenial den Schweiß aus den Poren treibt – mit und King Tuff, Cory Hanson und Evan Burrows von Wand sowie Emmett Kelly von The Cairo Gang sind auch gleich The Muggers geboren, eine enorm physisch wekrende Brut.
Man muss den elf neuen Songs also selbst als Langzeitfan ein Stück weit entgegenkommen, Erwartungshaltungen jedenfalls wenigstens umschichten, um sich in der chronischen Unordnung der Platte zurechtzufinden, um das nichtsdestotrotrotz wieder so mühelos aufgefahrene Melodiegespür hinter der eklatanten Fuck You-Geste zu entdeckten.
Es kommt nicht von irgendwoher, dass ausgerechnet die einverleibte Equals-(of ‚Baby Come Back‚-Fame) Nummer ‚Diversion‚ sich als umgänglichste ins Ohr gehende Nummer auftrumpft, obwohl Segall den ausgelassen stampfenden Song so heavy bratend wie möglich durch den Sludge-Sumpf zieht: Das fetzt schwergewichtig ohne Ende!

Wobei: Schmissig und hartnäckig infektiös ist Segall auf ‚Emotional Mugger‚ eigentlich immer noch zu jedem Zeitpunkt – er artikuliert es nur anders. Songs wie das nach stolperndem Gruselkabinett klingende ‚Squeeler‚ oder das wüst austickend stotternde ‚Californian Hills‚ haben eben keine scheue davor, immer wieder das Tempo zu ändern, zahlreiche kauzige Kniffe in ihr zerfahren angepeitschtes Songwriting grätschen zu lassen und manche Hooks geradezu genüsslich gegen die Wand fahren zu lassen, nur um diese dahinter von neuem wüten zu lassen. Man darf diesmal insofern öfter an Uncle Acid oder einen unglamorösen Noise-Fiebertraum von Josh Homme, denn an die Beatles denken.
Der verzerrte Groove von ‚Breakfast Eggs‚ liegt freilich genau dazwischen, das brillante ‚Mandy Cream‚ poltert in die Psychedelik und findet ein kickendes Gitarrensolo, die zwingende Abfahrt ‚Candy Sam‚ beweist wie hittauglich das Material hier im Grunde immer noch ist, drückt aus den Boxen, stillsitzen ist keine Option. Ein ‚Emotional Mugger/Leopard Priestess‚ gibt sich dagegen über fünfeinhalb Minuten gar so verquer und abgehackt stotternd, dass ‚Emotional Mugger‚ schon beinahe gewollt sperrig anmutet.
Verstärkt (und über das Ende der Platte hinaus getragen) wird dieser launisch-gefährliche Eindruck jedoch vor allem auch durch ‚W.U.O.T.W.S.‚, einem zerschossenen Sperrfeuer aus noch einmal aufgerollten Einzelmomenten von ‚Emotional Mugger‘, wahllos zu einem fiependen Bandsalat zudammengechweißt: Das Herzstück der ausfransenden Schlußphase der Platte. Wer wissen will, warum mancherorts plötzlich die Rede davon ist, dass Segall’s furioser Garage-Rock diesmal angeblich geradezu unhörbar ausgefallen sei, muss sich in diesem bewusst gegen jeden Hörgenuss gestellte Versatzstück auf Erklärungssuche begeben – und darf sich notfalls vom trügerisch am einschüchternden Abgrund wummernden ‚The Magazine‚ versöhnen lassen.

Eine natürliche Reaktion, wie Segall analysiert („Es war eine unglaublich befriedigende Angelegenheit, eine solche Höhlenmensch-Platte als Antithese zu ‚Manipulator‚ zu machen.„) – dazu die Arbeitsweise, die ihm rund um First Takes und ungeschönte Impulsivität mehr zusagt, wie er anhand der Prozesse auf dem tatsächlich ungemütlich schräg hantierenden ‚Emotional Mugger‚ auch nachwirkend vorführt. Grund genug für ihn, diese Ansätze auch in Zukunft wieder stärker zu forcieren.
Was im Klartext bedeutet: Das weiterhin herausragende ‚Manipulator‚ kann der Szene-DJ notfalls immer noch am Stück durchlaufen lassen – ‚Emotional Mugger‚ ist aber in gewisser Weise dennoch die spannendere, weil forderndere Angelegenheit geworden. Man kann sich der fordernden Präsenz der Songs irgendwann schlichtweg nicht entziehen, diesem gemeinen Rock’n’Roll-Gebräu. Mit Segall dürfte es auf absehbare Zeit also weiterhin nicht langweilig werden, auch, wenn er einem die Dinge nicht immer leicht macht.

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