The War On Drugs – Lost In the Dream

von am 2. März 2014 in Album, Heavy Rotation

The War On Drugs – Lost In the Dream

Wo sein alter Spezi Kurt Vile letztes Jahr mit ‚Waking on a Pretty Daze‚ ordentlich vorgelegt hat setzt The War on Drugs Mastermind Adam Granduciel sogar noch einen drauf: das im Gesamten beste Album seiner Band bisher ist ein Bob Dylan meets Bruce Springsteen-Traum sondergleichen.

Wie Vile unlängst geht auch Granduciel diesmal noch elaborierter in die Vollen, gibt dem Drang Strukturen frei fließen zu lassen so deutlich nach wie noch nie, wovon auch die Spielzeit von knapp 60 Minuten über 10 Songs zeugt: geradezu ziellos mäandernde Passagen umschweifen die Kompositionen, alleine der Opener ‚Under the Pressure‚ gönnt sich mehrere Minuten für eine verträumte Abwärmphase – und bezeichnenderweise ist der kürzeste Song der Platte mit ‚The Haunting Idle‚ ausgerechnet eine instrumentale Ambientlandschaft aus lose treibenden Gitarrenmotiven. The War on Drugs nehmen sich mehr Zeit, gönnen ihren Songs noch mehr Raum zum atmen, streunen und sich verlieren. Sicherlich ist dieses typische Nie-direkt-auf-den-Punkt-kommende, dass Vile und Granduciel jeder auf seine Art längst verinnerlicht und perfektioniert haben keine konkretisierende Sache; wie auf ‚Waking on a Pretty Daze‚ ist dieses Stilmittel aber auch auf ‚Lost in the Dream‚ Bestandteil einer unangestrengten Zügellosigkeit, die Granduciel den Rahmen liefert um seinen Blick ausführlicher über Einflüsse schweifen zu lassen, die das dritte Sudioalbum der Band sogar prägender speisen als noch ‚Wagonwheel Blues‚ und das grandiose ‚Slave Ambient‚.

Lost in the Dream‚ zieht seinen bisweilen shoegazenden Indierock weiter hin zum Softrock der 1980er, hat eine exzessive Schwäche für pummelige Bassläufe, satt dahinmarschierende und auch etwas zu simpel agierende Rhythmen, gallig getüpfelte Pianolinien, zurückgelehnte Dire Straits Gitarren, schwülstige Saxofonmomente und glitzernde Synthieschichten, die so auch den Chromatics gefallen sollten. Besonders durch die am wenigsten impulsiven Momente (wie dem überragenden, die Sonne aufgehen lassenden ‚Eyes To the Wind‚ oder der in Kreisen schwimmenden Sehnsuchtsballade ‚Suffering‚) einer sorgsam geschichteten Platte zitiert sich Granduciel intuitiv durch die verschleierten Popalben der beiden immanenten Säulenheiligen Bruce Springsteen (vor allem: ‚Burning‚!) und Bob Dylan (etwa im betörend tröstenden Titelsong) – die es so natürlich nie gegeben hat; die beide derart wohl auch nicht mehr hinbekommen werden.

Der einnehmende Vorabbote ‚Red Eyes‚ orientiert sich dagegen flott nach vorne polternd regelrecht kompakt und um all seine Melodien in Lauerstellung zelebrierend an ‚The Stage Names‚ von Okkervil River, ‚An Ocean In Between the Waves‚ manifestiert sich mit elegant-unbeirrbar hechelnden Drive und geschlossenen Augen irgendwo zwischen tanzflächenfüllendem Classic Rock auf endlosen Highways und einem Lächeln in der rastlosen Einsamkeit, während ‚Disappearing‚ wie eine neonfärbige Discoszene unter Narkotika-Einfluss am Baywatch-Strand schimmert. Um sogenannte Geschmacksfragen scheren sich The War on Drugs diesmal kein bisschen und werden damit  einige Hörer verlieren, die sich noch bereitwillig im fokussierteren, eventuell mit markanteren Einzelsongs ausgestatteten Vorgänger von 2011 verloren haben. Unersetzliche Momente wie etwa jenen, wenn ‚In Reverse‚ aus der Ebbe heraus die Segel setzt, agieren dann aber ohnedies außerhalb aller Zuständigkeitsbereiche jeder Stilpolizei und sind schlicht von bestechender, zeitloser Schönheit.
Mehr als die Summe ihrer Teile ist die Zeitkapsel ‚Lost in the Dream‚ ist eine verführerische Platte, zutiefst nostalgisch ohne angesetzten Staub, die sich entspannt und hochkonzentriert entfaltet, locker aus der Hüfte gespielt wirkt aber hinter der Oberfläche äußerst gedankenvoll arrangiert wurde. Ein anachronistisches Album, dass sich melancholisch zahlreichen Einflüssen genüsslich hingibt, seine Idole feiert ohne jemals die Handschrift Granduciel dafür zu opfern und damit die Latte im fiktiven Hochleistungswettbewerb mit Kurt Vile ein weiteres Mal nach oben setzt. Da dürfen Dylan, Springsteen und Knopfler ruhig mal genauer hinhören.

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