Fontaines D.C. – Dopamine Chamber
Weit abseits ihrer Post Punk-Wurzeln vermengt die Fontaines Dopamine Chamber in der massentauglichen Schneise von Romance die ästhetisch dominierenden Einflüsse aus dem Darkwave, Goth Rock und Synthpop zum bisher besten Album der Iren.
Anstatt ihr fünftes Studio-Langspieler relativ risikofrei auf das Trittbrett des den breitenwirksamen Erfolg bringenden Vorgängers von 2024 zu stellen, erfindet sich das Quintett aus Dublin also einmal mehr ein Stück weit neu – als Chamäleon zwischen den Jahrzehnten, das nostalgische Gefühle für den trendbewussten Retro-Zeitgeist aufbereitet, und dabei diesmal mit einer betont düsteren Ausstrahlung so tief in den 80ern verwurzelt ist.
“Time is never far away for you“ singt ein immer weicher und melodischer intonierender Grian Chatten beispielsweise passenderweise ausgereicht in Mimesis, während die Drums mit straighterem Punch hämmern, und eine auf verführerische Weise ebenso eingängige wie seltsam entwaffnend nebensächliche Nummer mit adaptierender The Cure-Ästhetik auf krautige Weise stromlinienförmig angelegt ist – und damit indirekt den Weg des wunderbar prägenden Openers Six Shot Morning weitergeht.
Dort schwebt die charismatische Stimme über luziden Synth-Feldern, unter denen halluzinogen wogende Elektro-Effekten pluckern, der Beat erst nach dem ersten Drittel einsteigt, und die Nummer danach wie eine Mischung aus dem dritten Editors-Album und einer eklektischen The Horrors-Zeitreise wirkt. Die gediegene Strophe des Darkwave von You Miss Me wird im Refrain jubilierend mit einem Himmel voller Geigen durchgelüftet, während die gepitchte Begleitstimme von Tongue expliziter als jedes andere Element einer puristengiftigen Platte auf Polarisation setzt – doch die mit 90er-Post-Britpop-Stadion-
Demolition ist dagegen eher shoegazender Alternative Rock, der seine Eingängigkeit über den aufbäumenden Rhythmus rollt. Japan macht den Sehnsuchtsort mit verträumter Luftigkeit zum Acoustic-Spagat zwischen DMA‘s und Mazzy Star, nachdem sich Dopamine Chamber mit dem melancholischen Duett Where Is Gone? selbst gekrönt hat: Während die Landsmänner von U2 Rosalía aus der Ferne Blumen streuen, haben Fontaines D.C. die Kollegin kurzerhand ins Studio geholt, um mit ihr eine heimlich atemberaubend schöne Nummer aufzunehmen, die mit zwei sich grandios ergänzenden Stimmen in etwa so klingt, als hätten The Last Shadow Puppets unter der Regie von Lana Del Rey einen Bond-Song für die Prärie anvisiert.
Dopamine Chamber besticht jedoch nicht nur dadurch, dass diese (sich eigentlich für keine stilistischen Prägungen wirklich konsequent entscheiden wollende, vielmehr die Synergie in zahlreiche Richtungen suchende) Vielseitigkeit zu einem homogenen Ganzen verwoben wird – alleine schon durch die gewohnt starke Handschrift von Produzent James Ford, der dem wieder potthässlichen Artwork entsprechend eine Art Fortsetzung von Romance unter bisweilen gänzlich veränderten Vorzeichen ermöglicht.
Sondern auch damit, dass die versammelten 44 Minuten auch in qualitativer Hinsicht das kohärenteste Werk der Bandgeschichte darstellen, weil es Fontaines D.C. erstmals gelingt, ein Album zu konstruieren, das nicht um einige wenige Ausnahmesongs herum gebastelt ist, sondern (etwas weniger explizite Höhen erreichend) durchgängig ein konstant hohes Niveau bietet: Der Grower Dopamine Chamber lässt die einzelnen Stücke für sich selbst funktionieren wie auch im übergeordneten Ganzen aufgehen, und reiht nach ein wenig Kennenlernzeit einen Liebling an den nächsten.
Der Eskapismus Marianne hat sich so etwa aus der Vergangenheit wabbernd symptomatisch von der unterwältigenden Irritation längst zum unkaputtbaren Ohrwurm gemausert, der seinen Chorus in wogender Schönheit auflöst und hymnisch süchtig macht. Happy for You bleibt lange ruhig und zurückgenommen reduziert, behutsam und melancholisch, bis die Nummer zur Mitte hin die fett bratzenden E-Gitarren ausgepackt werden – zuerst nur angedeutet, dann aber als wüst nach vorne gepeitschter Strom voll Energie, Wut und Wucht. One Man taucht elegisch dösend in orchestrale Arrangements ab, obwohl das Schlagzeug in ständiger Spannung zappelt, bevor Intimate den Rahmen im Wirbel der Effekte schließt und sich selbstbewusst in der pessimistischen Abgründigkeit einer dystopischen Platte suhlt, die die Apokalypse unserer Zeit mit ihrer ganz eigenen hoffnungsvollen Poesie aufzuwiegen vermag.
Kaum zu glauben, dass dies die selbe Band ist, die sich vor sieben Jahren mit Dogrel vorgestellt hat.


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